Schweiz

Plagiatsvorwürfe: Gewerbeverband widerruft Wahl von Henrique Schneider

Gewerbeverband widerruft wegen Plagiatsvorwürfen Wahl von Henrique Schneider

09.06.2023, 17:1609.06.2023, 17:55

Der mit Plagiatsvorwürfen konfrontierte Henrique Schneider wird nicht Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbands (SGV). Der Vorstand hat am Freitag aufgrund eines Rechtsgutachtens seine Wahl widerrufen. Das Gutachten erwähnt «serienmässiges Plagiieren».

Der Chef
Henrique Schneider (mitte) wird doch nicht neuer Direktor des SGV. Bild: sda

Das höchste Gut für den SGV sei das Vertrauen, teilte der Verband mit. Der Vorstand habe sich «nach eingehender Diskussion» zum Widerruf der Wahl entschieden, liess sich Präsident und Nationalrat Fabio Regazzi (Mitte/TI) in der Mitteilung zitieren. SGV-Vizepräsident bleibt Schneider indessen bis auf weiteres.

Das vom Verband in Auftrag gegebene Rechtsgutachten hat demnach die in den Medien erhobenen Plagiatsvorwürfe gegen den neuen Direktor Schneider bestätigt. Die Vorwürfe basierten auf Angaben des österreichischen Plagiatsforschers Stefan Weber.

Die «NZZ am Sonntag» hatte im März von einem begründeten Verdacht auf schwerwiegendes wissenschaftliches Fehlverhalten berichtet und davon, dass Schneider seinen Lebenslauf geschönt haben soll. Schneider wies alle Vorwürfe zurück und machte geltend, er führe keine akademischen Titel.

Fehlverhalten und Treuepflichtverletzung

Im Rechtsgutachten heisst nach Prüfung der inkriminierten 65 Textstellen, dass Schneider zwar ein unter Umständen wenig gravierender, «aber dennoch bezüglich jeder einzelnen Textstelle der Vorwurf des Plagiats gemacht werden muss».

Zum bei der Bewerbung als SGV-Direktor eingereichten Lebenslauf hält das Gutachten fest, dass sich keine eigentlichen Falschangaben eruieren liessen. Auch von einer Schönung könne nicht die Rede sein, da Henrique Schneider etwa sein Doktorat nicht einmal aufgeführt habe.

In der arbeitsrechtlichen Beurteilung stuft die mit dem Gutachten beauftragte Kanzlei «das serienmässige Plagiieren» als klares Fehlverhalten und eine Treuepflichtverletzung ein. Diese sei aber nicht so schwerwiegend, weil es sich beim Gewerbeverband nicht um einen wissenschaftlichen Betrieb handle.

Wieder auf Direktorensuche

SGV-Präsident Regazzi teilte mit, auf der einen Seite stehe der grosse, überzeugende Leistungsausweis von Schneider. Dieser habe sich im Verband «sehr verdient gemacht». Auf der anderen Seite gehe es um die Glaubwürdigkeit und den Ruf der Organisation. Der Entscheid sei bedauerlich aber notwendig.

Die Gewerbekammer - das Parlament des SGV - hatte Schneider am 8. Februar zum neuen Direktor gewählt. Er hätte am 1. Juli den altershalber abtretenden alt Nationalrat Hans-Ulrich Bigler ersetzen sollen.

Der Vorstand will nun dessen Nachfolge erneut an die Hand nehmen. Da es in den Statuten keine Regelung für den Widerruf einer Wahl gibt und wegen des Zeitdrucks entschied der Vorstand allein und informierte die Gewerbekammer. (sda)

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