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Mord kann sie nicht scheiden: David Thewlis und Olivia Colman als Verbrecherpaar.
Mord kann sie nicht scheiden: David Thewlis und Olivia Colman als Verbrecherpaar.Bild: HBO/Sky
Review

Crazy Liebe und alte Leichen: «Landscapers», das True-Crime-Juwel mit Olivia Colman

Es gab heuer ein paar schöne Serien, doch keine war so aussergewöhnlich wie diese exzellente Miniserie nach einer tragisch wahren, britischen Geschichte.
23.12.2021, 18:18

Dies ist die Geschichte von zwei grossen Lieben. Und von einem wahren Mord, der eine der verrücktesten Täuschungsgeschichten der britischen Kriminalgeschichte zur Folge hatte. Dies ist die Geschichte von Olivia Colman und Ed Sinclair. Und von Susan und Christopher Edwards. Aufgefangen in einer der aussergewöhnlichsten Miniserien, die Menschen sich ausdenken können.

Beginnen wird mit Olivia und Ed. Es ist vor 27 Jahren, die beiden studieren in Cambridge und sind gemeinsam im Theaterclub. Für sie ist es Liebe auf den ersten Blick: «Als er den Raum betrat, dachte ich nur: ‹Er ist es!› Aber ich nehme an, wenn er mich nicht gewollt hätte, hätte ich vielleicht eine Woche später zu jemand anderem gesagt: ‹Er ist es!›», fasst Colman ihre Begegnung zusammen.

Trailer zu «Landscapers»

Er will damals unbedingt Schauspieler werden, sie eher weniger. Er wird an einer Schauspielschule aufgenommen, sie spielt unterdessen Hausfrau und jobbt in einem Reinigungsunternehmen. Doch als sie sieht, wie viel Spass er an seiner Schule hat, will sie es auch probieren. Und wird mühelos aufgenommen. Er wird danach etwas Theater spielen, aber sich vor allem ins Schreiben zurückziehen. Sie wird Schauspielerin. Und er ist hässig. Über die «brennende Ungerechtigkeit», dass die Welt nicht sehen will, wie grossartig seine Frau ist.

Er beschliesst, ein Drehbuch für sie zu schreiben, das der Welt ein für allemal beweisen soll, dass sie ohne Olivia Colman nicht leben kann. Und er nimmt dafür einen gerade aktuellen britischen Kriminalfall: Die wahre Geschichte von Susan und Christopher Edwards.

Ed Sinclair und Olivia Colman am 24. Februar 2019 bei den Oscars: In dieser Nacht gewinnt Colman ihre erste Trophäe für «The Favourite».
Ed Sinclair und Olivia Colman am 24. Februar 2019 bei den Oscars: In dieser Nacht gewinnt Colman ihre erste Trophäe für «The Favourite».Bild: an MacMedan/Getty Images

Susan ist heute 62, Christopher 64, die beiden haben inzwischen 7 Jahre von 25 Jahren Haft abgesessen. 1998 ermorden die beiden Susans Eltern in Nottinghamshire mit ein paar sehr präzisen Schüssen und vergraben sie im Garten. Chris ist Buchhalter, Susan eine ehemalige Bibliothekarin, die aber seit längerem nicht mehr arbeitet und all ihr Geld für Filmmemorabilia ausgibt. Die beiden haben sich über eine Partnervermittlung gefunden und leben selbstgenügsam und zurückgezogen. Vermutlich wurde Susan als Kind von ihrem Vater missbraucht. Und höchst wahrscheinlich haben ihre Eltern ihr Haus mit einem kleinen Erbe, das Susan erhalten hatte, gekauft und ihr das Geld nie zurückgegeben.

Vor Gericht behauptet das Paar, Susans Mutter habe erst den Vater erschossen und sei dann von Susan erschossen worden, Chris habe bloss eine Woche später geholfen, die beiden zu vergraben. Doch dann wird Chris, der ein ausgezeichneter Schütze ist, vor Gericht gebeten, vorzuführen, wie er die Tatwaffe benutzen würde, und schiesst seelenruhig viermal über die Köpfe der Jury hinweg in die Wand. Niemand zweifelt mehr an seiner Mit-Täterschaft.

Bild: HBO/Sky

Wegen Mord verurteilt werden die beiden 2014. Davor waren sie auf der Flucht in Frankreich. Bis 2012 war es ihnen nämlich gelungen, der Welt weis zu machen, Susans Eltern seien noch am Leben. Sie fälschten in ihrem Namen Dokumente, schrieben hingebungsvoll Weihnachtskarten und Briefe, «verdienten» am Rentengeld der Toten und verkauften in deren Namen Susans Elternhaus. Doch dann wollten die Behörden Susans Vater zum 100. Geburtstag persönlich gratulieren, und die beiden setzten sich nach Frankreich ab. Susan war in der ganzen Charade die fantasievollere, sie schaffte es nämlich auch, ihren Mann glauben zu machen, dass Gérard Depardieu sein bester Brieffreund sei.

