Rosemary Kennedy wurde auf Befehl ihres Vaters verstümmelt und weggesperrt
Am Ende war es tatsächlich die Angst vor Rosemary's Baby, die den Vater dazu brachte, das Leben seiner jungen Tochter auf immer zu zerstören. Sie verstümmeln und wegsperren zu lassen. Auch wenn es sich in der folgenden Geschichte um eine amerikanische Horrorstory handelt, war es natürlich nicht die Angst vor dem Film «Rosemary's Baby» – diese Anspielung ist auch schon der einzige kleine Scherz, den man sich in dieser Geschichte erlauben kann –, es war die Angst, dass Rosemary Kennedy ihrer bedeutenden Familie mit einem unehelichen Kind zu viel Schande bereiten könnte.
Rosemary war anders als die anderen Kennedys, dieser grosse, leuchtende Vorzeige-Clan. Anders als ihre acht Geschwister, anders etwa als ihr Bruder John Fitzgerald, der Präsident, anders als ihr Bruder Robert Francis, der Präsidentschaftskandidat, und anders als ihre verbissen sportliche Schwester Eunice, deren Schwiegersohn einst Arnold Schwarzenegger heissen sollte.
Als Rosemary am 13. September 1918 in Boston zur Welt kommt, tobt in Amerika die Spanische Grippe. Ihr Vater, Joseph Kennedy, ist ein erfolgloser Bankdirektor, aber geschickter Unternehmer und Nachwuchspolitiker und er beaufsichtigt gerade den Export von Munitionsmaterial an die Alliierten. Ihre Mutter Rose ist die Tochter des ehemaligen Bürgermeisters von Boston. Die Kennedys sind wichtig, aber gesellschaftlich nicht wirklich anerkannt, Josephs Abstammung von irischen Katholiken wirkt wie ein Bremsklotz in ihrem Aufstieg.
Bei Rosemarys Geburt ist kein Arzt zugegen. Es wäre an sich eine problemlose, schnelle Hausgeburt, das Kind will raus, doch die Hebamme zwingt Rose, so lange die Beine zusammen zu klemmen und das Kind zurückzuhalten, bis der Arzt kommt. Rose gehorcht, weil sie immer gehorcht. Dass sich der Sauerstoffmangel der künstlich verlängerten Geburt negativ auf das Neugeborene auswirken kann, wissen heute alle. Damals war es wichtiger, sich gesellschaftskonform zu verhalten.
Natürlich ist das Kind beeinträchtigt. «Mentally retarded» lautet die Diagnose, geistig zurückgeblieben. Rosemary ist sehr langsam und lernschwach, kann alles ein bisschen, aber nichts richtig, kann ihren Schlitten nicht steuern, schreibt von rechts nach links und mit unzähligen Fehlern, kann kaum lesen, dafür ganz passabel rechnen. Sie ist liebenswert, fröhlich und mit Abstand das hübscheste Kennedy-Kind. Die Familie beschliesst, Rosemary mit so viel Liebe und Fürsorge wie irgendwie möglich zu überschütten und zu fördern.
Mit 16 wird sie in eine Klosterschule aufgenommen und die Probleme beginnen. Rosemary reisst aus. Rosemary wird jähzornig. Es ist die ganz normale Launenhaftigkeit eines Teenagers, der sich nicht kontrollieren lassen will.
1938 ist sie 19 und die Familie wandert aus, denn Vater Joseph, der im Umfeld von Roosevelt Karriere gemacht hat, wird amerikanischer Botschafter in London. Am 11. Mai werden Rosemary und ihre Schwester Kathleen bei Hofe vorgestellt, Rosemary trägt ein paillettengeschmücktes Kleid aus weissem Tüll über weissem Satin mit einer Schleppe, unter den 300 Debütantinnen, die King George und seiner Frau vorgestellt werden, sind nur 7 Amerikanerinnen und die beiden Botschafter-Töchter erregen besondere Aufmerksamkeit. Der Auftritt gelingt, Rosemary stolpert nur leicht, als sie sich aus ihrem Hofknicks vor dem Königspaar erhebt.
Zwei Jahre lang lebt Rosemary in England, es ist ihr Glück, sie erhält ihren ersten Job und darf an einer Montessori-Schule kleine Kinder beaufsichtigen und ihnen Märchen erzählen. Vater Joseph schafft es in diesen zwei Jahren, seinen Ruf als Diplomat gründlich zu ruinieren, er ist indiskret und versteht sich bestens mit den Repräsentanten von Nazi-Deutschland und ihren Sympathisanten in England. Schliesslich reicht er seinen Rücktritt ein.
