Leben
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Joker

Ein Troll, ein Tänzer, ein Töter: Joaquin Phoenix als Joker. Bild: warner bros.

Review

«Joker» – Willkommen im totalen Wahnsinn eines Wahnsinns-Films

SPOILER ALERT! Was machte Batmans Erzfeind so böse? Eins der grössten Geheimnisse der Comicgeschichte wird endlich gelüftet. Es ist schaurig und traurig. Und ergibt einen verrückt guten Film.



Eine Stadt versinkt im Müll. Riesenratten beissen Menschen zu Tode. Ein Mann (Joaquin Phoenix) versinkt in Depressionen. Was aber niemand weiss. Weil er unter einer neurologischen Störung leidet: Je nervöser, aufgewühlter, verletzter oder trauriger er ist, desto unkontrollierter muss er lachen. Seit Kindheit. Weshalb ihn seine Mutter (Frances Conroy) immer für ein glückliches Kind hielt. Selbst als er missbraucht wurde. Sie nennt ihn «Happy».

Sein richtiger Name: Arthur. Und Arthur findet seine Berufung als Joker. Dem Killer von Gotham City. Dem späteren Erzfeind von Batman. Dessen Geschichte wir bisher nicht kannten. Jetzt ist sie da. Und die ist lausig und grausig. Es ist die Geschichte eines Menschen, dessen Leben derart zerstört ist, dass er nur als Monster Erlösung finden kann.

Trailer zu «Joker»

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Video: YouTube/Warner Bros. Pictures

Arthur hat einen Job als Mietclown, lebt bei seiner kranken Mutter und möchte gern Stand-up-Comedian werden. Doch er hat keinerlei Gespür für Timing und Pointen. Sein lustigster Witz? «Ich hoffe, dass mein Tod mehr zählt als mein Leben.» Der Rest ist ein ultrapeinliches Stochern in Nebeln.

Seine ganze emotionale und intellektuelle Erziehung besteht aus TV-Shows. Ablenkungsmanövern vom Elend seiner Stadt und seines Lebens.

Er träumt sich in die Fernsehstudios hinein und wünscht sich den Talk-Show-Host Murray Franklin (Robert De Niro) zum Vater. Er ist ein Träumer und ein kindlicher Idiot. Seine Mutter stilisiert unterdessen den Investment-Mogul Thomas Wayne zum Messias von Gotham City. Arthur hasst Wayne.

Gelegentlich besucht er seine Sozialarbeiterin und bittet sie um neue Medikamente. Fragt: «Is it just me or is it getting crazier out there?» Zuerst versinkt ihr Büro unter Papierbergen. Dann ist es leer. Ihre Stelle wird gestrichen. Und Arthur wird entlassen, weil ihm bei einem Einsatz als Spitalclown eine Pistole aus dem Kostüm fällt. Gelegentlich wird er verprügelt. Zuerst liegt er wie ein weiterer Müllsack unter Müllsäcken. Dann beginnt seine Verwandlung.

Joker

Im Bus ist er gezwungen, den andern Kärtchen auszuhändigen, auf denen steht: «Entschuldigen Sie mein Lachen, ich habe eine Krankheit.» Bild: Warner Bros.

Wir wissen, was ihr Ergebnis ist: Einer, der sich von allem befreit hat. Von Gesetzen, von jeglicher Art, von allen realen und eingebildeten Elternfiguren, von seiner Vergangenheit. Der Joker, wie wir ihn etwa von Heath Ledger noch blendend in Erinnerung haben, ist sowas wie ein Urknall des Bösen, ein von jedem politischen Impetus befreiter Anarchist, ein zerstörungswütiger Spieler. Gotham City muss brennen und sonst nichts.

Dass Arthur in «Joker» zur Galionsfigur der Aufständischen in einer vom ruchlosen Kapitalismus ausgebluteten Stadt wird – nicht seine Absicht! Aber natürlich super für sein neues Ego.

Vieles an «Joker» ist verrückt: Die Intensität und Komplexität der Story, unglaublich, wie fein die Psychogenese des Jokers da gebaut wird. Dann natürlich Joaquin Phoenix, immer schon ein beeindruckender Schaupieler, aber tendenziell einer von jenen, die mit einem einzigen Gesichtsaudruck durch jeden Film kommen, bei ihm war es der dunkellaunige Brüter.

Joker

Er hasst Systeme, die bestimmen, was komisch oder tragisch, arm oder reich, richtig oder falsch ist. Bild: Warner Bros.

Jetzt ist Phoenix eine Explosion der Schauspielkunst, ungeheuer körperlich, aber auch enorm nuanciert, und – ja! – er, der Mann, der gefühlt noch nie gelacht hat im Film, tut es hier. Und wie! Dazu die umwerfende Frances Conroy, spätestens seit «Six Feet Under» die neurotischste und zugleich verletzlichste Mütter-Darstellerin, die man sich wünschen kann. Ein schwer therapiebedürftiges perverses Gespann, an dem man sich nicht satt sieht.

Verrückt ist auch, wie konsequent «Joker» eine Ausgeburt der Surrealität ist: Die verdrehte Welt des Clowns, die eskapistische Meta-Welt des Fernsehens, die imaginären Fluchten von Arthur selbst verwandeln diesen Film in ein unendliches Täuschungskabinett.

Alles oder nichts kann hier Realität sein. Oder Traum. Die Wendungen sind überraschend. Und bodenlos melancholisch.

