«Stigmatisiert und abgewertet» – drei Dienstverweigerer erzählen
Wer den Militärdienst nicht mit seinem Gewissen vereinbaren kann, kann heute in den Zivildienst. Das war nicht immer so. Den zivilen Ersatzdienst gibt es erst seit dreissig Jahren. Männer, die den Militärdienst verweigerten, gab es jedoch bereits zuvor.
Ruedi Winet, Markus Köbeli und Jérôme Perret gehören zur letzten Generation, die wegen Militärdienstverweigerung ins Gefängnis musste.
Auf die Militärdienstverweigerung folgt die Kündigung
Ruedi Winet hatte gerade seine Ausbildung als Psychiatriepfleger abgeschlossen, als er in die Rekrutenschule einrücken sollte. Sein Gesuch, einen waffenlosen Dienst zu leisten, war abgelehnt worden. Die Begründung habe damals sinngemäss gelautet: «Das gehört sich nicht.» So erzählt Winet es über vierzig Jahre später.
Winet rückte nie in die RS ein. Er war 22, als er 1984 den Militärdienst verweigerte.
Winets Eltern führten ein Restaurant in der Nähe einer Rekrutenschule, Rekruten waren häufige Gäste. «Diese Kultur war mir zuwider», sagt Winet.
Als Winet verweigert, prägt der Kalte Krieg das politische Klima.
Der junge Bündner war politisch aktiv, er engagierte sich für Amnesty International, später auch bei der Gruppe für eine Schweiz ohne Armee (GSOA).
In diesem Umfeld war er nicht der Einzige, der den Militärdienst ablehnte. Die meisten hätten jedoch den «blauen Weg» gewählt. Sie hätten sich ein ärztliches, häufig psychiatrisches, Gutachten ausstellen lassen, um den Militärdienst zu umgehen. Nicht so Winet, der selbst im psychiatrischen Bereich arbeitete: «Für mich hätte sich das falsch angefühlt.»
Also ging er einfach nicht hin. Und musste später vors Militärgericht. Das Schlimmste, erinnert sich Winet, sei die Befragung des Untersuchungsrichters gewesen. Diese habe fünf Stunden gedauert. Was Winet damals nicht wusste: Sein Befrager verfügte über eine Fiche von ihm. «Er wusste, in welchen Organisationen ich dabei war.»
Als Winet etwas nicht erwähnte, das in der Fiche stand, habe der Auditor wohl gedacht, dass dieser ihm etwas verheimlichte, so Winet. «Er ritt stundenlang darauf herum. Er hat mich völlig fertiggemacht. Das war für mich für viele Jahre traumatisierend.»
Das Militärgericht verurteilte Winet zu fünf Monaten Gefängnis, unbedingt. Und schloss ihn vom Militärdienst aus.
Auch wenn er gewusst habe, was ihn erwartet: Der Moment, als sich seine Zellentür im Gefängnis Sennhof hinter ihm geschlossen habe, sei schrecklich gewesen. «Plötzlich bist du darauf angewiesen, dass andere dich wieder rauslassen oder dir etwas zu trinken geben.»
Für Winet hatte die Verweigerung Folgen: Winet verlor seine Stelle als Psychiatriepfleger, als der Arbeitgeber von seiner Dienstverweigerung hörte. «Wir beschäftigen keine Militärdienstverweigerer», habe ihm die Klinikdirektion damals mitgeteilt. Auch später fand Winet keine Stelle mehr auf seinem Beruf. Er fand schliesslich eine Stelle bei der Beratungsstelle für Militärdienstverweigerer, die er zwanzig Jahre lang leitete.
Die Zeit hinter Gitter hinterlässt Spuren
Der 28-jährige Berner Markus Köbeli hatte die Rekrutenschule bereits hinter sich und nur noch drei WKs vor sich, als er im selben Jahr wie Winet beschloss, den Dienst zu verweigern. Bei Köbeli spielten damals ethische und politische Gründe eine Rolle.
