Leben
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epa07375837 Nora Fingscheidt receives the Silver Bear Alfred Bauer Prize for 'System Crasher' at the closing and award ceremony of the 69th annual Berlin International Film Festival, in Berlin, Germany, 16 February 2019. The Berlinale runs from 07 to 17 February.  EPA/FELIPE TRUEBA

Regisseurin Nora Fingscheidt holte mit «Systemsprenger» nicht nur eine Auszeichnung an der Berlinale, sondern für sich und ihre Hauptdarstellerin auch gleich Jobs in Amerika. Bild: EPA/EPA

Interview

Deutschlands unerziehbare Kinder – die wahren Schicksale hinter dem Film «Systemsprenger»

Benni rennt. Und kämpft und wütet und schreit um ihr Leben. Das Spielfilmdebüt von Nora Fingscheidt über eine Neunjährige, die durch alle sozialen Netze fällt, fährt ein. Und verhilft der Regisseurin nicht nur zu unzähligen Preisen, sondern ihrer Hauptdarstellerin auch gleich noch zu einer Rolle an der Seite von Tom Hanks.



Nora Fingscheidt, erzählen Sie uns bitte vom Anfang.
Ich war Ende zwanzig und drehte in Stuttgart einen Dokumentarfilm für die Caritas. In einem Heim für obdachlose Frauen. Eines Tages kommt eine Vierzehnjährige ins Heim, um da zu wohnen. Ich fand das schockierend, aber es hiess: Die ist sonst überall rausgefallen, die will keine andere Institution in der ganzen Bundesrepublik mehr aufnehmen, und wenn ein Kind älter als vierzehn ist, dann kann es in Deutschland auch im Obdachlosenheim wohnen.

Die will niemand mehr? So wie die neunjährige Benni in Ihrem Film also.
Genau. Meine Benni setzt sich aus den Geschichten von gut zwanzig Kindern zusammen, die ich für meine Recherche während vier, fünf Jahren getroffen habe. Kinder aus zerrütteten Verhältnissen, die man davor in fünfzehn oder auch fünfunddreissig Wohngruppen, Pflegefamilien, Sonderschulen oder anderen Organisationen für Jugendliche versucht hatte, unterzubringen ...

... und die dann eben jedes System sprengen? Die im Grunde unerziehbar sind?
Kinder, die sich jeder Art von System widersetzen, die eine unglaubliche anarchische Kraft entwickeln und derer die Erwachsenen nicht Herr werden können, die sich nicht bändigen oder kontrollieren lassen.

Im Film höchstens mal durch Medikamente. Benni wird immer mal wieder in die Psychiatrie eingeliefert und sediert, bevor es in die nächste Wohngruppe geht.
Es ist ein Kreislauf aus den immer gleichen Faktoren, die immer toxisch sind, immer gibt es schlechte Freunde, Wohngruppen, Familien, Stress in der Schule.

Trailer zu «Systemsprenger»

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Video: YouTube/KinoCheck

Ein Mädchen wie ein Sturm

Systemsprenger sind Kinder, gegen die Erwachsene machtlos sind. Weil sie zu unberechenbar, aggressiv, durchtrieben, schnell und schlau sind, um in irgendwelche sozial verträglichen Raster gepasst zu werden. Benni (Helena Zengel) ist eins dieser Kinder. Zu anstrengend für ihre labile Mutter, zu gefährlich für Geschwister und andere Kinder, eine Zumutung für jede Institution. Und im Herzen des Sturms, als der sie durch ihre Stadt fegt, ein ungemein verletzliches und anhängliches Wesen.

Als Filmstoff ist Benni auf ihrem Teufelskarussell aus Sozialarbeiterinnen, Antiaggressionstrainern, White-Trash-Background und Psychiatrie genial. Ihre Geschichte hat Regisseurin und Drehbuchautorin Nora Fingscheidt allerdings der Realität abgetrotzt. Das macht den Film bei aller Unterhaltung sehr traurig und tragisch.

