Freilassung auf eigene Faust? Jetzt gehen die «Retter» auf die Schiffs-Crew los
Was sind die neusten Entwicklungen?
Die beiden Initiatoren der Rettungsaktion für den Wal, Karin Walter-Mommert und Walter Gunz, haben sich am Samstagabend laut Focus ausdrücklich von der Freilassung am Morgen distanziert:
Weiter erheben die beiden privaten Unternehmer schwere Vorwürfe gegen die Besatzungen der beiden Schlepp-Schiffe «Robin Hood» und «Fortuna B», welche Timmy in die Nordsee verfrachtet haben: «Etwaige Konsequenzen für nicht abgestimmte Handlungen am und um den Wal haben der Eigner, die Betreiber und uns bekannte Personen der Crew der Schiffe Fortuna B und Robin Hood zu tragen.»
So seien Teile der selbsternannten Rettungsteams nicht wie abgesprochen morgens zum Wal gebracht worden; bloss den ehemaligen Waljäger Jeffrey Foster habe man mitgenommen. Und: Die Crews hätten, ohne den Zustand des Wals zu prüfen, Massnahmen ergriffen, «um den Wal von Bord zu bekommen». Dem Waljäger Foster sei unter Androhung von Sachbeschädigung verboten worden, sein Handy zu nutzen.
Wie geht es jetzt weiter?
Timmy schwimmt jetzt zwar selber wieder, ob er das auch überlebt, ist jedoch noch nicht sicher. Der Buckelwal ist nach wie vor geschwächt, das lange Liegen auf der Sandbank könnte auch seine Organe beeinträchtigt haben.
Zudem ist unklar, ob der Wal überhaupt Nahrung aufnehmen kann, da man in seinem Maul Netzteile gefunden hat. Diese könnten auch zu einem Verschluss geführt haben. Auch seine Haut hatte während seines Aufenthaltes in der Ostsee gelitten. Deshalb gilt Timmy offiziell auch noch nicht als gerettet.
«Von einer Rettung kann man erst sprechen, wenn sich der Wal zurück im Nordatlantik befindet und dort langfristig überlebt; sich seine Haut wieder vollständig erholt hat; er wieder eigenständig auf Nahrungssuche geht und an Gewicht zunimmt; und seinem natürlichen Verhalten nachgeht», erklärte die Tierschutzorganisation Whale and Dolphin Conservation (WDC) schon vor Timmys Schwumm in die Freiheit. Wie der gesundheitliche Zustand des Wals bei seiner Freilassung war, ist derzeit nicht bekannt.
Die Freisetzung an sich wurde von der Bereederungsgesellschaft des Begleitschiffs «Robin Hood» als Erfolg bezeichnet – «trotz der widrigen Umstände und Wetterbedingungen», heisst es in einem Schreiben, das der Deutschen Presse-Agentur vorliegt. Zuvor war von Teilen der Initiative Kritik am Ablauf der finalen Momente geübt worden, der sich nicht von unabhängigen Quellen verifizieren liess. Die Bereederungsgesellschaft schreibt hingegen von einem abgestimmten Vorgehen aller Beteiligten.
Wie steht es um die Überwachung?
Am Vortag hatte die Initiative angegeben, es sei ein Sender angebracht worden. Die Informationen liessen sich nicht durch unabhängige Quellen verifizieren. Die Allgemeinheit würde den Weg des Wals ohnehin nicht verfolgen können: Die Informationen, wo sich der Wal befinde, würden nur den Teammitgliedern der Privatinitiative und dem Umweltministerium von Mecklenburg-Vorpommern zur Verfügung gestellt, hiess es.
Zur Frage des Peilsenders äusserte sich auch Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus beim Livestream-Anbieter News5:
Im Übrigen sei auch vereinbart gewesen, dass ein Videosystem auf der Barge installiert wird, damit beauftragte Tierärzte den Wal weiter beobachten können - «auch das ist nicht erfolgt».
Die «Bild»-Zeitung berichtete am Abend, es gäbe mittlerweile ein sporadisches Signal. Offiziell bestätigt wurde das von der Initiative nicht. Am Vormittag hatte die Rechtsanwältin der Initiative, Constanze von der Meden, gesagt, es könnten vorerst keine Angaben zur Schwimmrichtung des Wals gemacht werden. Welche Probleme es konkret gab, blieb aber unklar.
Wohin des Weges?
Das ist eine gute Frage. Der Buckelwal wurde rund 70 Kilometer von Skagen entfernt im Skagerrak freigelassen. Wichtig ist, dass er die offene Nordsee erreicht. Gemäss der Nachrichtenagentur AFP soll er in die richtige Richtung davongeschwommen sein. Die Trackingdaten sollen zeigen, ob er den Weg am Schluss auch findet.
Doch das konnte bisher noch nicht geprüft werden, weil die Daten fehlen. «Wenn sich bewahrheitet, dass der Peilsender keine Daten liefert, wäre das eine Katastrophe, auch für das ‹Rettungsteam›«, erklärte der Walforscher und Meeresbiologe Fabian Ritter. Denn dann könne die Mission auch nicht als erfolgreich oder fehlgeschlagen erklärt werden, da man Timmy schlicht aus den Augen verlieren würde.
Das Worst-Case-Szenario
Es ist auch möglich, dass der Buckelwal erneut eine Küste ansteuert. Das wäre ein Zeichen dafür, dass der Wal noch immer geschwächt ist.
In diesem Fall könnte es für Timmy böse enden: Dänemark hat bereits angekündigt, dass gestrandete Wale nicht gerettet würden. Schliesslich handle es sich um ein «natürlich vorkommendes Phänomen», in das man nicht eingreife.
Auch eine Auffangstation war vor der Freilassung immer wieder ein Thema. Doch auch hier gibt es schlechte Nachrichten: Weltweit ist nämlich laut WDC keine Einrichtung bekannt, die sich um Buckelwale kümmern könnte. Stationen gibt es lediglich für Kleinwale.
Was hat das Ganze gebracht?
Natürlich sicher mal Punkt eins: Timmy kann wieder frei schwimmen, auch wenn die langfristigen Erfolgschancen ungewiss sind. Die Rettungsaktion ist für viele aber mehr als das. Wie Till Backhaus, Umweltminister von Mecklenburg-Vorpommern, erklärt, wurde «ein Stück Geschichte geschrieben», berichtet die «Bild». Er will für Timmy ein Mahnmal errichten lassen.
Der Fall hat zudem einmal mehr aufgezeigt, wie problematisch Stellnetze und Geisternetze im Meer sind. Tiere verfangen sich darin oder verletzen sich. Im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern wurde von den Grünen deshalb bereits ein Antrag gestellt, um den Umgang mit Ausnahmesituationen bei Meeressäugern sowie den Schutz der Meeresökosysteme zu überdenken, berichtet die Süddeutsche Zeitung. Auch die WDC fordert verschiedene Massnahmen, um Meerestiere vor dem Tod durch Fischereigeräte zu schützen.
(Mit Material der sda)