Die Dienstverweigerungen erreichten in diesem Jahr einen Höchststand: 1984 wurden 788 Personen wegen Militärdienstverweigerung in der Schweiz verurteilt.
Auch Köbeli entschied sich bewusst gegen den «blauen Weg»: «Alle wussten, dass der blaue Weg eine Option ist.» Es sei bekannt gewesen, welche Ärzte einem weiterhelfen würden. Köbeli geht davon aus, dass die Armee dies ein Stück weit toleriert habe.
Wie Winet sagt auch Köbeli: «Das war für mich unehrlich.» Der Konsequenzen war er sich bewusst: «Jedem jungen Mann in der Schweiz war klar, was es heisst, Militärdienst zu verweigern.»
Auch wenn sein Prozess über vierzig Jahre zurückliegt, erinnert sich Köbeli noch gut daran. Zum Beispiel, dass er in normaler Kleidung vor dem Militärgericht erschienen sei. Die Armeeangehörigen hätten ihn zurechtgewiesen: was ihm einfalle, nicht in Uniform zu erscheinen. Er habe geantwortet: «Ich dachte, wir verhandeln heute, dass ich keine Lust mehr habe, diese Uniform zu tragen.»
Besonders an eine Frage erinnert sich Köbeli noch gut: «Soldat Köbeli, was machen Sie, wenn Ihre Freundin bedroht wird? Stehen Sie dann nur daneben und machen nichts?» Die Frage sei in Militärdienstverweigerer-Prozessen damals üblich gewesen, Köbeli habe gewusst, dass sie komme. Je nach Antwort konnte man ein milderes Urteil erwarten. «Ich hätte sagen müssen: Ich mache nichts», erzählt Köbeli. Damit hätte er seinen Gewissenskonflikt bewiesen. «Ich sagte: Ich würde handgreiflich werden.»
Köbeli musste schliesslich eine dreimonatige Haftstrafe verbüssen. Diese sass er im Amtshaus in Bern, einem Untersuchungsgefängnis, ab.
Köbeli arbeitete damals fürs Radio, für einzelne Aufträge durfte er das Gefängnis verlassen. Ansonsten war er eingeschlossen, hatte keinen Kontakt zu anderen Gefangenen und durfte bloss eine Stunde pro Tag aufs Dach an die frische Luft.
Heute kommen diese Erinnerungen manchmal wieder hoch: die fensterlose Zelle, der Sehschlitz, der einen kleinen Ausschnitt eines kahlen Innenhofs offenbarte. «Dieses Bild sehe ich heute manchmal immer noch vor mir», sagt Köbeli.
Die Strafe hat Spuren hinterlassen. Zum Beispiel, was seine Beziehung zur Schweiz angeht. «Dieser Staat hat mich völlig unnötigerweise ins Gefängnis gesteckt.» Das findet Köbeli bis heute zutiefst ungerecht. «Es ist ein Menschenrecht, eine Alternative zu haben.»
Fichiert wegen Dienstverweigerung
Jérôme Perret wuchs in einem christlichen Haushalt auf, er wurde humanistisch erzogen. Sein Vater war aus gesundheitlichen Gründen nicht im Militär, aber im Zivilschutz und bei der Freiwilligen Feuerwehr. Perret war früh klar: Ein Dienst an der Gesellschaft kann auch ganz anders aussehen als am Gewehr.
Trotzdem machte Perret die RS und drei WKs. «Das war der normale Weg, es war einfach klar.» Mit Disziplin hatte der junge Soldat kein Problem. Mit dem Schiessen aber schon. «Auf normale Zielscheiben habe ich geschossen. Aber als es darum ging, auf menschenförmige Zielscheiben zu schiessen, habe ich mich geweigert.»
Perret wurde versetzt und stellte ein Gesuch für waffenlosen Dienst, das – anders als jenes von Winet – bewilligt wurde. Er kam zur Sanität. Nach drei WKs, Ende der 80er-Jahre, verweigerte er.
