Schweiz
AHV

Pensionskasse braucht laut Befürwortern die 13. AHV-Rente zum Ausgleich

Rentner ziehen Milliarden ab: Das grosse Problem der Pensionskassenrente

Die Befürworter betonen, die 13. AHV-Rente sei nötig, um die sinkenden Pensionskassenrenten aufzufangen. Jetzt zeigt sich: Die Versicherten schwächen die Renten auch selbst – weil sie viel Kapital abziehen.
22.02.2024, 17:52
Othmar von Matt / ch media
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Der Schweizerische Versicherungsverband will die 13. AHV-Rente in letzter Minute kippen. Deshalb lanciert er zwei Wochen vor der Abstimmung vom 3. März eine Last-Minute-Kampagne.

Der Verband Angestellte Schweiz will das Rentenalter flexibilisieren. (Symbolbild)
Die Neupensionierten ziehen exorbitante Beträge ab aus der Pensionskasse.Bild: KEYSTONE

Das gab Präsident Stefan Mäder im «Blick» bekannt. «Zum Glück», sagte er, sei 1985 das Obligatorium der beruflichen Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenvorsorge eingeführt worden. Die Pensionskassenrente ergänzt die AHV, sie ist für die meisten Erwerbstätigen obligatorisch. Mäders Tenor: Dank der beruflichen Vorsorge braucht es keine 13. AHV-Rente.

Die Linke argumentiert genau spiegelverkehrt. «Das Niveau der neuen BVG-Renten ist in den letzten 13 Jahren um 20 Prozent gesunken», sagt SP-Nationalrat Roger Nordmann. Wer 2010 mit einem Pensionskassenguthaben von 300'000 Franken in Rente gegangen sei, habe im Schnitt eine Jahresrente von 20'220 Franken erhalten. 2023 würde der Rentner oder die Rentnerin dafür nur noch 16'110 Franken erhalten – also 4110 Franken weniger.

Liegt das Pensionskassen-Guthaben bei 500'000 Franken, sind es 6500 Franken weniger Rente pro Jahr. Geht man von einer durchschnittlichen Lebenserwartung eines 65-Jährigen von 20 Jahren aus, beträgt die totale Einbusse von 2010 bis 2022 130'000 Franken, wie das Vermögenszentrum schreibt.

Nordmanns Fazit ist klar: «Wir müssen diese Schwächung der zweiten Säule mit einer Stärkung der AHV ausgleichen. Deshalb braucht es eine 13. AHV-Rente.» Für seine Berechnungen hat er die Pensionskassenstudien von Swisscanto herangezogen, die jährlich über 500 Pensionskassen nach ihrer Entwicklung befragt.

Nordmann will die Verwaltungskosten zurückfahren

«Der entscheidende Parameter ist der Umwandlungssatz von Kapital in Rente», sagt Nordmann. «Laut den Daten von Swisscanto ist der durchschnittliche effektive Umwandlungssatz für 65-jährige Männer zwischen 2010 und 2023 von 6,74 auf 5,37 Prozent gesunken.»

Der gesetzliche Umwandlungssatz von 6,8 Prozent gilt nur für den obligatorischen Teil des Altersguthabens. Die meisten Versicherten haben aber auch ein überobligatorisches Altersguthaben. Den Umwandlungssatz dafür können die Kassen selbst festlegen. Er ist oft deutlich niedriger und liegt bei einer Reihe von Pensionskassen zwischen 5 und 5,5 Prozent, schreibt das Vermögenszentrum.

«Die schlechte Leistung der zweiten Säule ist auf die überhöhten Verwaltungskosten und die schlechten Anlagerenditen zurückzuführen», sagt SP-Nationalrat Nordmann. «Die Steigerung der Lebenserwartung hätte niemals einen derartigen Leistungsrückgang gerechtfertigt.» Der Bund schreibt die Einbussen allerdings der höheren Lebenserwartung und dem schlechten Zinsumfeld zu.

Für Nordmann ist klar: Wird die 13. AHV-Rente angenommen, brauche es eine «grundlegende Reform» der zweiten Säule. Vor allem müssten ihre Verwaltungskosten angegangen werden. «Sie belaufen sich auf 6,8 Milliarden Franken pro Jahr, wovon 5,1 Milliarden alleine auf die Vermögensverwaltung entfallen.»

