Kennedy-Enkelin kämpfte herzzerreissend um ihr Leben. Und gegen Onkel RFK Jr.
Als Caroline Kennedy sechs Jahre alt war, starb ihr Brüderchen Patrick nur zwei Tage nach seiner Geburt. Als Caroline Kennedy sechs Jahre alt war, wurde ihr Vater, der amerikanische Präsident, in Dallas erschossen. Als sie acht war, wurde auch ihr Onkel Robert, der demokratische Präsidentschaftskandidat, Opfer eines Attentats und starb. 1984 starb ihr Cousin, Roberts Sohn David, an einer Überdosis Kokain und Schmerzmittel. 1997 verlor Roberts Sohn Michael bei einem Skiunfall sein Leben. 1999 starb Carolines Bruder John mit seiner Frau Carolyn Bessette bei einem Flugzeugabsturz.
Am 30. Dezember 2025 hat die Juristin und ehemalige amerikanische Botschafterin in Japan und Australien nun auch noch ihre Tochter Tatiana Schlossberg verloren. Die 35-jährige Umwelt-Journalistin musste nach eineinhalb Jahren den Kampf gegen eine besonders aggressive Form von Leukämie aufgeben. Der «Fluch der Kennedys», der seit Jahrzehnten immer wieder beschworen wird, hat erneut zugeschlagen.
Dass ausgerechnet Robert Kennedys Sohn Robert F. Kennedy Jr. oder RFK Jr. oder «Bobby», wie ihn die Familie nennt, noch lebt und wofür er sein Leben einsetzt, ist für Caroline Kennedy ein besonders qualvolles Detail ihrer Familiengeschichte. Und war es auch für ihre Tochter Tatiana in den letzten Monaten ihres Lebens.
Tatiana Schlossberg studierte in Yale Geschichte, 2012 wurde sie Journalistin. Sie nannte sich nicht Kennedy, sie wollte nicht als John F.s Enkelin erkannt werden, und sie hatte keinerlei Berührungsängste mit dem Humus, aus dem die meisten jungen Medienschaffenden wachsen: Sie begann als ganz gewöhnliche Lokalreporterin einer Regionalzeitung in New Jersey. Berichtete über Autounfälle, Strassenbau-Finanzierung und nachgestellte historische Schlachten.
Scheu sei sie gewesen, berichtet ein ehemaliger Arbeitskollege in der «New York Times», aber zäh, und ihre besten Artikel habe sie in ihrem ersten Berufsjahr über die Folgen von Hurrikan Sandy und den Amoklauf an der Sandy Hook Elementary School geschrieben. 2014 wird sie freie Mitarbeiterin der «New York Times» und weiterer grosser Zeitungen und Zeitschriften und entwickelt sich zur engagierten Umwelt- und Klima-Expertin. Sie verbringt jede freie und berufliche Minute in der Natur und bezeichnet sich als «einen der gesündesten Menschen, die ich kenne». 2017 berichtet die «New York Times» über ihre Hochzeit mit dem ein Jahr älteren Arzt George Moran, den sie in Yale kennengelernt hatte.
«Ich weiss, dass nicht alle mit einem Arzt verheiratet sein können, aber wenn ihr es könnt, so ist es eine gute Idee», schreibt Tatiana am 22. November im «New Yorker» über ihren Mann: «Er ist perfekt und ich fühle mich so betrogen und bin so traurig, weil ich keine Chance mehr habe, das wunderbare Leben mit diesem liebenswerten, freundlichen, attraktiven Genie zu teilen.»
An diesem Tag hat Tatiana noch etwas mehr als einen Monat zu leben, der Artikel im «New Yorker» ist ihr todtrauriges Vermächtnis, sie weiss, dass sie bald sterben wird, seit sie im Oktober zum letzten Mal aus dem Spital nach Hause entlassen wurde, hat sie kaum noch Muskeln, kaum noch Kraft, sie kann nur noch die Gegenwart ihres Mannes, ihrer beiden Kinder und ihrer Eltern geniessen.
In einem fort jagen sich Erinnerungen in ihrem Kopf, ihr Leben wird zu jenem oft zitierten letzten Film, sie möchte alles noch einmal sehen und bewahren, auch wenn sie weiss, dass Letzteres nicht möglich sein wird, dass ihr Leben mit ihrem Tod verloren gehen wird. Sie fragt sich, wie sich ihr kleiner Sohn, der jetzt aus Solidarität mit ihr ein Kopftuch trägt, in ein paar Jahren noch an seine Mutter erinnern wird. Und ob ihre Tochter, die am 25. Mai 2024 zur Welt kam, überhaupt jemals gewusst haben wird, wer ihre Mutter war. Im Zweifelsfall «eine Kennedy».
Der Verdacht auf Leukämie wird wenige Stunden nach der Geburt ihrer Tochter zum ersten Mal geäussert. Sie kann es nicht glauben. Der Verdacht bestätigt sich aufs brutalste, die nächsten eineinhalb Jahre werden die Hölle, manchmal geht es minimal vorwärts, dann einen Kilometer zurück.
Und während Tatiana und ihre Familie kämpfen, wird ihr Onkel 2. Grades, der Verschwörungstheoretiker und Impfgegner Bobby, zu Trumps Gesundheitsminister gewählt: «Ich sah von meinem Krankenhausbett aus zu, wie Bobby entgegen aller Logik und Vernunft für den Job bestätigt wurde, obwohl er nie in der Medizin, im Gesundheitswesen oder in der Regierung gearbeitet hatte.» Tatianas Bruder Jack und ihre Mutter Caroline hatten monatelang versucht, diesen Irrsinn zu verhindern.
Die kranke Tatiana beschäftigt sich intensiv mit dem amerikanischen Gesundheitswesen, mit der medizinischen Forschung, auf die sie all ihre Hoffnung setzt, und sie sieht, was Bobby alles kürzt, streicht, verbietet, niederreisst, rückgängig macht. Wie er dem Gesundheitssystem mehrere Milliarden Dollar entzieht. Ihr Mann George fürchtet, seinen Job in der Forschung zu verlieren, sie selbst hat Angst, lebenswichtige Impfungen, die sie im Fall ihrer Genesung brauchen würde, nicht mehr zu erhalten, wenn Bobby länger an der Macht bleiben sollte.
«Während der Behandlung erfuhr ich, dass eines meiner Chemotherapeutika, Cytarabin, seine Existenz einem Meereslebewesen verdankt: einem Schwamm in der Karibik, Tectitethya crypta», schreibt sie. «Diese Entdeckung wurde von Wissenschaftlern der University of California, Berkeley, gemacht, die das Medikament 1959 erstmals künstlich herstellten – fast sicher mit staatlicher Unterstützung, genau der, die Bobby bereits gekürzt hat.»
«A Battle With My Blood», ein Kampf mit meinem Blut, so heisst Tatiana Schlossbergs Text im «New Yorker». Ein doppeldeutiger Titel: Der Kampf gegen die Leukämie wird auch zum Kampf gegen RFK Jr. Es ist, als habe sich ein Gefühl von Endzeit in Gestalt ihres Onkels in ihren letzten Monaten eingenistet. Dass sie die Kraft gefunden hat, sich so wortgewaltig gegen ihn aufzulehnen, kann man nur bewundern.
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