Zurück in Amerika wird die mittlerweile 22-jährige Rosemary erneut in einer Klosterschule in Washington untergebracht. Und erneut reisst sie aus. Jetzt jedoch mit einem ganz bestimmten Ziel: Sie will tanzen, sie will Männer, sie will Sex und sie findet all dies in den Kneipen der Stadt. Die Kennedys sind ausser sich: Angenommen, sie wird schwanger, verbaut sie sich die letzte Möglichkeit, einen zu finden, der sie heiratet. Ganz abgesehen von der Familienschande.
Sie hat jetzt immer eine Aufseherin an ihrer Seite, ihre Zornesanfälle häufen sich, sie schlägt und tritt ihren kleinen, zarten Grossvater, kriegt Krämpfe, man diagnostiziert Epilepsie.
Vater Joseph hat sich in eine neue wissenschaftliche Methode verliebt und ist sich sicher, dass sie seiner Tochter helfen wird. Sie nennt sich Lobotomie. 1935 hat sie der portugiesische Arzt Edgar Moniz vorgestellt, 1949 wird er dafür den Nobelpreis erhalten, in Amerika wird sie vom Neuropathologen Walter Freeman und seinem Partner James Watts praktiziert. Die Methode boomt, man glaubt, damit den vielen traumatisierten Kriegsveteranen helfen zu können. Sie zu beruhigen. Ihre depressiven oder hysterischen Zustände zu lindern. In wenigen Fällen ist sie erfolgreich. In tausenden Fällen hinterlässt sie die Operierten als Gemüse. Von apathisch bis schwerst behindert.
Freeman ist ein Popstar der Lobotomie, er entwickelt immer schnellere Verfahren, die von zunehmend weniger ausgebildeten Leuten vorgenommen werden können, und er fährt sogar mit einem «Lobotomobil» durchs Land und liebt ein theatrales Auftreten. Er praktiziert die präfrontale Lobotomie, also Löcher in die Schläfen bohren und mit einem Spachtel so lange im weichen Material dahinter herumgrübeln, bis die Nerven, die vom Stirnlappen zum Zentrum des Gehirns verlaufen, zerstört sind. Später wird er auch noch die transorbitale Lobotomie entwickeln, bei der mit einem kleinen «Eispickel» durch die Augenhöhle in die Nervenmasse eingegriffen wird.
Die Patientinnen und Patienten sind bei den beiden (schon längst verbotenen) Verfahren nur lokal betäubt, Freeman redet während der Operation mit ihnen, erst, wenn sie verstummen, weiss er, dass der Eingriff «erfolgreich» gewesen ist. Nachdem Freeman über 3500 derartige Operationen durchgeführt hat, wird ihm endlich die Lizenz entzogen.
Es ist bloss eine der archaischen Methoden, mit denen man damals psychische Krankheiten bewältigen will, die Psychoanalyse hat ihren Durchbruch noch nicht erlebt und die ersten Medikamente zur Behandlung von Depressionen kommen erst in den 50er-Jahren auf den Markt. Jetzt, 1941, sind Elektroschocks schon fast die zivilisierteste Behandlungsmethode, andere sind das Enfernen von Zähnen, Schilddrüsen, Eierstöcken, Pferdebluttransfusionen ins Rückenmark, tageslanges Betäuben mit opiumähnlichen Drogen.
Joseph Kennedy schwärmt seiner Frau vom Nutzen der Lobotomie vor, sie ist unsicher, eine Schwester von Rosemary entscheidet schliesslich, dass dies nie und nimmer in Frage käme. Alle glauben, das Gespenst dieser so mittelalterlich anmutenden Methode sei verscheucht.
Doch Joseph ist ein Patriarch, der keine Widerrede duldet, erlaubt ist, was nicht stört, und Rosemarys Lebenshunger stört seine Idee einer heilen, erfolgreichen, sportlichen, gesunden Familie zu sehr: Im Herbst 1941 schreitet Freeman zur Tat. Rosemary wird operiert. Freeman bittet sie, dabei zu singen. Es ist das letzte Mal in ihrem Leben, dass sie sich in einer klar verständlichen Sprache äussert. Er stochert mit seinem Spachtel so lange in ihrem Kopf herum, bis sie schweigt.
Sie ist jetzt schwerst behindert. Geistig zerstört, körperlich enorm beeinträchtigt, ihre linke Körperhälfte ist teilweise gelähmt, ihr Kopf zur Seite geneigt und für immer nahe ihrer linken Schulter eingerastet, ihre linke Hand nicht mehr zu gebrauchen. Lange kann sie nur grunzen und schreien, langsam lernt sie ein paar Dinge wieder, wie man geht, sich die Zähne putzt, einen Pullover anzieht, eine Tür öffnet. Der Vater bringt sie in einem Sanatorium in der Nähe von New York unter.
