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watson traf Boyan Slat beim Greentech-Festival in Berlin zum Interview. bild: watson

Boyan Slat will 90 Prozent des Plastiks aus dem Ozean holen – das hat er bisher erreicht

Franziska Türk / watson.de



Als 16-Jähriger verbringt Boyan Slat seine Sommerferien an der griechischen Küste – und ärgert sich beim Schnorcheln darüber, dass ihm mehr Plastikmüll als Fische vor die Taucherbrille schwimmt. Der Urlaub hinterlässt Spuren: Der Teenager aus den Niederlanden will das Meer von Plastikmüll befreien, nicht nur in Griechenland, sondern weltweit. Als 18-Jähriger gründet er das Unternehmen Ocean Cleanup und entwickelt zusammen mit Wissenschaftlern ein schwimmendes Treibnetz, das den Plastikmüll im Ozean einfangen soll. Doch die grossen Erfolge bleiben zunächst aus, Kritiker bezweifeln, dass sich die Pläne von Ocean Cleanup umsetzen lassen.

Trotzdem hält der mittlerweile 26-Jährige an seiner Idee fest – und entwickelt sein System, das bis 2040 beinahe alles Plastik aus den Weltmeeren fischen soll, weiter. Mittlerweile arbeiten mehr als hundert Menschen an dem Projekt. Im Interview mit watson spricht Boyan darüber, wie er es schaffen will, Plastik aus den Weltmeeren zu fischen, warum er die Welt eher mit technischen Innovationen retten will statt mit Verboten und was er anderen jungen Menschen mit grossen Ideen rät.

Die fünf grössten Plastiksünder am Mittelmeer

watson: Mal abgesehen davon, dass es beim Schnorcheln stört: Warum ist Plastik im Ozean ein so grosses Problem?
Boyan Slat:
Dafür gibt es drei Gründe. Erstens schädigt das Plastik das Ökosystem: Es gibt etwa 700 Arten, die wegen des Plastikmülls vom Aussterben bedroht sind. Zudem ist es für Ökonomien weltweit teuer, so viel Plastik zu produzieren und gleich wieder wegzuwerfen. Wird das Mikroplastik ausserdem von Krill und anderen kleinen Lebewesen gefressen, gelangt es in die Nahrungskette und landet schliesslich auch auf unserem Teller – mit all den gesundheitlichen Risiken, die davon ausgehen.

Und es ist relativ hartnäckig.
Genau, Plastik ist anders als andere Arten der Umweltverschmutzung. Nehmen wir zum Beispiel Smog: Wenn wir aufhören, die Luft zu verpesten, löst sich das Problem von selbst. In den 80er Jahren war Los Angeles beispielsweise unter Smog begraben. Jetzt, wo die Autos sauberer sind, ist die Luft besser. Plastik dagegen ist hartnäckig, es zersetzt sich kaum selbst, wodurch das Problem schlimmer und schlimmer wird. Selbst wenn wir keinerlei neuen Plastikmüll mehr produzieren würden, wäre das Plastik in 50 Jahren noch da – und vermutlich auch in 100. Es ist also nicht nur wichtig, weniger Plastik in den Ozean zu lassen, sondern auch das zu beseitigen, das schon dort schwimmt.

«Ich habe mir überlegt: Wie kann ich mitten im Ozean eine künstliche Küstenlinie erzeugen?»

Du wolltest also das Plastik wieder aus dem Meer holen. Wie kamst du darauf, riesige Netze zu verwenden?
Ich habe mit vielen Menschen gesprochen und viele Bücher über den Ozean gelesen. Es war schnell klar, dass der grosse Pazifische Müllstrudel (Ansammlung von Plastikmüll im Pazifik zwischen Kalifornien und Hawaii, soll etwa zweimal so gross sein wie Österreich, Anmerkung der Redaktion) ziemlich weit draussen ist und dass es teuer wird, dort regelmässig mit dem Boot hinzufahren. Ich habe mich stattdessen gefragt, was ich von den Küsten lernen kann: Sie sammeln den Plastikmüll und halten ihn. Also habe ich mir überlegt: Wie kann ich mitten im Ozean eine künstliche Küstenlinie erzeugen?

Dann hast du mit 300 Euro und ein paar freiwilligen Helfern angefangen. Was rätst du anderen Teenagern, die grosse Ideen aber kleine Mittel haben?
Solange man offen ist, dazuzulernen und Feedback zu akzeptieren, ist es das Wichtigste, einfach anzufangen. Ich sehe viel Wut, Menschen die protestieren und unzufrieden sind. Ich glaube aber, es ist viel wichtiger, das zu nutzen, was wir gut können. Wir sind einzigartig darin, zu kollaborieren, Dinge zu erfinden, die noch nicht existieren. Wir sind die einzige Spezies, die das kann, also sollten wir unsere Energie nicht an negative Dinge verschwenden.

«Das Richtige zu tun, muss einfacher sein, als nicht das Richtige zu tun.»

Also Innovationen statt Verbote?
Menschen werden nicht gerne zu Dingen gezwungen. Es ist nicht der richtige Weg, ihnen etwas zu verbieten – wir sollten uns eher fragen, warum sie sich so verhalten und was wir ändern müssen, damit sie das nicht mehr tun. Auto-Abgase verschwinden nicht dadurch, dass wir Autos verbieten, sondern indem wir auf Elektro-Autos umsteigen. Die Probleme durch die Viehhaltung verschwinden nicht, indem wir jeden zwingen, vegan zu leben, sondern indem wir Clean Meat oder pflanzliche Fleischalternativen entwickeln. Das Richtige zu tun, muss einfacher sein, als nicht das Richtige zu tun.

