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Was Corona mit uns macht: «Normal» ist das schönste Wort der Welt

A view of an empty Red square, with the St. Basil's Cathedral, center, and Kremlin's Spasskaya Tower, right, in Moscow, Russia, Monday, March 30, 2020. Moscow Mayor Sergei Sobyanin ordered all city re ...
Die Leere ist dem Menschen zumutbar. Wirklich? Moskau, Roter Platz, 30. März.Bild: AP
Kommentar

«Normal» ist das schönste Wort der Welt! Was Corona mit uns macht

Wie gehts euch? Fühlt ihr euch einsam? Leert sich eure Zweckoptimismus-Batterie langsam? Tröstet euch, denn damit seid ihr wirklich nicht allein!
01.04.2020, 16:0517.12.2020, 16:18
Simone Meier
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Seit Montag bin ich wieder auf der Arbeit. Also bei watson. Also natürlich zuhause. Im Homeoffice. Und ich muss sagen: Ich vermisse unser abgeranztes Grossraumbüro entsetzlich. Ich vermisse die Anna, die in einem normalen Frühling links von mir sitzen würde mit ihrem Babybauch, dessen Inhalt auch schon längst einen Namen trägt.

Ich vermisse den Dani, der schräg hinter mir sitzt und gerne jammert, allerdings vermute ich schwer, dass er dies nicht existenziell, sondern eher so performativ-kokett tut. Auf jeden Fall macht er dies mit unnachahmlicher Virtuosität und einer gewissen Grazie. Ich vermisse den Toggi, der mir im Rücken sitzt, und dessen Tasse man nicht waschen darf, weil sie sonst ihre Aura und er sein Karma verliert oder irgendwo ein Bitcoin in die Tiefe saust oder was weiss ich.

Ich vermisse den Peter, der gelegentlich mitsummt, wenn er Musik via Kopfhörer hört, und Philipps Handy-Klingelton (es ist «Help» von den Beatles). Auf Spotify habe ich in diesem Augenblick The Hillbilly Moon Explosion laufen, weil das die Band vom Baroni ist und mit Druck gute Laune macht.

Ich träume nicht von Weltreisen oder Abenteuern. Ich denke bloss mit sehr viel Liebe an unsere ganz banale Arbeitsnormalität und staune, wie sehr sie mir fehlt.
epaselect epa08323074 People walk through a nearly empty Times Square in New York, USA, 25 March 2020. A statewide shut down of all non-essential businesses and a ban on all non-solitary outside activ ...
New York, Times Square, 25. März.Bild: EPA

Bevor ich zurück zur Arbeit kam, war ich in den Ferien. Also zuhause. Gleich zu Beginn feierte ich meinen Geburtstag, einen runden, es war noch ganz knapp nichts Verbotenes daran, aber es fühlte sich schon sehr seltsam an, so, als wäre man nicht in der Schweiz im Jahr 2020, sondern in den USA im Jahr 1920, die Prohibition würde ausgerufen, Alkohol wäre verboten, und wir würden jetzt in irgendeinem illegalen Hinterzimmer eine rauschende Flüssiggold-Party feiern. Es war klar, dass da noch viel kommen würde. Und es kam. Ihr wisst es alle.

Änderte sich mein Verhalten? Ja! Ich fürchtete mich vor einem Leben ohne WC-Papier und Flüssigseife. Ich lud mir eine Fitness-App aufs Handy, von der ich bis jetzt genau eine Sieben-Minuten-Einheit absolviert habe. Ich bestellte beim Buchhändler mehrere Bücher aus Panik, in ein Loch aus Langeweile zu fallen, bis jetzt habe ich genau ein halbes Buch gelesen. Ich stürzte mich mit manischem Aktivismus in kleine Charity- und Solidaritätsaktionen.

