Stich für Stich entspinnt sich eine Erzählung auf dem Bildschirm. Und nicht etwa Schwertstich für Schwertstich, wie es in einem dynastischen Epos wie «House of the Dragon» zu erwarten wäre, nein, Nadelstich für Nadelstich. Wir schauen im neuen Serienvorspann nämlich einem Wandteppich beim Werden zu.
Immer neue Fäden wachsen aus einem Stoff und spinnen eine Geschichte, zeigen Schiffe, Drachen, Kämpfende, Gekrönte und Enthauptete, zeigen Schlösser, Städte und Stätten, die in Flammen stehen. Aus jedem Stich fliesst Blut in den Teppich, der Stoff könnte auch eine Haut sein, und je reicher die Bilder werden, desto mehr But rötet sie. Ein feiner Blutfaden durchdringt den Hals eines Babys.
Man kennt diese Art des gestickten Comics (wenn auch ohne Blut) aus dem Mittelalter, der berühmteste ist der Teppich von Bayeux aus dem 11. Jahrhunderts, er zeigt die Eroberung Englands durch den Normannenkönig Wilhelm. Man sieht darauf Schiffe, Ritter, Fürsten und Krieg – aber natürlich keine Drachen. Die gibt es nur im neuen Vorspann von «House of the Dragon». Und auf einem achtteiligen Teppich, der dem Tapis de Bayeux nachempfunden ist, alle Geschichten aus «Game of Thrones» erzählt und in Belfast ausgestellt ist.
Das alte Intro hatte viel Kritik erhalten, es zeigte – an die Ästhetik von «Game of Thrones» angelehnt – eine recht billig gemachte Mischung aus Burg und Uhrwerk, die von unzähligen Blutströmen in Bewegung gehalten wird. Und ganz ehrlich: Wenn man sich jetzt die erste Staffel von «House of the Dragon» noch einmal anschaut, ist man auch etwas befremdet, wie nachlässig nicht nur das Intro, sondern auch die Drachenanimation damals gemacht war.
Jetzt scheint HBO noch einmal viel Geld in ein neues Grafikprogramm investiert zu haben, die schöne Sorgfalt hinter dem Vorspann entspricht jener, mit der das fantastische Gewürm designt wurde – was wichtig ist. Denn jetzt bricht der grosse Krieg aus, der sich in der ersten Staffel ankündigte, jetzt eskaliert ein royaler Familienzwist, und die Drachen sind dabei die wichtigsten und mächtigsten Kriegsmaschinen. Oder eine atomare Macht, wie ihr Erfinder George R.R. Martin sagt.
Die beiden Parteien, die sich entgegenstehen, entstammen dem gleichen Geschlecht: Targaryen gegen Targaryen. Drachenhaus gegen Drachenhaus. Aegon (Tom Glynn-Carney) gegen Rhaenyra (Emma D'Arcy) – zwei Halbgeschwister, die sich den Vater, den toten König Viserys, teilen. Rhaenyra ist der Thron von ihrem Vater versprochen worden, Aegon hat ihn über eine Intrige gewonnen. Jetzt sitzt er gekrönt in Kings Landing auf dem Thron aus tausend Schwertern. Rhaenyra dagegen wird im Exil auf Dragonstone ebenfalls als Königin anerkannt.
Wir erinnern uns: Viserys krepierte über Jahre (beziehungsweise zehn Folgen hinweg) qualvoll an einer nicht näher genannten Seuche, Syphilis vielleicht, sie zerfrass ihn, zersetzte den Körper des Königs, machte ihn ohnmächtig, während um ihn herum die Intrigen um seine Nachfolge an Macht gewannen. Seine Witwe Queen Alicent (Olivia Cooke) feiert jetzt ihre sexuelle Befreiung.
Überhaupt liegt der Fokus der Serie ganz auf der Körperlichkeit, der Mensch ist dem Menschen, der Natur und den Drachen auf eine radikale Art ausgeliefert, und neben Viserys trifft es die Frauen am schlimmsten. Viserys' erste Frau, die bereits in der ersten Folge der ersten Staffel an einem archaischen Kaiserschnitt stirbt. Rhaenyra, die sich in der letzten Folge der ersten Staffel mit eigenen Händen einen toten Fötus aus dem Leib reisst, weil der Schmerz sie sonst am Denken, Funktionieren und Regieren hindern würde.