20 Jahre lang ist er der einzige aus der Familie, der Kontakt mit Rosemary hat. 20 Jahre lang erzählt er seiner Frau und seinen Kindern, dass es ihr sehr schlecht gehe und sie keinen Besuch empfangen dürfe. 20 Jahre lang ist er ein überzeugender Lügner. 1946 gründen er und seine Frau gar die Joseph P. Kennedy Jr. Stiftung (im Gedenken an ihren ältesten Sohn, der im Krieg ums Leben gekommen war), um «die Prävention von geistigen Behinderungen durch die Ermittlung ihrer Ursachen anzustreben und die Art und Weise zu verbessern, wie die Gesellschaft mit Bürgern mit geistigen Behinderungen umgeht». Es klingt wie ein Hohn.
1957 übernimmt Eunice Kennedy Shriver die Leitung der Stiftung und bewirkt später, dass sich ihr Bruder, Präsident John F. Kennedy, im Parlament vermehrt für die Rechte von Behinderten einsetzt. Die echte Rosemary wird zunehmend zu einer abstrakten Grösse, man betet viel für sie.
1961 erleidet Joseph Kennedy einen Schlaganfall, der ihn kommunikationsunfähig macht, seine Frau übernimmt die Familiengeschäfte. Und damit auch Rosemary. Denn die Menschen, die für ihre Betreuung zuständig sind, melden sich nun bei der Mutter. Rosemary lebt damals in Wisconsin, in einer auch heute noch von Franziskanerinnen betriebenen Anlage namens Saint Coletta. «Inspiriert von den franziskanischen Werten Mitgefühl, Würde und Respekt unterstützen wir Menschen mit unterschiedlichen und einzigartigen Fähigkeiten dabei, ein Höchstmass an Lebensqualität, persönlichem Wachstum und spiritueller Bewusstheit zu erreichen», lautet 2026 das Credo von Saint Coletta.
Rosemary lebt dort in einem eigenen Häuschen und wird tagein, tagaus von zwei Nonnen betreut. Auf Befehl des Vaters wurde sie jahrelang isoliert und durfte die Anlage nicht verlassen. Ihre Mutter veranlasst, dass sie wieder nach draussen und unter Leute darf, dass sie spazieren gehen und shoppen darf, immer in Begleitung natürlich, anders geht es nicht mehr. Und die Mutter spendet Saint Coletta sofort Geld für einen grossen Pool, schliesslich schwamm Rosemary früher gerne, das soll sie jetzt wieder tun können.
Die noch lebenden Geschwister sind sofort an Rosemarys Seite. Besonders Eunice macht die wiedergefundene Schwester zu ihrem Lebensinhalt. Und Rosemary blüht auf, wird zufriedener, auch etwas fitter – an die krassen Diätvorschläge von Eunice hält sie sich allerdings keine Sekunde.
Eunice gründet 1962 auf ihrer Familienfarm in Maryland Camp Shriver, Sommeraktivitäten (Schwimmen, Reiten, Tennis, Klettern etc.) für beeinträchtigte Menschen. 1968 professionalisiert sie das Ganze und eröffnet die ersten Special Olympics für kognitiv beeinträchtigte Menschen. Parallel zu den Paralympic Games für Körperbehinderte. Ihre beiden Söhne Timothy und Anthony werden zu hingebungsvollen Neffen für Rosemary, beide widmen sich auch als Erwachsene der Behindertenarbeit, Timothy als Vorsitzender der Special Olympics, Anthony als Gründer der NGO Best Buddies für soziale und berufliche Inklusion von beeinträchtigten Menschen.
Rosemary Kennedy stirbt am 7. Januar 2005 im Alter von 86 Jahren. Sie verbrachte die zweite Hälfte ihres Lebens wieder im Schoss ihrer geliebten Familie, aus der ihr Vater sie so grausam verstossen hatte.
Rosemary Kennedy war keine Frau, die aktiv an der Geschichte teilhaben durfte. Das wurde ihr schon bei ihrer verunglückten Geburt erschwert. Das wurde ihr vom Vater gänzlich verunmöglicht. Rosemary Kennedy, die aus einer der einflussreichsten Familien der Welt stammte, wurde zu einer schmerzhaften Leerstelle der Geschichte gemacht. Ihr Leben war eine sinnlose Tragödie. Und doch sinnvoll für andere: Wenigstens konnte aus ihrem Leid viel Gutes für viele Betroffene entstehen.
Dieser Artikel basiert u.a. auf dem Sachbuch «The Missing Kennedy» von Elizabeth Koelher-Pentacoff.
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