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Vergiss nicht, dich auch selbst gern zu haben. Bild: Shutterstock

Storytime

Bitte lasst uns lernen, dass es in Ordnung ist, nicht alles zu können

riley



Herzlich willkommen zu Storytime!

Weil ihr, die beste Community der Welt, in der Kommentarspalte leider sehr wenig Platz zur Verfügung habt, um ausschweifende Geschichten zu erzählen, haben wir hier ein neues Gefäss für euch: Storytime! Unter dieser Rubrik werdet ihr in Zukunft Artikel lesen, die von watson-Userinnen und Usern selbst verfasst und mit unserer Hilfe umgesetzt wurden.

Falls du jetzt denkst «Ha! Perfekt, ich habe viele spannende/lustige/aufmunternde Geschichten zu erzählen»: Weiter unten habt ihr die Möglichkeit, selbst etwas einzureichen.

Und jetzt: Viel Spass beim Lesen!

Vor über einem Jahr habe ich – aus dem Wunsch heraus, etwas weiterzugeben und das Thema psychische Gesundheit ein Stück zugänglicher zu machen – einen Mental Health Blog über WhatsApp gestartet. Zu der Zeit war ich bereits seit einigen Monaten in Therapie und hatte so viel gelernt, dass ich das unbedingt mit anderen teilen wollte. Ich entdeckte die Freude am Schreiben und mein Blog kam gut an. Ich wollte bald etwas Grösseres daraus machen und in einem Anfall von mir unerklärlichem Mut, den ich so nicht von mir kenne, hab ich mir gedacht, ich frag doch einfach mal watson. Und – heb di fescht – die sagten JA!

Und nun sitz ich hier an meinem ersten Text, den ich so richtig veröffentlichen darf. Obwohl niemand mit der Rute hinter mir steht, um mir auf die Finger zu hauen, sollte ich nicht der nächste Shakespeare werden, verspüre ich einen enormen Druck, das hier perfekt zu machen. Was mir natürlich nicht gelingen wird. Das soll es ja auch nicht. Da vermag, was mein Kopf weiss, nicht bis in mein Gefühl zu gelangen. So geht es mir bei vielen Dingen im Leben und wenn ich mir die Welt anschaue, wie sie gerade so ist, habe ich den Eindruck, dass es nicht nur mir so geht.

Vor einigen Monaten habe ich hier auf watson einen Artikel gelesen, in dem die Sehnsüchte der User nach einem Jahr Pandemie zusammengetragen wurden. Umarmungen, Freiheit, Gemeinsamkeit, Unbeschwertheit, Freunde … Um nur einige der Beispiele zu nennen.

Das zu lesen hat mich schwer betrübt. So sehe ich jeden Tag Leute draussen, im ÖV, beim Einkaufen – da wo die aktuelle Lage uns halt so hinlässt – die mir scheinen, als würden sie nichts, aber auch gar nichts, gemeinsam haben wollen. Diese Pandemie ist schwer, für jeden von uns. Für jeden von uns auf eine andere Art und Weise. Das zehrt an den Nerven, es belastet unsere Psyche, verringert die Stresstoleranz auf ein Minimum. Auch ich lächle nicht so fest, dass man es meinen Augen ansehen kann, wenn ich unterwegs bin. Würde ich das wollen, müsste mein Mund unter der Maske den ganzen Tag grinsen, bis mir die Gesichtsmuskulatur versteinert. Tatsache ist, dass die Meisten von uns nicht mehr genug Energie haben, um so zu tun, als würde uns die Sonne aus dem Arsch scheinen.

Wenn wir also davon ausgehen, dass wir in diesen Monaten mehr gemeinsam haben als zu «normalen» Zeiten, warum erwarten wir von uns selbst und den Menschen um uns herum, dass sie alles richtig machen?

Wir teilen dieselben Sehnsüchte, dieselben Ängste und Sorgen, dieselben Herausforderungen und Schmerzen. Und dann sitzen wir da, mit uns selbst, sagen uns, dass es im Moment halt schwer ist, und peinigen uns, wenn wir nicht wie «alle anderen» ein neues Lockdown-Hobby gezüchtet haben, kein Bananenbrot gebacken haben, nicht gelernt haben, wie man strickt und häkelt, und es auch nicht geschafft haben, im Home-Power-Yoga-Workout 20 Kilo abzunehmen.

Ich persönlich bin ein eher introvertierter Mensch. Ich war immer viel zu Hause und habe Dinge für mich alleine gemacht. Grosse Menschenansammlungen ermüden mich nach kurzer Zeit, und um weit zu reisen hat mein Geld bisher noch nicht gereicht. Als der erste Lockdown kam, war ich fast ein bisschen «erleichtert», weil mir auf Social Media nicht mehr die Welt unter die Nase reiben konnte, wie viel sie erlebt und abenteuert und tut und macht, während ich zu Hause netflixe. Ich dachte, my time has come! Und dann haben «alle» ihr neues stay at home life ausgepackt und füllten scheinbar jede Minute mit produktiver Selbstverwirklichung.

