Nur Stimme und Kontrabass, und trotzdem fehlte nichts
Sofia Rei und Jorge Roeder brauchen nicht mehr als Stimme und Kontrabass. Ein Dialog beginnt. Der Abend beginnt leise. Jorge Roeder setzt mit den ersten tiefen Tönen von «Callejón» ein. Sein Kontrabass klingt warm, voll und körperlich spürbar. Dann tritt Sofia Rei hinzu. Ihre Stimme ist sanft, aber gleichzeitig voller Energie. Sie singt nicht einfach, sie erzählt. Sie klatscht, schnipst, bewegt sich zur Musik und spielt mit Lautstärke und Tonhöhe. Ihre Stimme kann zerbrechlich wirken und im nächsten Moment kraftvoll und klar den Raum durchdringen. Schon früh wird es deutlich: Das hier ist kein klassisches Zusammenspiel von Begleitung und Gesang. Es ist ein Gespräch. Nach dem ersten Stück sehen sich die beiden an und geben sich die Hand, eine kleine Geste, die zeigt, wie eng ihre musikalische Verbindung ist. Diese Verbindung reicht weit zurück. Rei erzählt, dass sie Roeder vor über 24 Jahren in Boston kennengelernt hat. Seitdem blieb ihre Verbindung weiterhin stark.
Musik, die Geschichten erzählt
Viele der Stücke handeln von Menschen und ihren Schicksalen. In «Oración» erzählt Rei von Fischern im Norden Argentiniens, die jeden Tag hinausfahren, ohne zu wissen, ob sie zurückkehren werden. Der Kontrabass bleibt immer wieder allein zurück, nachdem die Stimme verstummt. Die Stille wird Teil der Musik. Als Sofia wieder einsetzt, wächst ihre Stimme langsam an, bis sie den Raum erfüllt. Auch in «Rosa», einem Lied über die Schönheit einer Frau, verschmelzen Stimme und Bass miteinander. Roeder antwortet auf ihre Gesangslinien, ergänzt sie, führt sie weiter. Teilweise beginnt er sogar leise mitzusingen. Es ist, als würden zwei Stimmen gleichzeitig erzählen.
Dunkelheit, Schmerz und Hoffnung
Nicht alle Stücke sind leicht. «Silencio de un minuto», ein über hundert Jahre altes Lied über eine Beerdigung, gehört zu den stillsten Momenten des Abends. Roeders Kontrabass klingt schwer, fast einsam. Niemand im Publikum bewegt sich. Niemand spricht. Noch intensiver wird es in «El Suicida». Hier nutzt Roeder den Bogen statt seine Finger und erzeugt raue, ungewohnte Klänge. Sein Spiel wirkt so bedrohlich, dramatisch. Rei singt mit einer Intensität, die unter die Haut geht. Nach mehreren traurigen Liedern blickt sie ins Publikum und sagt: «There is hope at the end of the tunnel.» Ein einfacher Satz, der den ganzen Abend zusammenfasst.
Sofia Rei & Jorge Roeder - "The House Next Door" @ musig im pflegidach, Muri
Freiheit und musikalische Vielfalt
Doch das Konzert bleibt nicht in der Dunkelheit. Mit «La Oncena», einem argentinischen Volkslied, zeigen die beiden ihre spielerische Seite. Stimme und Kontrabass imitieren sich gegenseitig, reagieren spontan aufeinander. Immer wieder wechseln sich Spannung und Leichtigkeit ab. Die beiden bewegen sich musikalisch durch verschiedene Länder Lateinamerikas. Sie singen auf Spanisch, Portugiesisch und Englisch und interpretieren sowohl eigene Stücke als auch Werke anderer Künstler. In einer brasilianischen Samba entsteht plötzlich eine leichtere Stimmung. Rei begleitet sich zusätzlich mit einem kleinen Perkussionsinstrument, während Roeder einen stabilen Rhythmus vorgibt. Für einen Moment wirkt alles schwerelos.
Ein Höhepunkt am Ende
Mit «Ask Me Now», dem einzigen englischsprachigen Lied des Abends, erreicht das Konzert einen emotionalen Höhepunkt. Roeder spielt ein langes Solo, das den Raum vollständig einnimmt. Sein Spiel wirkt gleichzeitig kontrolliert und frei. Man spürt, wie sehr diese Musik von Emotionen lebt. Nach dem offiziellen Ende kehren die beiden für eine Zugabe zurück. Rei nimmt ein kleines Saiteninstrument zur Hand, während Roeder den Kontrabass zunächst leise erklingen lässt. Das letzte Lied wirkt wie ein Abschied, aber auch wie ein Neuanfang. Warm, ruhig und hoffnungsvoll.
Mehr als nur ein Konzert
Während des Abends wird klar, dass dieses Konzert mehr ist als eine musikalische Darbietung. Es ist ein Austausch. Die beiden Musiker hören einander zu. Reagieren aufeinander und vertrauen einander. Diese Nähe überträgt sich auch auf das Publikum. Als die letzten Töne verklingen, dauert es einen Moment, bis der Applaus einsetzt. Nicht, weil das Publikum zögert, sondern weil niemand diesen Moment zu früh beenden möchte. Als die Besucher die Turnhalle verlassen, ist sie wieder das, was sie vorher war. Und doch hat sich etwas verändert.