Doch irgendwann hatte ich zum Erbrechen genug von gestreamten Balkonkonzerten und Badezimmerlesungen, die aussahen, als befänden sie sich gerade im Verdauungstrackt eines Nacktmulls.
epa08288286 A sanitation employee disinfects the historical Marciana area of Venice, Italy, 12 March 2020. Venice's waste management provider Veritas is set to close down all waste collection centers  ...
Markusplatz, Venedig, 12. März.Bild: EPA

Ich schrieb ein wenig an meinem neuen Roman herum und dachte bei jedem Anschlag: Was soll das? Welche Gegenwart versuche ich hier eigentlich heraufzubeschwören? Ist irgendeine Realität ausserhalb von Corona überhaupt noch denkbar? Die Verlage haben panische Angst, in den nächsten Jahren nur noch Corona-Manuskripte zu kriegen. Aber was soll man denn sonst auch tun? Bücher schreiben, die irgendwo weit abseits von jetzt in der Vergangenheit oder Zukunft liegen, weil die Gegenwart gerade täglich neu definiert wird? Oder einfach alles mal liegen lassen, bis wir sehen, was bleiben wird? Aber würden wir da in der Zwischenzeit nicht verrückt?

Einer Freundin brechen gerade die Einnahmen von einem halben Jahr weg, weil all die Theater, die sonst ihre Stücke aufführen oder bestellen, geschlossen sind. Und wie gehts eigentlich meiner Coiffeuse? Und sind meine Eltern wirklich, wirklich vorsichtig genug? Ein Freund ist seit vielen Tagen krank geschrieben. Von einem anderen, älteren Freund, habe ich seit drei Wochen nichts mehr gehört. Damals war er gerade auf dem Weg zum Test.

Niemand kann Corona entgehen, es ist in uns allen. Nicht in jedem Körper, aber in jedem Leben. In fast jeder Sekunde unserer Tage.
Pigeons walk on the Trocadero square in front of the Eiffel Tower, in Paris, March 18, 2020. (AP Photo/Thibault Camus)
Paris, Eiffelturm, 18. März.Bild: AP

Man kann sich einzig in jenem Moment nach dem Aufwachen, wenn die Gedanken noch nicht fokussiert sind, vormachen, der Morgen wäre bloss ein ganz normaler Morgen. In mir hat sich ein Husten eingenistet, den ich den langen bewegungsarmen Stunden im Homeoffice zuschreibe, gewisse Dinge will ich lieber nicht so genau wissen. Immerhin sind wir seit wenigen Stunden im Besitz von Masken und Wegwerfhandschuhen. Wenig. Für viel Geld. Aber für den Notfall, für den Einkauf, für den Spiessrutenlauf eines Rests an Alltag reicht es aus.

Ich versuche, meine Batterie an Zweckoptimismus nicht leer werden zu lassen. Und freu mich auf den Tag, an dem ich wieder im Büro sitze und um mich sind die ganzen ungewaschenen Tassen und das lieb gewonnene Gewusel aus Menschen und gelegentlich ein paar Hunden. Und ich schwöre, liebe Sportredaktion, ich werde mich nie wieder beschweren, wenn ihr einen Match für meinen Geschmack zu laut laufen lasst, denn alles ist besser als diese inspirationskillende Menschenleere. Homeoffice, ich weiss, wieso ich dich nicht liebe.

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25 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Statler
01.04.2020 17:00registriert März 2014
Interessant, wie unterschiedlich Menschen sein können.
Mir fehlt weder das Gequatsche der Bürokollegen, noch Telefongeklingel oder sonstwas.
Herrliche Ruhe im Home-Office (man kann sich konzentrieren, ohne dass einen dauernd jemand anquatscht), ab und zu auf den Balkon stehen und etwas Sonne geniessen. Das könnte von mir aus so weitergehen.

Und für die soziale Interaktion hab' ich vor ein paar Tagen Secondlife wieder ausgegraben ;) (ich hab' gehört, es soll dort bald 'ne Party von einem Zürcher Club geben)
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La Marmotte rose
01.04.2020 21:13registriert März 2020
Als eher introvertierte Person ist die aktuelle Situation wohl besser zu ertragen. Meine extrovertierte Chefin hat bereits am ersten HO-Morgen alle angerufen, weil es ihr sooo langweilig war, alleine zu Hause arbeiten zu müssen. Da frag ich mich dann schon, was mit solchen Leuten läuft. Könnt ihr euch nicht mal ein paar Tage alleine beschäftigen?!
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Randalf
01.04.2020 17:18registriert Dezember 2018
Danke Frau Meier
Auch dass das ein Kommentar ist und nicht wieder eine Analyse.
Kaum zu glauben, aber mir fehlt der Arbeitsweg im ÖV.
Leute zu sehen und von da nach dort zu gehen und dazwischen noch in eine Bäckerei.
Tja, ich wundere mich grad selbst darüber.
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