Ich weiss nicht, ob es nur mir so geht, aber mir macht das Druck. Das müsste es nicht, das weiss ich. Ich muss nicht voller Tatendrang sein, muss diese Zeit nicht produktiv nutzen. Ich muss kein neues Handwerks-Hobby finden oder Sport machen oder Brot backen. Ich müsste in keiner Weise perfekt sein und das Ideal aus dieser Situation herauspressen. Warum habe ich also das Gefühl, dass ich das müsste und fühle mich mies, wenn ich es nicht kann?

Vermutlich hat das verschiedenste Gründe. Das geht mir ja nicht erst seit Corona so. Wenn wir heute aber auf die letzten 18 Monate blicken, kann ich mir vorstellen, dass es unter anderem daran liegt, dass ich mehr von den Menschen um mich erwarte, als tatsächlich möglich sein kann. Ich erwarte, dass sie alles viel besser und richtiger zu tun wissen als ich. Und warum erwarte ich so etwas Blödsinniges? Weil ich es nicht besser weiss. Ich weiss nicht, wie es den Leuten geht. Ich weiss nicht, worum sie sich sorgen, wofür sie sich selbst genauso schlecht machen wie ich mich, ich kann ihnen nicht ins Gesicht sehen, sie nicht kennenlernen, nicht anlächeln.

Wir alle wandern gerade über diesen Planeten und trauen uns nicht zuzugeben wie schwer es ist, seinen Alltag umzustellen, auf Homeoffice und zurück zu wechseln, Kontakte einzuschränken, keinen Antrieb für Hobbys zu haben, den Kindern zu erklären, was gerade abgeht, jeden Tag eine Maske zu tragen, auf keine Konzerte zu gehen, seinen Geburtstag nicht so feiern zu können, wie man vielleicht würde. Vielleicht sind wir furchtbar traurig, haben Angst, sind es leid, das Gefühl zu haben, alles richtig machen zu müssen. Aber wir fühlen uns, als wären wir die Einzigen, denen es so geht.

Bitte lasst uns lernen, dass es in Ordnung ist, nicht alles zu wissen, alles zu können und dass Schwäche zeigen von Stärke zeugt.

Denn nur wenn mehrere Leute sich trauen, das zu tun, werden wir sehen, dass wir nicht alleine sind.

Dies ist der Grund, warum ich schreiben will. Nicht nur das vergangene Jahr hat Dinge gebracht, die schwer zu überwinden sind. Das Leben tut das jeden Tag und ich habe die Hoffnung, dass es sich für einige Menschen leichter leben lässt, wenn das Thema psychische Gesundheit und das ganze Drumherum Stück für Stück enttabuisiert wird, indem wir darüber reden und schreiben und lesen. Und wenn es nur einer einzigen Person von vielen hilft, hat es sich doch bereits gelohnt.

Wenn du dich zurzeit alleine fühlst, könnte ich dir jetzt den Tipp geben, dich an jemand Nahestehenden zu wenden. Wäre das aber so einfach, würdest du dich vermutlich nicht alleine fühlen. In diesen Momenten ist es wichtig, für sich selbst da zu sein. Vieles, das uns durch andere fehlt, können wir uns auch selbst geben. Das nennt sich Selbstfürsorge.

Dafür hab ich hier eine kleine Übung, die du ausprobieren kannst.

Mir hilft sie zum Beispiel abends im Bett, wenn im Kopf noch das Chaos vom Tag herrscht und ich meine Gedanken nicht beruhigen kann. Die Übung nennt sich «Schmetterlings-Klopfen». Lege dazu deine rechte Handfläche auf deine linke Brust und die linke auf die rechte. Die Daumen in der Mitte über dem Brustbein aneinander, so dass von vorne deine Hände wie ein Schmetterling aussehen. Klopfe nun mit den Handflächen langsam abwechselnd auf deine Brust und atme dabei möglichst ruhig ein und aus. Tu das so lange, bis du dir nicht mehr seltsam vorkommst und bis sich eine beruhigende Wirkung einstellt. Durch die überkreuzte Bewegung der Hände auf dem Körper arbeiten linke und rechte Hirnhälfte zusammen. Dies führt erst zu einer Ablenkung, da es Konzentration fordert, und hilft, sich wieder mehr aus dem Kopf in den Moment zurückzuholen. Zudem hat die körperliche Berührung für den Menschen einen beruhigenden Effekt. Auch, wenn sie von uns selbst kommt. Denk daran, dass solche Übungen ähnlich sind wie Sport; je mehr Training und Wiederholung, desto besser das Ergebnis. Brauchst du trotzdem dringend jemanden zum Reden, sei nicht gehemmt, dich an professionelles Fachpersonal zu wenden.

Lass dir helfen!
Du glaubst, du kannst eine persönliche Krise nicht selbst bewältigen? Das musst du auch nicht. Lass dir helfen.
In der Schweiz gibt es zahlreiche Stellen, die rund um die Uhr für Menschen in suizidalen Krisen da sind – vertraulich und kostenlos.
Die Dargebotene Hand: Tel 143, www.143.ch
Beratung + Hilfe 147 für Jugendliche: Tel 147, www.147.ch
Reden kann retten: www.reden-kann-retten.ch

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Video: watson/lea bloch

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