Panorama
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Freitod eines Trans-Menschen

Warum gut gemeintes Beileid auf Social Media böse Folgen haben kann

Wem das Leben von Trans-Menschen wirklich am Herzen liegt, sollte sich in den sozialen Medien mit Mitleidsbekundungen bei Suiziden zurückhalten. Ein Gastbeitrag von Dragqueen Shiaz Legz.



shiaz legz

Der Suizid der 17-jährigen Leelah Alcorn aus Ohio löst zurzeit nicht nur in den USA, sondern auch in der Schweizer «Lesbian, Gay, Bisexual und Transgender»-Szene eine Debatte aus. Experten warnen davor, die schreckliche Nachricht auf Facebook und Co. zu teilen und mahnen zu mehr Verantwortungsbewusstsein in den sozialen Medien.

Bild

Leelah Alcorn wurde als Joshua Ryan Alcorn am 15. November 1997 geboren. Sie beging am 28. Dezember 2014 Suizid.

«R.I.P. Leelah», «Sie war so tapfer», «#TransLivesMatter» und «Gerechtigkeit für Leelah Alcorn» sind nur einige öffentliche Mitleidsbekundungen nach dem Suizid des 17-jährigen Transgendermädchens aus Ohio, die über meinen Facebook-Feed liefen.

Shiaz Legz

Shiaz Legz ist eine Schweizer Dragqueen, die mit ihrer Conchita-Wurst-Parodie «Rise Like a Penis» einem breiterem Publikum bekannt wurde. Der 26-jährige Julian Fricker hinter der Kunstfigur arbeitet in Zürich und Berlin als Journalist und hat sich auf LGBT-Themen spezialisiert.

Auch meine erste Reaktion war es, die tragische Nachricht aus den USA auf Facebook zu teilen. Dass diese Reaktion zwar natürlich, aber völlig kontraproduktiv ist, wurde mir erst später bewusst. Genau diese Posts könnten andere Leben von Trans-Menschen kosten. 

Ein medienwirksamer Selbsttod wird zum Problem

Leelahs Abschiedsworte auf ihrem Blog vor pinkem Hintergrund gingen in Windeseile um die Welt. Die junge Amerikanerin wusste genau, welche Debatte sie mit ihrem radikalen Entschluss entfachen würde. Deswegen hat sich das verzweifelte Transmädchen auch entschlossen, ihre 964 letzten Worte öffentlich mit der Welt zu teilen.

Der Suizid des jungen Transmädchens löste auch in der Schweizer LGBT-Community in den letzten Wochen eine hitzige Transgender-Debatte aus. Viele fragten mich, warum ich mich als ein Teil der öffentlichen Schweizer LGBT-Community, als Drag Queen und dazu auch noch als Medienschaffender noch nicht prominenter zu Leelah geäussert hätte. 

Totzuschweigen ist der tragische Suizid sicherlich nicht. Doch welches Zeichen geben wir mit der erhöhten Aufmerksamkeit anderen Jugendlichen, die ebenfalls von Eltern abgelehnt werden oder von Mitschülern gemobbt werden? Wir sagen ihnen: Mit einem Suizid wirst du endlich die Wertschätzung erhalten, die du verdient hast.

Die Fülle an unreflektierten Mitleidsbekundungen in den sozialen Medien liessen auch die Alarmglocken des Schweizer Transgenderverbandes läuten. Ist doch einfach nur mitfühlend, könnte man sich denken – doch nett gemeint ist hier gar kontraproduktiv: «Die Suizidrate junger Transsexueller ist höher als bei heterosexuellen Jugendlichen der gleichen Altersgruppe», sagt Florian Vock von Milchbüechli, der Schweizer Zeitschrift für falschsexuelle Jugendliche auf Anfrage.

Die Gefahr von Nachahmern einer glorifizierten Heldin der Trans-Community sei gross, man spricht in der Medienwirkungsforschung auch vom Werther-Effekt – nämlich der kausale Zusammenhang zwischen den in den Medien veröffentlichten Suiziden und einer Erhöhung der Selbstmordrate. Der Begriff geht auf eine Suizidwelle nach der Veröffentlichung des Goethe-Romans «Die Leiden des jungen Werthers» im Jahr 1774 zurück.

Bild

Was Goethe und Facebook gemeinsam haben: Das Medium war Papier, die Leidensgeschichte die des jungen Werthers, doch der Effekt kann auch nach über 200 Jahren bei der Tragödie von Leelah Alcorn derselbe sein. (Bild: «Werther und Lotte mit ihren Geschwistern» von Johann Daniel Donat) bild: gemeinfrei, via wikicommons

LGBT-Vereine wegen Nachahmungsuiziden besorgt

Das Transgender Network Switzerland spricht in ihrem Facebook-Statement angesichts der öffentlichen Ausschlachtung des Falles von «höchst problematischen Auswüchsen» und mahnt zu verantwortungsvollerem Umgang. Ähnlich besorgt äusserte sich der Geschäftsleiter Bastian Baumann vom Schweizer Dachverband der Schwulen, PinkCross. Eine emotionale Berichterstattung führt zu einer Erhöhung der Suizidrate, das ist wissenschaftlich klar belegt.