Er sei damals nicht sonderlich aktivistisch gewesen, sagt Perret heute. «Das war keine revolutionäre Haltung, sondern eine sehr banale.»
Vor dem Militärgericht musste er sich jedoch gut überlegen, was er sagte: «Wenn man gut wegkommen wollte, musste man das Politische ausblenden. Sonst kamst du unter die Räder.» Bei einer Verweigerung aus religiösen Gründen etwa fielen die Strafen weniger hart aus.
Seine Haftstrafe, die er im Jahr 1990 antrat, sass er in Basel in Halbgefangenschaft ab. Tagsüber ging er seiner Ausbildung als Sozialarbeiter nach, abends und an den Wochenenden war er eingeschlossen.
Auch Perret wurde aufgrund seiner Dienstverweigerung fichiert. Hinter seinem Rücken hatte die Polizei Basel-Stadt Perrets Vermieter und seinen Arbeitgeber befragt. Letzterer hatte ihn als «zuverlässigen, arbeitsamen und charakterlich integren jungen Mann» beschrieben, wie es Perrets Fiche zu entnehmen ist.
Wenn Perret heute zurückblickt, sieht er sich nicht als Opfer: «Ich habe kaum Nachteile erfahren.» In den Jahrzehnten davor seien die Strafen häufig noch deutlich härter ausgefallen. Als Perret verweigerte, hätten sich die Zeiten bereits zu ändern begonnen. «Ich bin glimpflich davongekommen.»
Trotzdem: Perret hat wenig Verständnis dafür, wie mit Militärdienstverweigerern wie ihm umgegangen wurde: «Es war ein unnötiger Umweg.»
«Die Leute werden andere Wege finden»
Die drei Militärdienstverweigerer sind sich einig: Hätten sie damals die Wahl gehabt, wären sie in den Zivildienst gegangen statt ins Gefängnis. Winet sagt:
Einiges aus der heutigen Debatte um die Zukunft des Militärs erinnert Winet an damals. Ganz so aufgeladen sei sie jedoch nicht. Sorgen bereitet ihm, dass bürgerliche Kräfte heute wieder über eine Einführung der Gewissensprüfung nachdenken. «Das wäre ein Rückschritt», sagt Winet. Und mahnt: «Damals wurden viele Leute stigmatisiert und abgewertet. Junge Leute wurden in eine Ecke gedrängt.»
Die aktuelle Abstimmungsdebatte um die Änderung des Zivildienstgesetzes verfolgen alle drei sehr genau. Die Befürworterinnen und Befürworter der Vorlage argumentieren, der Zivildienst sei zu attraktiv und gefährde damit die Bestände der Armee.
Dass die Politik die Hürden für den Zivildienst mit verschiedenen Massnahmen nun erhöhen will, findet Perret «völlig absurd». Und auch Winet ist überzeugt: «Es bringt sehr wenig bis nichts, wenn man am Zivildienst herumschraubt, um mehr Leute fürs Militär zu gewinnen.» Er ist sich sicher:
Winet, Köbeli und Perret gehörten zu den letzten Jahrgängen, die ihre antimilitärische Haltung mit einer Haftstrafe bezahlten. Immer wieder werden Forderungen laut, die ehemaligen Militärdienstverweigerer aus Gewissensgründen zu rehabilitieren, zuletzt von der ehemaligen Grünen-Nationalrätin Lisa Mazzone im Jahr 2018. Politisch blieben diese Versuche bisher erfolglos.
Die Tendenz geht aktuell eher in die andere Richtung. Mit der von den bürgerlichen Parteien angestrebten Verschärfung des Zivildienstgesetzes soll es künftig schwieriger werden, sich vom Armee- in den Zivildienst umteilen zu lassen. Befürworterinnen und Befürworter des Zivildiensts vermuten eine «Salamitaktik», die auf die Abschaffung des Zivildiensts abzielt. Am 14. Juni wird sich zeigen, wie das Stimmvolk dazu steht.