Obwohl sie über 400'000 Pfund ergaunert hatten, betrugen ihre Schulden am Ende 160'000 Pfund, Susans cinephile Kaufsucht war nicht zu bändigen und in Frankreich fanden sie keine Jobs. Schliesslich stellen sie sich. Am 30. Oktober 2013 kehren sie mit einem allerletzten Euro nach London zurück und werden von einem Grossaufgebot der Polizei empfangen.

Die Britin Colman als Britin Elizabeth II. in «The Crown», dem royalen Epos von Netflix.
Die Britin Colman als Britin Elizabeth II. in «The Crown», dem royalen Epos von Netflix.Bild: keystone

Ed Sinclair wollte seine «Colly», wie er Olivia Colman nennt, als Susan Edwards berühmt machen und setzte sich vor sechs Jahren an sein Drehbuch. Inzwischen ist die Welt Sinclairs Liebesprojekt zuvorgekommen und will seit ein paar Jahren tatsächlich nicht mehr ohne Colman sein: Sie triumphierte als Queen Elizabeth in «The Crown», sie gewann einen Oscar als Queen Anne in «The Favourite», war die Tochter von Anthony Hopkins in «The Father», eroberte die Herzen der Krimifans als D.S. Ellie Miller in «Broadchurch», war die exzentrische «Godmother» in «Fleabag», hielt eine verschusselt charmante Preisrede um die nächste. Natürlich war es da irgendwann keine Frage mehr, dass Ed Sinclairs Drehbuch verfilmt werden musste.

«It's genuinely quite stressful!» Colmans Oscar-Rede

Herausgekommen ist dabei nichts Geringeres als DAS Serienjuwel 2021. «Landscapers» ist ein surrealer Essay. Ein Versuch, die kindlich verletzliche Fantasiewelt des Paares und sein bizarr vertuschtes Verbrechen kurzzuschliessen. Die Gegenwelt aus souveräner Abgebrühtheit und absoluter Naivität zu entschlüsseln.

Der Vierteiler funktioniert dabei nicht wie ein naturalistisches oder dokumentarisches True-Crime-Drama, sondern wie ein ungeheuer liebevoll inszenierter Traum, der immer wieder bricht. Der junge Londoner Will Sharpe, der gerade mit Benedict Cumberbatch «The Electrical Life of Louis Wain» gedreht hat, führt Regie und operiert gekonnt mit realitätsverzerrenden Mitteln wie Fischaugenobjektiv, Kulissen, die demontiert werden oder Regieansagen. Die Filmvernarrtheit des Paares ist natürlich eine Fundgrube für Reenactments, Überblendungen und imaginäre Fluchten.

Die Heimkehr stellten sie sich anders vor: Das Ehepaar Edwards ist wieder in London, und was sie da sehen, ist ...
Die Heimkehr stellten sie sich anders vor: Das Ehepaar Edwards ist wieder in London, und was sie da sehen, ist ...Bild: HBO/Sky

Das macht Spass, ist verblüffend und bezaubernd – und doch steht felsenfest, dass da zwei Menschen zwei andere getötet und viele weitere jahrelang betrogen haben. Bei aller Liebe – und man liebt die zugleich weiche, gutmütige, aber auch absolut störrische Olivia Colman als Susan und den nur noch gerade von einem halb durchgescheuerten Heftpflaster aus äusserster Verzweiflung zusammengehaltenen David Thewlis als Chris sehr – ist da auch enorm viel Abgrund.

Der fragile Chris beschreibt seine Susan immerzu als «zerbrechlich» und meint damit auch ihre geistige Zurechnungsfähigkeit. Misstrauen ist bei aller scheinbaren Leichtigkeit und Schrulligkeit des Plots ein wichtiger, subtil eingesetzter Baustoff von «Landscapers». Alle misstrauen einander, und jede Fiktion, sei sie ein Film, ein Brief oder eine Erzählung, ist am Ende nichts als eine schöne Lüge.

HBO und Sky haben «Landscapers» in einer Koproduktion realisiert und jetzt in Grossbritannien und Amerika ausgestrahlt. Wer sich nicht scheut, die Miniserie aus dem Netz zu «fischen», findet sie leicht. Wer lieber zuwartet, wird bei uns am 2. Januar auf Sky glücklich.

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