Und das Verrückteste ist natürlich, dass dieses dichte, düstere Ding von Todd Phillips kommt, dem Mann, der drei Mal «Hangover» gemacht hat. Und der jetzt mit «Joker» an den Filmfestspielen von Venedig den Goldenen Löwen für den besten Film gewonnen hat. Aber vielleicht braucht es einen, der das Genre der Komödie richtig gut beherrscht, um die ganze Schwärze der Tragödie, die dahinter lauern kann, zu kennen.

Alle Vorstellungen von «Joker» am ZFF sind ausverkauft. Der Film läuft ab 10. Oktober im regulären Kinoprogramm.

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23Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • THEOne 27.09.2019 07:36
    Highlight Highlight die batmanfilme waren allesamt mist.
    einzig heath ledger (möge er in frieden ruhen) hat mich abartig geil überzeugt als joker.
    und fast gleichauf ist jareth leto in suicide squad... einfach der hammer. jetz mit phoenix habens die dc-filmemacher langsam raus.
    leider ecken die DC filme immer irgendwo an, es fehlt einfach immer was.
    • eselhudi 27.09.2019 10:27
      Highlight Highlight „batman begins“ und „the dark knight“ sind toll bis grandios. dagegen war „suicide squad“ grandios beschissen.
  • Dong 26.09.2019 17:37
    Highlight Highlight Ich fand den Joker in „Suicide Squad“ brillant. Einfach geil böse ohne Oscar-Allüren ;-)
    • Holy Mary 26.09.2019 21:24
      Highlight Highlight Dann gefällt dir das sicher auch

      Play Icon
  • Calvin Whatison 26.09.2019 16:41
    Highlight Highlight Einmal mehr elegant geschrieben. 👍🏻

    Ich mag Phoenix sehr und freue mich auf den Film. Wetten, dass er sich im kommenden Frühjahr (vielleicht) das Goldmännchen abholt.😊👍🏻
  • TanookiStormtrooper 26.09.2019 14:54
    Highlight Highlight Ich freue mich darauf... 🃏
  • mikemike 26.09.2019 14:48
    Highlight Highlight Spannend. Da loben manche den Film in den Himmel - und andere zerpflücken ihn als zu sehr «on The Nose» und mit übertriebener Dampfwalzen-«Schau her wie Meta wir sind»-Technik.

    Ein Film, wo man sich zwingend selber ein Bild machen muss :)

    Obwohl ich nach wie vor sage: Für mich entmystifiziert so eine «Entstehungs-Geschichte» den Charakter immens. Die Faszination von Ledgers Joker machte doch gerade dessen «absolute» Art aus.
  • Sloping 26.09.2019 14:29
    Highlight Highlight Das Kino ist wohl in seiner grössten Krise und es bedarf Filme wie diesen, um es zu retten. Keine CGI Schlachten sondern tiefgründig erzählte Charakterstudien und Geschichten gepaart mit hervorragender Schauspielkunst und Filmmusik. Eigentlich hatte Sergio Leone schon Ende der 60er Jahre den Dreh komplett raus, aber dem Kino der letzten Jahre mangelte es an so vielem. Klar gab und gibt es vereinzelt Perlen, das reicht wohl aber kaum, um das Kino langfristig zu retten. Und "Joker" scheint hier definitiv eine solche Perle zu sein, wofür sich der Gang ins Kino zu lohnen scheint.
    • Pascal Scherrer 26.09.2019 15:14
      Highlight Highlight Ich glaube, wenn es mehr solcher Filme wie Joker gäbe, wäre das Kino noch tiefer in der Krise.

      Leute wollen seicht unterhalten werden. Das Problem heutzutage ist nicht, dass es zu wenig gute Filme gibt, denn diese gibt es in den Arthouse-Kinos zuhauf. Trotzdem haben auch diese Kinos Existenzprobleme.

      Das Kino muss gegen eine Unmenge an Konkurrenz antreten. Ist z.B. Fussball-WM brechen die Besucherzahlen in Kinos ein.

      Filme wie Joker sind toll und ich wünschte, es gäbe mehr davon. Aber das breite Publikum will nun mal lieber Fast and the Furious und Co.
    • thomy81 26.09.2019 15:31
      Highlight Highlight Wow, für einmal bin ich doch fast gleicher Meinung wie Pascal Scherrer :-)

      Das Kino ist vor allem für Bild- und Soundgewaltige Filme gemacht und nicht für Filme die zwar grosse Schauspielkunst sind oder Top erzählt werden, aber halt eher weniger von einer grossen Leinwand und einem klasse Soundsetup profitieren. Das zieht die Leute ins Kino.

      Ich kenne zwar keine Seite mit Verkaufszahlen zu Blurays und co., aber ich behaupte jetzt mal das so ein Film, wie viele andere, in diesem Bereich oder im Streaming, wo es auch keine Zahlen gibt, mehr Erfolg hat als er im Kino haben wird oder gehabt hat.
    • Pascal Scherrer 26.09.2019 15:39
      Highlight Highlight @thomy81: Haha, welch Ehre.^^

      Den Kommentar druck ich mir aus und rahme in mir ein, für meinen Arbeitsplatz. ;)
    Weitere Antworten anzeigen
  • PlayaGua 26.09.2019 14:12
    Highlight Highlight Wieder mal ein Ruthe angebracht:
    Benutzer Bild

Wer sagt, im ÖV sei es langweilig, der lügt! 27 Bilder als Beweis

Das BAG hat die Home-Office-Empfehlung wieder aufgehoben. Die logische Schlussfolgerung: Die Anzahl Personen in den Zügen, Trams und Bussen wird wieder steigen. Das Gute daran: Im ÖV gibt es immer einiges zu sehen! Diese Woche noch ohne Maske...

(Wir haben im Nachhinein zwei Bilder entfernt, weil sie etwas unpassend waren. Exgüse.)

(smi)

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