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Jubel Leon GORETZKA (GER) nach seinem Tor zum 2:2, v.l. Kevin VOLLAND (GER), Leon GORETZKA (GER), Leroy SANE (GER), Gruppenphase, Vorrunde Gruppe F, Spiel M36, Deutschland (GER) - Ungarn (HUN), am 23.06.2021 in Muenchen/ Deutschland, Fussball Arena (Alliianz Arena). Fussball EM 2020 vom 11.06.2021-11.07.2021.  *** Leon GORETZKA GER celebrates after his goal to 2 2, f l Kevin VOLLAND GER , Leon GORETZKA GER , Leroy SANE GER , Group Phase, Preliminary Round Group F, Match M36, Germany GER Hungary HUN , on 23 06 2021 in Munich Germany, Football Arena Alliianz Arena European Football Championship 2020 from 11 06 2021 11 07 2021 ÃÂ

Nein, das wird kein Doppeladler, das ist Goretzkas Herz. Liebe für alle. Alle für die Liebe. Bild: IMAGO / Sven Simon

Kommentar

So scheinheilig ist das Regenbogen-Theater der EM 2020

Die Uefa widerspricht sich selbst, und grosse Firmen versuchen sich in Pinkwashing.



Die einen haben Eier. Vor der ganzen Welt. Die andern nur gerade dort, wo ihnen das wirtschaftlich nicht in die Quere kommt. Also wo ihnen das Queere nicht in die Quere kommt. Eier hatte zum Beispiel am letzten Mittwoch Leon Goretzka, als er beim Spiel in München dem aggressiven ungarischen Fanblock ein Herz zeigte.

Unternull Eier hat weiterhin die Uefa: Vor dem Spiel Portugal gegen Belgien, das am Sonntag in Budapest stattfand, bekräftigte sie, dass Regenbogen-Symbolik im Stadion nicht verboten, weil «nicht politisch» sei. Was umgekehrt bedeutet, dass politische Symbolik verboten ist.

Die Uefa laviert

Genau so hatte die Uefa bekanntlich vor dem Match in München argumentiert, als die Allianz-Arena regenbogenfarbig hätte leuchten sollen. Da war die Euro explizit «nicht politisch», und deshalb duldete die Uefa die Beleuchtung nicht. Schliesslich wäre die deutsche Beleuchtung eine direkte Reaktion auf Ungarns homophoben Regierungskurs und also wirklich politisch gewesen. Doch die Uefa sah, dass sie sich entsetzlich unbeliebt machte, denn natürlich war ein Statement gegen den Münchner Regenbogen eines für Viktor Orbans Politik. Schade, dass in München nicht einfach jemand den Schalter umlegte.

Jetzt hat die Uefa München vorgeschlagen, seine Allianz-Arena doch am 28. Juni, dem Jahrestag des Stonewall-Aufstandes in New York, als sich Schwule und Transsexuelle gegen die anhaltende Polizeigewalt erhoben, regenbogenfarbig zu beleuchten. Oder ab dem 3. Juli während der Pride Week. An all diesen Terminen wird in München selbstverständlich nicht gespielt.

Am Christopher Street Day (heuer der 10. Juli) selbst leuchtet das Stadion schon seit Jahren im Regenbogenlook, das haben wir vom FC Bayern München erfahren, der sich wiederum von Qatar Airways sponsern lässt. Und Qatar ist jenes Land, wo wiederum die Fifa die nächste WM veranstaltet und wo auf Homosexualität mehrjährige Gefängnisstrafen und Peitschenhiebe stehen. Da ist es nur konsequent, dass die Fifa heuer nicht wie letztes Jahr einen «Football Pride»-Tag für queere Fans veranstaltet. Es sollen wohl besser nicht allzu viele von ihnen nach Qatar reisen.

Mit der erlaubten Regenbogen-Symbolik von Budapest dürfte die Uefa übrigens nicht ein paar bunte Fans gemeint haben, sondern vielmehr die Bandenwerbung von Firmen wie VW, die aktuell auch eingefärbt daherkommen und Diversität und Gleichberechtigung demonstrieren. Wir erinnern uns: Eben erst hatte VW einen Shitstorm am Hals, weil sie via Instagram einen rassistischen Werbespot publizierten, in dem ein Schwarzer von einer weissen Hand aus dem Bild geschnippt wird.

Jetzt versucht es der Autohersteller mal mit Pinkwashing. Mit Queerbaiting. Damit also, sich einen politischen korrekten Anstrich zu geben und ein diesbezüglich sensibles, aber kaufkräftiges Kundensegment anzusprechen. Es ist die Taktik, auf die sich gerade alle einigen können. Jedenfalls im Westen. LGBTIQ gibts überall. Von ganz links bis zur AfD. Bereits in der Türkei hört der Regenbogen für Siemens jedoch auf. Und für alle andern spätestens im Nahen Osten.

Siemens Deutschland

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bild: screenshot twitter/siemens

Siemens Türkei

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bild: screenshot twitter/siemens türkei

Firmenlogos in Europa – und im Nahen Osten

Abseits der EM haben anlässlich des «Pride Monats» Juni 24 Firmen in einem ganzseitigen NZZ-Inserat «Das LGBTIQ-Versprechen» abgelegt. Da heisst es: «Wir bewerten deine Arbeit nach vielen Kriterien ... Doch niemals werden wir deine Arbeit danach bewerten, wer du bist oder wen du liebst.» Klingt gut. Aber «wer du bist»? Also auch arm, reich, schwarz oder weiss? Privilegiert geboren oder geflüchtet? Beeinträchtigt oder nicht? Frau, Mann, trans? Unter den Firmen befinden sich ein paar Banken, ABB, Sunrise, Roche, Swisscom, Syngenta und die immerzu diversitätsfreundliche NZZ.

Der Gipfel des Zynismus ist, dass sich im Juni 2021 auch Frontex unter dem Regenbogen niedergelassen hat. Frontex, die europäische Agentur für Grenz- und Küstenwache, die dafür gesorgt hat, dass unzählige Menschen dorthin zurückkehren mussten, wo sie verfolgt wurden. Etwa für ihre sexuelle Orientierung. Oder ihre Hautfarbe.

Bild

bild: screenshot twitter/frontex

Weder in der Schweiz noch in Deutschland gibt es aktuell einen einzigen geouteten Profifussballer. Wer sich als schwul outet, verliert angeblich 90 Prozent seines Marktwerts. Da können noch so viele Banken und Autohersteller ihre Hände in Pink waschen. Männerfussball ist sowas wie die letzte heteronormative Lagerfeuerfeier. Frauenfussball war da immer schon anders.

Es bleibt spannend, ob sich noch während dieser Euro oder danach der eine oder andere Spieler zu outen wagen wird. Vielleicht hat Goretzkas Herz ja einem ganz bestimmten gegolten.

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