Das versuchst du auch. Es hat aber eine ganze Weile gedauert, bis das Ocean-Cleanup-System in Betrieb genommen wurde.
Die ersten Jahre ging es nur darum, das Problem zu verstehen. Wir haben Prototypen entwickelt und 2018 das erste Reinigungssystem gestartet. Das hat nicht funktioniert. Also haben wir es weiterentwickelt und 2019 ein neues System gelauncht, das tatsächlich Plastik einfängt.

Anfangs hattet ihr das Ziel, mit eurem System 90 Prozent des Plastiks aus dem Ozean zu holen. Kritiker bezweifeln das. Wie gehst du damit um?
Erstmal halten wir an dem Ziel fest. Bis 2040 wollen wir die 90 Prozent erreichen. Man muss Kritik immer ernst nehmen. Wenn ich aber zurückblicke, gibt es sehr viele Dinge, von denen die Menschen gesagt haben, dass wir sie nicht erreichen könnten – und wir haben sie erreicht. Es wurde gesagt, es gäbe kein Plastik an der Oberfläche des Ozeans, aber es hat sich gezeigt, dass es dort doch welches gibt. Es wurde gesagt, der Strudel sei zu gross, um ihn zu säubern, aber wir sind rausgefahren und haben mit unserem Modell gezeigt, dass wir die 90 Prozent schaffen können. Es ist nicht einfach, aber ich glaube fester denn je, dass wir es schaffen können.

«Ein Prozent aller Flüsse weltweit ist für 80 Prozent der Verschmutzung verantwortlich.»

Wie ist die Situation gerade?
Nächstes Jahr starten wir mit System 2.

Wo liegt der Unterschied?
Der grösste Unterschied ist, dass es grösser ist und das Plastik für längere Zeit festhalten soll. Boote sind teuer, also wollen wir nur alle paar Monate hinfahren, das Cleanup-System soll seine Arbeit weitestgehend alleine machen. Im neuen System wird zudem die Geschwindigkeit verlangsamt. Wir wollen die Kraft des Ozeans effektiv nutzen, sodass das Plastik immer weiter in das System hineingetrieben wird, statt immer wieder raus- und wieder reinzuschwimmen.

Wo wollt ihr das System einsetzen?
Wir starten mit dem grossen pazifischen Müllstrudel und widmen uns danach den vier weiteren. In der Zwischenzeit nehmen wir uns die Flüsse vor. Denn ein Prozent aller Flüsse weltweit ist für 80 Prozent der Verschmutzung verantwortlich. Wenn wir uns auf dieses eine Prozent fokussieren, können wir hoffentlich den Grossteil des Plastiks davon abhalten, ins Meer zu gelangen.

Welche Flüsse sind das?
Die besonders verschmutzten Flüsse befinden sich vor allem in Südostasien, Zentralafrika und Zentralamerika, besonders betroffen sind die Philippinen, Indonesien und Vietnam. Wir haben schon Systeme in Flüssen in Indonesien, Malaysia und der Dominikanischen Republik implementiert. Sie schwimmen im Fluss und wirken wie eine Art Korken, der das Plastik hindert, in den Ozean zu gelangen.

Was passiert mit dem Plastik, das ihr einsammelt?
Wir recyceln es für nachhaltige Produkte – welche genau das sind, verraten wir am 24. Oktober. Sie sind zu 100 Prozent aus dem Müll aus dem Pazifischen Müllstrudel und die Erlöse fliessen wieder in das Projekt.

Gleichzeitig wäre es gut, wenn gar nicht erst so viel Plastikmüll entsteht. Hast du da Tipps?
Plastik ist ein wertvolles Material und hat viele Vorteile: Es konserviert Lebensmittel und macht Autos leichter. Aber wir brauchen die richtige Infrastruktur, um sicherzugehen, dass es nicht in der Umwelt landet. Das deutsche Flaschenpfand ist gut, weil es einen Anreiz gibt, zu recyceln. Der Rhein in Deutschland verschmutzt das Meer beispielsweise in einem Jahr weniger als der Fluss in Malaysia an einem Tag, obwohl in der Region um den Rhein herum mehr Menschen leben.

Das heisst, am Ende kommt es gar nicht so sehr auf den Einzelnen und sein Konsumverhalten an?
Natürlich versuche ich, nachhaltig zu leben. Aber auf einem globalen Level bin ich etwas pessimistischer als andere, wenn es darum geht, welchen Einfluss die Handlungen Einzelner haben. Es schadet nicht, nachhaltig zu leben, aber wir sollten uns mehr darauf fokussieren, die Technologien um uns herum nachhaltiger zu machen.

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59 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
ch.vogel
11.10.2020 21:26registriert May 2014
"Innovation statt Verbote." und "Das richtige zu tun muss einfacher sein, als nicht das richtige zu tun."
Diese zwei Aussagen müssen wir uns absolut zu Herzen nehmen, wenn wir die grossen Probleme wie Klimawandel und Umweltverschmutzung lösen wollen.
Und sie treffen auch auf viele andere Bereiche zu, sei es Fleischkonsum oder Corona-Massnahmen.
Es nützt nichts, wenn 10-20% der Menschen selbstlos und konsumbewusst leben, während die restlichen 80-90% mangels Geld, Zeit, Wissen oder Motivation weitermachen wie bisher.
Und mit Verboten holt man diese Leute nicht ab.
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Cas
11.10.2020 21:55registriert August 2016
Genialer Typ und geniales Projekt.
Gerne mehr Berichte über unterstützenswerte Projekte.
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Hadock50
11.10.2020 21:25registriert July 2020
Die Welt braucht mehr "Boyan Slat's " !
Ich wünsch Ihm ganz viel Erfolg und hoffe das im sein Vorhaben gelingen mag, und dass er sich vor Rückschläge nicht unterkriegen lässt !
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59

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