Wir brauchen mehr Haltung
Damit meine ich nicht unbedingt eine politische Haltung. Denn manchmal geht es nicht um links oder rechts. Sondern um richtig oder falsch. Und immer öfters auch um wahr oder unwahr.
Es gibt mutige Menschen, die uns in chaotischen, in kriselnden Zeiten wie jetzt zeigen, was das bedeutet: eine Haltung zu haben. Sie kommen oft zu wenig zur Sprache, aber wenn sie es tun, dann erinnern sie uns daran, was richtig ist – und was falsch.
Ich denke da an Frauen wie die Dutzenden von Opfern des System Epsteins, wie Virginia Giuffre, Courtney Wild, Lisa Philipps und viele, viele mehr, die verschleppt, vergewaltigt, missbraucht wurden. Die trotzdem mit ihrem Namen und Gesicht hinstehen und Gerechtigkeit fordern. Und die teilweise mit ihrem Leben bezahlen mussten.
Ich denke auch an Gisèle Pelicot, die von ihrem Ehemann unter Drogen gesetzt und von so vielen Männern vergewaltigt wurde. Denen sie aber später vor Gericht so lange in die Augen schaut, bis diese wegschauen müssen. Bis «die Scham endlich die Seite wechselt».
Oder an den ukrainischen Skeletonfahrer Wladyslaw Heraskewytsch, der im Krieg gefallenen toten Sportlern gedenken wollte. Dem das Internationale Olympische Komitee aber das Tragen eines Gedenk-Helms verbot. Und der trotz des drohenden Ausschlusses der olympischen Spiele standhaft blieb.
Die Menschen in Heraskewytschs Heimat, die sich weigern, aufzugeben. Die alte Frau, die sich trotz täglichen Beschusses ihrer Heimat dagegen sträubt, ihre Stadt zu verlassen. Obwohl sie in ihrer Wohnung friert und kein Licht hat.
Ich denke aber auch an Menschen wie Mark Carney, der von der Trump-Administration, wie so viele andere, unter Druck gesetzt wird. Der Premier, dessen Land viel zu verlieren hat und der sich trotzdem nicht einschüchtern lässt. Der aber die deutlichsten Worte von allen findet.
Ich denke sogar an Menschen wie Liz Cheney oder Mike Pence, die unter Morddrohungen und im Wissen um ihre bald endende Karriere das Richtige getan haben. Und sich für die Wahrheit und gegen die eigene Partei exponierten.
Ich denke besonders an die Abertausenden von mutigen Iranerinnen und Iranern, die auf die Strasse gingen gegen ein korruptes, menschenverachtendes Regime. Die wussten, dass ihnen der Tod droht, und die ihren Fuss trotzdem vor die Tür setzten. Und die dafür ihr Leben gelassen haben.
Ich bin sicher, uns allen fallen noch viele weitere solche Menschen ein. Menschen, die trotz Widrigkeiten, die wir uns oft nicht annähernd vorstellen können, standhaft bleiben und für das Richtige einstehen. Sie beeindrucken gerade, weil sie das nicht tun müssten, weil man es verstehen würde, wenn sie es nicht täten. Diese Stimmen sollten nicht untergehen, denn sie können uns in einer schwierigen Zeit als Kompass dienen.
Das Jahr ist gerade mal etwas älter als einen Monat, und wir haben schon so viel Leid und Chaos gesehen: Crans-Montana, Iran, ICE, Venezuela, Epstein-Files. Über all dem schwelen Jahrhundert-Krisen wie der Bürgerkrieg im Sudan, die Klimakrise, der russische Angriffskrieg in der Ukraine oder die immer stärker werdenden Angriffe auf Demokratien – von innen und von aussen.
Zeiten wie diese können uns bisweilen lähmen, uns dazu bringen, keine News mehr konsumieren zu wollen, eine zynische Haltung einzunehmen oder uns gar zu radikalisieren. Dabei wird manchmal davor gewarnt, dass wir uns als Gesellschaft weiter polarisieren. Tatsächlich scheinen hierzulande gerade die Polparteien zuzulegen, in den USA, in Deutschland und anderen Ländern gibt es noch stärkere Tendenzen. In Krisenzeiten wächst die Radikalisierung immer, und angetrieben durch die Sozialen Medien und Desinformation erst recht.
Es gibt Stimmen, die jetzt fordern, wir sollten einen kühlen Kopf bewahren, nicht immer gleich alles kommentieren oder die Stimmung anheizen. Das mag weise sein. Oft ist es ja klug, keine festgefahrene Meinung haben zu wollen, damit wir einander immer noch zuhören und offen für Argumente sind – kommt die Wahrheit doch oft in Grautönen, und nicht in Schwarz-Weiss daher.
Aber wer glaubt, das bedeutet, auf eine Haltung zu verzichten, liegt falsch. Wir brauchen mehr Haltung denn je.
Denn bei manchen Dingen gibt es keine Grautöne. Wir sollten dankbar sein für Menschen, die uns immer wieder daran erinnern.
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