Eine andere Therapiemassnahme geht in Richtung der Dokusoap «Die schrecklichsten Eltern der Welt»: Es wird überlegt, Benni in ein Erziehungscamp nach Afrika zu schicken.
Auch das ist Realität. Solche Camps gibt es in Namibia, in Sibirien, in Spanien, auf den Kanarischen Inseln, in Rumänien, auf Malta ... Die Idee dahinter ist gut: Man holt die Kinder aus ihren Teufelskreisen raus, bringt sie ganz woanders hin und hofft, dass sie ohne die üblichen Verhaltensmuster noch einmal eine Chance haben, sich ganz neu zu finden. Aber natürlich geht das meistens schief. Ich kannte einen Jungen, der nach Sibirien ging, dort irgendwelche schiefen Dinge drehte und in den Knast kam. Die deutschen Behörden versuchten, dieses Kind aus dem Knast zu holen, aber die Russen sagten: Vergesst es! Oder ein Junge, der auf den Kanarischen Inseln das Hausschwein meuchelte und sich dann drei Wochen lang in Höhlen versteckte.

epa07352287 A handout photo made available by the Berlinale shows Helena Zengel in a scene from the movie 'System Crasher' (Systemsprenger) by Nora Fingscheidt. The film runs in the official competition of the 69 Berlin Film Festival that runs from 07 to 17 February 2019.  EPA/kineo / Weydemann Bros. / Yunus Roy Imer Editorial use only in connection to the reporting on the Berlinale 2019 until 15 March. HANDOUT EDITORIAL USE ONLY/NO SALES

Ein Gesicht so hell, dass es auf der Leinwand leuchtet: Helena Zengel als Benni packt alle, die sie sehen. Bild: EPA/BERLINALE

Deutschland hat Ihren Film jetzt für die Oscars eingereicht. Rechnen Sie sich Chancen aus?
Ganz ehrlich? Nein. Der Film hat seiner Premiere an der Berlinale zwar schon internationale Preise von Santiago bis Taipei eingeheimst und läuft in Deutschland ausgezeichnet im Kino, aber die Rezeption in den USA ist sehr einseitig, ich mach mir da keine riesigen Hoffnungen. Der Film ist für Amerika zu krass. Das Einzige, was dort interessiert, ist das Medikamententhema. Aber Amerika ist ja auch ein von Medikamenten terrorisiertes Land.

Verrückt. Apropos krass: Sie arbeiteten mit einem Kind, das ein Kind spielen muss, welches unter schweren seelischen Traumata und diversen Störungen leidet. Wie macht man sowas?
Wir wussten, das Drehbuch ist hart und die Hauptdarstellerin Helena Zengel ist erst neun, wir müssen da ganz behutsam dran. Wir hatten 67 Drehtage, was wahnsinnig viel ist, und Helena war an 65 Tagen dabei. Mit Kindern ist die Arbeit streng regelementiert, man darf nicht länger als fünf Stunden drehen. Daneben hatte sie eine Privatlehrerin, damit sie in der Schule nichts verpasst. Sie war vorher schon eine ausgezeichnete Schülerin gewesen, danach war sie noch besser. Die wenigen Zweien, die sie davor noch gehabt hatte, verwandelten sich in lauter Einsen.

Und seit der Berlinale verwandelte Deutschland sich für Helena in Hollywood.
Ja. Sie dreht jetzt gerade mit Tom Hanks unter der Regie von Paul Greengrass. Jemand von denen sah «Systemsprenger» an der Berlinale und wollte sie haben.