Der «exorbitant hohe Abzug» von Pensionskassengeldern

Der sinkende Umwandlungssatz ist ein Grund für sinkende Renten. Es gibt aber auch einen zweiten Grund: Immer mehr neu Pensionierte ziehen einen Teil ihres Kapitals oder das ganze Kapital aus dem Pensionskassen-System ab, wie «Handelszeitung» und «Blick» aufzeigten.

Lukas Müller-Brunner, Direktor des Pensionskassenverbands Asip, bestätigt das. Er spricht von einem «exorbitant hohen Betrag». So seien 2022 11,5 Milliarden Franken abgezogen worden. «Klar ist: Wenn man Kapital bezieht und damit auf eine volle Rente verzichtet, steht weniger Geld für die Rente zur Verfügung.» In der Statistik schlage sich dies in tieferen Rentenauszahlungen nieder.

Müller-Brunner geht sogar einen Schritt weiter. Wenn es keine Kapitalbezüge gäbe, wären die Renten um das Doppelte gestiegen, sagt er: «Schaut man sich den Durchschnitt der Neurenten zwischen 2015 und 2022 an, sind diese um rund 7 Prozent gesunken. Rechnet man den Effekt aus den höheren Kapitalbezügen mit ein, wären die Renten hingegen um fast 8 Prozent gestiegen.»

Müller-Brunner kritisiert Nordmanns Rechnung der gesunkenen Renten. «Einfach Umwandlungssätze über die Zeit zu vergleichen und daraus Rentenkürzungen abzuleiten, ist nicht seriös», sagt er. «In der Realität sorgen die meisten Pensionskassen dafür, dass die Menschen das Leistungsniveau halten können.» Das geschehe auf zwei Ebenen: «Entweder schiessen sie selber Geld für Übergangsmassnahmen ein oder sie stärken langfristig den Sparprozess, damit bei der Pensionierung mehr Geld zur Verfügung steht.»

Die Finanzindustrie steuert Versicherte zum Kapitalbezug

Bei der Publica, der Pensionskasse des Bundes, sind es inzwischen 50 Prozent der Versicherten, die bei ihrer Pensionierung Kapital beziehen. Das bestätigt Direktorin Doris Bianchi. «Wir beobachten einen klaren Trend hin zum Kapitalbezug in einer Mischform», sagt Bianchi. Ein Teil der PK-Gelder wird als Kapital bezogen, ein Teil als Rente. Dabei gelte eine Faustregel, sagt Bianchi: «Je tiefer das Altersguthaben einer Person bei der PK ist, desto eher bezieht sie Kapital.»

Der Trend zum Kapitalbezug habe begonnen, als die Pensionskassen das Leistungsprimat (garantierte Rente) durch das Beitragsprimat (Rente gemäss Einzahlung) ersetzten. Und er habe sich mit den Senkungen des Umwandlungssatzes verstärkt. Bianchi beobachtet, dass die Finanzindustrie die Menschen «eindeutig in Richtung Kapitalbezug» steuert.

Bianchi bestätigt: Die Pensionskassen hätten in der Regel die Sparbeiträge erhöht, um die sinkenden Umwandlungssätze zu kompensieren. Damit wird klar, dass es eben letztlich die Versicherten sind, welche die Lücken stopfen, die sinkende Umwandlungssätze verursachen. Die zweite Säule hat kein Umverteilungsmodell wie die AHV.

Der 13. AHV-Rente steht Doris Bianchi als Publica-Direktorin neutral gegenüber. Ein Fazit zieht sie dennoch: «Die Abstimmung zeigt: Die Einkommenssituation der älteren Generation ist nicht sehr transparent.»

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364 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Pro Peller
22.02.2024 18:25registriert Juni 2022
Man hat manchmal den Eindruck, als ob wir Büezer die Rente vom Staat erhalten, quasi als Bittsteller. Nein! Die Rente wird durch uns finanziert! Der Staat sollte die Aufgabe wahrnehmen, Verwaltungskosten so tief wie möglich zu halten, statt hunderte Kassen durchzufüttern!!!
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Ein Schelm
22.02.2024 18:13registriert Mai 2020
Habe ich das richtig verstanden? Fast 5/6 der Ausgaben welche die Vorsorgekassen haben sind Verwaltungskosten und nicht ausbezahlte Renten? Und die wollen uns ernsthaft weis machen dass die bezogenen Renten das Problem ist?
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Garp
22.02.2024 18:06registriert August 2018
Echt krass wie die Reichen mobil machen gegen die 13. AHV Rente.
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