Es waren zwei monströse Szenen, Schwangerschaft und Geburt als das gnadenlose Schlachtfeld, auf dem sich jede Frau ausgeliefert sieht. Das ist alles sehr realistisch, Fantasy sind einzig die Drachen, und selbst die sind sterblich. Nur der valyrische Stahl, aus dem die besten Schwerter geschmiedet sind, ist unverwüstlich.
Aegon ist mit seiner eigenen Schwester Helaena verheiratet. Rhaenyra mit ihrem eigenen Onkel Daemon (Matt Smith). Man kann diesen Royals, die sich für Auserwählte halten und deren wichtigstes Anliegen es ist, die Blutlinie rein zu halten, einfach nicht klar machen, dass Inzest vielleicht nicht die schlauste aller Familienplanungen ist. Logisch, dass dabei immer mehr debile Idioten und Idiotinnen mit dysfunktionaler Impulskontrolle entstehen.
Man kann gegen die Gen Z einwenden, was man will, aber einen so hochgradig zwanghaften Wahn, immerzu bedingungslos bestätigt zu werden wie bei den Targaryens, Velaryons und wie sie alle heissen, findet man bei ihr dann doch nicht. Und ein Blick in die royalen Kinderzimmer von Kings Landing und Dragonstone erinnert an «Village of the Damned».
Dramaturgie und Tempo sind wie in der ersten Staffel: Etwas gemächlicher als in «Game of Thrones» (auch, weil die Schauplätze weniger sind). Etwas mehr «deep talk» unter krisengeplagten Royals. Etwas mehr Psychologie – grandios, wie Daemon in späteren Folgen von wunderschön gefilmten, morbiden Alpträumen heimgesucht werden wird. Die Last eines erwachenden Gewissens in einem, der zu lange ein reiner, zynischer Bösewicht war, ist gigantisch.
Folge eins ist super, Folge zwei und drei sind etwas schleppend, doch in Folge vier geschieht so viel und Unerwartetes, dass man gar nicht weiss, wie es jetzt noch weitergehen soll (mehr durfte auf dieser Welt ausserhalb von HBO noch niemand sehen).
Die Aktualität, die HOTD in den vergangenen eineinhalb Jahren noch gewonnen hat, ist gespenstisch. Ein Krieg ist ein Krieg ist ein Krieg, ob in einer fantastischen Epoche vor unserer Zeit oder heute, ob in Westeros oder in der Ukraine. Die Probleme überschneiden sich auf anschauliche Art: Rohstoffe sind teurer, Lieferwege sind blockiert, es mangelt an Eisen für die Waffenproduktion und an Salz, um im Winter die Strassen freizuhalten. Und die Ziegen und Schafe, von denen die Bauern leben sollten, sind nur noch dazu da, die diversen Drachen zu mästen und kriegstauglich zu machen.
Und immer wenn es darum geht, ob ein Konflikt mit Tinte oder Blut gelöst werden kann, also mit Verhandlungen und Verträgen oder mit Toten, entscheiden sich die Mächtigen fürs Blut. Nie aus rationalen Gründen, sondern weil sie sich benachteiligt und hintergangen fühlen oder weil sie sich aus Trauer rächen wollen. Der Mensch ist des Menschen Fluch.
Es ist klar, was Rheanyra in Folge eins will, um den Verlust ihres Sohnes Luceiris (sein Drache und er wurden vom Drachen von Aegons einäugigem Bruder Aemond zum Schluss der letzten Staffel entzweigebissen) zu rächen: Einen toten Sohn der anderen Seite. Daemon wird dafür sorgen, dass ihr Wunsch in Erfüllung geht. Und dass diese Erfüllung ihm und ihr die grausigsten Nachwehen bereiten wird.
Die erste Folge der zweiten Staffel «House of the Dragon» gibt es in der Schweiz in der Nacht auf den 17. Juni ab 04.16 Uhr auf Sky Show zu sehen. Die weiteren Folgen erscheinen jeweils im Wochenabstand.
Ich glaube, dass der Thron die "Krankheit" war, die Viserys getötet hat. Er schnitt sich immer wieder am Thron, was die Eiterungen und Amputationen verursachte. Es gibt zudem immer wieder Andeutungen in der Serie, dass der Thron einen Eigensinn hat, gewissermassen ein Wesen ist. Das langsame Sterben durch den Thron und auf dem Thron kann natürlich auch als Metapher für die Zerstörungskraft von Macht gelesen werden, die sich auch auf die Mächtigsten auswirkt.