Hinter vielen Kindern im Showbiz stecken überehrgeizige Eltern. Auch hinter Helena?
Na ja, die Mutter ist jetzt zum Beispiel mit ihr nach Amerika zum Dreh gefahren, was auch verständlich ist. Aber der Rest kommt schon ganz allein aus der Kleinen. Die andern Eltern kenne ich auch, das sind Eltern, die sehen ihr Kind gar nicht, die sehen nur den Erfolg. Und dann tritt da so ein zitterndes kleines Wesen vor die Kamera und kriegt Tränen in die Augen, wenn es den Text nicht kann, das bricht mir dann das Herz.

epa07352285 A handout photo made available by the Berlinale shows Helena Zengel in a scene from the movie 'System Crasher' (Systemsprenger) by Nora Fingscheidt. The film runs in the official competition of the 69 Berlin Film Festival that runs from 07 to 17 February 2019.  EPA/kineo / Weydemann Bros. / Yunus Roy Imer Editorial use only in connection to the reporting on the Berlinale 2019 until 15 March. HANDOUT EDITORIAL USE ONLY/NO SALES

Rotjäckchen. Benni allein im grossen deutschen Wald. Bild: EPA/BERLINALE

Wie schwierig war es, ein Ausnahmetalent wie Helena zu finden?
Gar nicht. Gefunden habe ich Helena im November 2016. Da war sie noch acht. Sie war die Siebte im Casting und ich hab mir nach ihr noch 150 andere Mädchen angeschaut, weil ich mein Glück gar nicht zu fassen wagte. Aber ich kam immer wieder auf sie zurück. Und dann haben wir sechs Monate lang zusammen gearbeitet und uns langsam der Figur genähert. Wir waren zusammen in Secondhand-Läden und haben Bennis Kleider ausgesucht. Wir haben ihr ein Stofftier gekauft. Wir haben Listen gemacht: «Wie reagiert Benni» und «Wie reagiert Helena» auf ein bestimmtes Problem. Zum Glück war da eine grosse Differenz. Wir mussten das so präparieren, dass Helena während des Drehs in die Rolle rein- und nach der Arbeit wieder aus der Rolle rausschlüpfen konnte. Ich wollte, dass sie den Dreh mit dem Gefühl verlässt, eine schöne Erfahrung gemacht zu haben.

Im Grunde ist Benni ja Pippi Langstrumpf, die man gewaltsam versucht, in ein System zu zwängen.
Ja. Nur lieben alle Pippi im Gegensatz zu Benni.

Also erstens mochte ich Pippi als Kind nicht. Ich fürchtete mich vor ihr und hielt sie für eine ausgemachte Nervensäge. Zweitens ist Benni neben ihrer explosiven Aggressivität ja auch höchst liebenswert: Sie ist emotional sehr bedürftig, smart und sehr, sehr lustig.
Das stimmt.

Sie sind jetzt 36 und eine arrivierte deutsche Regisseurin. Ist das nicht grossartig?
Ja, total, das ist wunderbar, ich geniesse das gerade sehr. Ich habe jahrelang ohne einen Cent gearbeitet und jetzt interessieren sich die Leute plötzlich für meine weiteren Projekte.

Die da wären?
Das darf ich nicht verraten. Nur so viel: Nächste Woche ziehe ich mit meiner Familie nach Amerika.​

«Systemsprenger» läuft an folgenden Terminen am ZFF:
Di, 1.10., 18 Uhr, Arena 7
So, 6.10., 12.30 Uhr, Riffraff 1

Ab 3. Oktober im regulären Kinoprogramm.