Leelahs Suizid wird als Heldentat und implizit als Aufopferung für die LGBT-Szene dargestellt und ruft damit nur noch mehr Trittbrettfahrer auf den Plan. In Zeiten, wo man mit einem Klick einen Artikel auf Facebook teilt und sich zu jedem Fall äussern kann, ist dies verheerend. Deswegen haben sich die Parteien in der Schweizer LGBT-Szene zusammengesetzt und ein Merkblatt für einen verantwortungsvolleren Umgang in den sozialen Medien veröffentlicht.

Die Verantwortung jedes Einzelnen in Zeiten von Facebook & Co.

«Unsere Botschaft ist eine andere: ‹Gemeinsam sind wir stark genug, um uns eine Stütze zu sein›», sagt Florian Vock vom «Milchbüechli». Womit wir wieder bei Leelah Alcorns Tragödie wären. Egal wie aussichtslos die Situation ausgesehen haben muss, auch ich bin der festen Überzeugung, dass es einen anderen Ausweg als den Freitod gegeben hätte. 

Damit möchte ich die Schwierigkeiten eines Menschen, der sich nicht ganz der Norm zugehörig fühlt, nicht mindern. Besonders Jugendliche, die gegen den Strom schwimmen, die Nerds sind oder eine andere sexuelle Orientierung haben, sind gefährdet. Auch ich war so einer, litt in meiner Schulzeit unter Mobbing und hatte in meinen jungen Jahren mit Depressionen zu kämpfen.

julian

Julian Fricker litt einst selbst unter Mobbing. Heute will er als Shiaz Legz verhindern, dass sich seine Geschichte wiederholt.  Bild:  Cornelia Symbioses

Damals gab es noch kein Facebook und ich weiss auch nicht, wie ich damals auf Leelah Alcorn reagiert hätte. Einen Tod in eine Heldenstory zu verpacken, kann aber nie gut sein. Wer also das nächste Mal eine ähnlich tragische Nachricht liest, sollte sich bewusst sein, dass er heutzutage nicht nur Empfänger, sondern durch Social Media auch Sender ist. Und als dieser hat jeder einzelne von uns Verantwortung zu tragen.

Hier findest du kompetente Hilfe

Für Beratungen wenden sich Transmenschen beispielsweise an die Fachstelle im Checkpoint Zürich. Kompetent sind auch die Berater der Rainbowline für Schwule, Lesben und Transgender, welche ihre Klienten am Telefon, per Mail oder natürlich auch persönlich beraten.

Rainbowline: 0848 80 50 80, Montag bis Freitag, 19 bis 21 Uhr

In Notfällen helfen auch die 24-Stunden-Nummern 147 (für Jugendliche) und 143 (für Erwachsene).

DANKE FÜR DIE ♥

Da du bis hierhin gescrollt hast, gehen wir davon aus, dass dir unser journalistisches Angebot gefällt. Wie du vielleicht weisst, haben wir uns kürzlich entschieden, bei watson keine Login-Pflicht einzuführen. Auch Bezahlschranken wird es bei uns keine geben. Wir möchten möglichst keine Hürden für den Zugang zu watson schaffen, weil wir glauben, es sollten sich in einer Demokratie alle jederzeit und einfach mit Informationen versorgen können. Falls du uns dennoch mit einem kleinen Betrag unterstützen willst, dann tu das doch hier.

Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen?

(Du wirst zu stripe.com umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)

Oder unterstütze uns mit deinem Wunschbetrag per Banküberweisung.

Nicht mehr anzeigen

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

2
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
2Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • paper 14.02.2015 16:53
    Highlight Highlight Wieder ein sehr spannender Artikel, danke!
    Ein Detail: Bitte vermeidet die Wörter Selbstmord und Freitod.
    Mord ist eine Strafbare Handlung, dies trifft auf den Suizid nicht zu. "Selbstmord" ist deshalb falsch.
    Das Wort "Freitod" ist noch deutlich schlimmer, denn die allerwenigsten Suizide werden FREIwillig begangen. Meist sind es äussere Umstände, die einen Menschen zum Suizid bewegen, dies ist alles andere als freiwillig.
    Zudem macht ein Suizid auch keineswegs "frei", denn es werden keine Probleme gelöst und die meisten betroffenen bereuen ihren Schritt im letzten Moment.
    • Fätze 15.02.2015 15:05
      Highlight Highlight "...die meisten betroffenen bereuen ihren Schritt im letzten Moment?" - Woher weisst du das?

Wie gut kennst du Jesus? Bei weniger als 7 Punkten musst du 30 x Ave Maria beten!

Jesus gibt uns immer wieder einen Anlass, nicht auf die Arbeit zu gehen. Aber wie hat dieser Dude das geschafft?

Danke, Jesus! Auch dieses Wochenende haben wir dem Gottessohn wiedermal zwei extra freie Tage und mindestens einen grenzwertig dekadenten Brunch bei Tante Theresa zu verdanken.

Aber haben wir das wirklich verdient? Zeig in diesem Quiz, dass du deine Feiertagsberechtigung deinen Messias und seine Geschichte demütigst gelernt hast. Sonst gibt's Busse statt Prosecco. 

Artikel lesen
Link zum Artikel