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Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
41Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Rainbow Pony 29.09.2019 21:08
    Highlight Highlight Andere, wirklich Ernst gemeinte Frage: wie filmt man mit einem 9-jährigen Kind an 65 Tagen? Geht das dann nicht zur Schule? Ich weiss, Ferien und so, aber ich nehme an, dass das mit der Filmerei dann nicht so klappt - also, wie macht man das?
    • Lami23 29.09.2019 21:31
      Highlight Highlight Lies den Artikel.
    • Rainbow Pony 29.09.2019 21:40
      Highlight Highlight Hab ich doch - die 5 Stunden und der Privatlehrer regeln das also? Sorry, dass ich mir das die Frage nicht abschliessend beantwortet - lies den Artikel, oh Mann.
    • Saraina 29.09.2019 23:33
      Highlight Highlight Ausnahmegenehmigung, und sicherstellen, dass sie den Schulstoff vermittelt bekommt. Da sie eine gute Schülerin ist, war das wahrscheinlich kein Problem.
    Weitere Antworten anzeigen
  • So en Ueli 29.09.2019 17:24
    Highlight Highlight Was macht man in der Realität mit solchen Kindern? Wie bringt man solche Menschen in die korrekte Bahn, sodass sie zu eigenständigen und unabhängigen Menschen werden? Wenn jemand nicht will, dass geholfen wird, dann wird das ja fast unmöglich. Aber andererseits kann man ja solche Leute sich nicht selber überlassen.
    • s.johannson 29.09.2019 23:27
      Highlight Highlight Nun, man probiert sie in geeignete Settings zu bringen, versucht zu hören was sie sich wünschen und herauszufinden was sie und die Menschen in ihrem Umfeld brauchen. Und dann hofft man. Nicht immer klappt das. Leider.
    • Saraina 29.09.2019 23:33
      Highlight Highlight Weisst du noch Carlos...?
    • So en Ueli 30.09.2019 06:48
      Highlight Highlight Ja beim Carlos hat es offenbar nicht funktioniert. Aber die Frage ist ja die, wie man solche Carlos verhindert? Solche Menschen schaden unserer Gesellschaft, daher frage ich mich. Was der Staat dagegen unternimmt, dass Menschen überhaupt zu Carlos werden. Ein Bootcamp wäre aus meiner Sicht sinnvoll.
    Weitere Antworten anzeigen
  • Rechthaberwoman 29.09.2019 15:49
    Highlight Highlight Die von euch angesprochene Doku-Soap hiess "die strengsten Eltern der Welt"
    Kleiner Fehler, passiert den besten 😉
  • Hummingbird 29.09.2019 15:33
    Highlight Highlight Der Film zeigt sehr gut, wo das System scheitert. Da wird so getan, als würde alles getan, um den Kindern zu helfen, gleichzeitig wird ihnen aber genau das weggenommen, was sie wirklich brauchen.
    • *klippklapp* 29.09.2019 20:02
      Highlight Highlight Und was ist denn das?

      Sorry, dass ich so frage, aber ich arbeite mit solchen Jugendlichen. Mir bricht es jedesmal das Herz, wenn jemand bei uns durch das „System“ fällt, weil es eigentlich genau das wiederholt, was sie schon ihr Leben lang kennen. Und trotzdem wird es z.B. wenn Gewalt gegen andere, Mitarbeiter oder sich selbst im Spiel ist teilweise so schwierig, dass es nicht mehr anders geht...
    • Krise 30.09.2019 07:02
      Highlight Highlight Es ist immer wieder faszinierend wie genau die Leute, die keinen Kontakt zu einer Gruppe Menschen haben, genau wissen, wie man mit diesen Menschen umgehen muss ...
    • Hummingbird 30.09.2019 10:57
      Highlight Highlight *klippklapp*: Da Du ja schon länger in diesem Bereich tätig bist, solltest Du das sehr gut wissen, nicht? Hab auf jeden Fall nicht das Gefühl, dass es Dich ernsthaft interessiert, was ich für das wichtigste halte, sondern eher, dass diese Frage als Kritik an mich geqendet ist. Falls nicht, bitte erörtern.

      "Iisprinzässin": Von wo weisst Du, dass ich anscheinend keinen Kontakt zu solchen Menschen habe? Du scheinst komische Kräfte zu besitzen...
    Weitere Antworten anzeigen
  • lichtler 29.09.2019 15:01
    Highlight Highlight Hört sich gut an , ich gehe davon aus dass die Schweiz ähnliche Probleme kennt...
    • Dominik Treier 29.09.2019 15:45
      Highlight Highlight Und ich das sie in gutbürgerlicher schweizer Manier bis zuletzt unter den Tisch gekehrt, werden keiner hilft, sondern nur versucht wird die Kinder in eine Form zu drücken und dann die rechtskonservativen Betonköpfe zuletzt ein riesen Gekrähe ablassen, wie es nir so weit habe kommen können den Institutionen wie der KESB die Schuld geben, die nur versucht haben das dümmliche Förmchendrücken, das die ach so "normale" Gesellschaft gefordert hat, gegen jede Sinnhaftigkeit durchzusetzen...
    • Tomsen2 30.09.2019 08:45
      Highlight Highlight Rundumschlag in einem einzigen Bandwurmsatz.
  • maljian 29.09.2019 11:16
    Highlight Highlight Der Trailer sieht interessant aus. Den Film weil ich mir anschauen. ☺️

    Viel Erfolg für Helena. Ich hoffe das sie eine schöne Kindheit haben wird.
  • Mügäli 29.09.2019 10:42
    Highlight Highlight Eine unfassbare Geschichte. Das Mädchen wurde aufgrund ihrer Erfahrungen vor denen man sie nicht beschütze so Rebellisch. Sie hatte ja nur 2 Wege, entweder daran zu Grunde gehen oder mit Stärke zu reagieren. Sie dann in ein Obdachlosenheim abzuschieben entbehrt jeglichem Verantwortungsbewusstsein dieser Behörde. Ich wünsche dem Mädel für die Zukunft alle Liebe dieser Welt.
    • Alnothur 29.09.2019 22:05
      Highlight Highlight Sich selbst das Leben mit Rebellisch-sein versauen würde ich jetzt nicht als "mit Stärke reagieren" bezeichnen
    • Mügäli 30.09.2019 05:38
      Highlight Highlight @Alnothur - von einem Kind kann man keine rationalen Gedanken erwarten. Wen man als Kind von ‚Haus zu Haus‘ geschickt wird. Ich wünschte mir mehr Empathie von Ihnen.
    • Mügäli 30.09.2019 07:26
      Highlight Highlight @Alnothur - wissen Sie, ich bin mir bewusst, dass es eine grosse Herausforderung für die Beteiligten ist. Ich war so ein Kind, mein Papa wollte mich nicht weil ich ein 'Bastard' war. Meine anderen Geschwister durften Zuhause aufwachsen, ich musste ins Heim. Wissen Sie wie dies für ein Kind ist? Bei mir entstand auch Wut, ungeliebt zu sein ist ein schlimmes Gefühl. Dies mit rationalen Gedanken abzutun ist traurig und schmerzhaft zugleich. Aber anscheinend hat's hier Mehrere welche verurteilen aber nicht die verletzte Seele dieser Kinder sehen wollen und sie 'Schuldig' sprechen.
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In Deutschland waren die Flüchtlinge nicht mal willkommen, als es Deutsche waren

Wer glaubt, für Fremdenfeindlichkeit brauche es Menschen aus fremden Ländern, irrt. Nach dem verlorenen Krieg drängten sich Millionen Flüchtlinge und Vertriebene aus den deutschen Ostgebieten in Rest-Deutschland. Heute gilt ihre Aufnahme als vorbildlich – doch in Wahrheit schlugen ihnen damals Hass und Verachtung entgegen und der offen ausgesprochene Gedanke, nicht nach Westdeutschland, sondern nach Auschwitz zu gehören.

Der Volkszorn kocht, und der Redner weiss genau, was die Leute hören wollen: «Die Flücht­lin­ge müs­sen hin­aus­ge­wor­fen wer­den, und die Bau­ern müs­sen da­bei tat­kräf­tig mit­hel­fen», ruft Josef Fischbacher. Der Kreisdirektor des bayerischen Bauernverbandes giesst kräftig Öl ins Feuer und nimmt sogar das Nazi-Wort «Blutschande» in den Mund.

Was hier nach Sachsen im Jahr 2016 klingt, ist Bayern im Jahr 1947. Und die Flüchtlinge, die Fischbacher hinauswerfen will, kommen nicht aus …

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