«Demokratiefeind» Curtis Yarvin ist eine pseudointellektuelle Hohlbirne
Der Name Curtis Yarvin sorgt bei vielen für Schnappatmung. Der rechtsradikale US-Blogger und Software-Entwickler gilt als Ideengeber für Oligarchen aus dem Silicon Valley. Er provoziert gerne mit extremen Thesen, etwa wenn er den norwegischen Rechtsterroristen Andres Breivik verharmlost und die Demokratie durch eine «Tech-Monarchie» ersetzen will.
Sein Auftritt am Mittwoch am St.Gallen Symposium, das alljährlich von Studierenden der HSG organisiert wird, wurde im Vorfeld von Protesten und Empörung begleitet. SP-Co-Chef Cédric Wermuth war schockiert und fand, Curtis Yarvins Auftritt schade dem Ansehen der gesamten Schweizer Bildungslandschaft. Auch an der Universität selbst regte sich Widerstand.
«Ich hätte Yarvin nicht eingeladen», sagte die Amerikanistin und HSG-Dozentin Claudia Brühwiler dem «Tagesanzeiger». Sie halte seine Ansichten für inakzeptabel und teilweise für abscheulich. Dennoch erklärte sich Brühwiler bereit, einen Auftritt des «Demokratiefeinds» zu moderieren, der kein Problem damit hat, wenn man ihn als Neofaschisten bezeichnet.
Ausschweifende Exkurse
Sein Erscheinen in der Ostschweiz wurde mit Spannung erwartet. Am Ende aber hinterliess Curtis Yarvin lange und ratlose Gesichter, und das nicht nur, weil er gemessen an seinen teilweise haarsträubenden Positionen geradezu zahm auftrat. In seinen beiden rund einstündigen Auftritten hörte man von ihm etwa eineinhalb bemerkenswerte Aussagen.
Und das ist nicht einmal übertrieben. Der 52-Jährige verlor sich in ausschweifenden Exkursen, gespickt mit Namedropping und mehr oder eher weniger sinnvollen historischen Analogien. Im Eröffnungs-Panel mit dem Politologen Ivan Krastev zur Zukunft der liberalen Demokratie meinte er, auch Nordkorea bezeichne sich als Demokratie.
Die «fünf guten Kaiser»
Liberalismus und Demokratie würden sich widersprechen, proklamierte Yarvin und zitierte eine im Tech-Milieu ventilierte These. Wie die von ihm bevorzugte Tech-Monarchie aussehe, wollte Moderator Nico Luchsinger wissen. Eine konkrete Antwort gab es nicht. Yarvin schweifte ab in die Antike, etwa zu den «fünf guten Kaisern» im alten Rom.
Mit ihnen war eine Phase von Prosperität und relativem Frieden verbunden. Was Curtis Yarvin (dessen Blogger-Pseudonym Mencius Moldbug einiges über sein aufgeblasenes Ego aussagt) nicht erwähnte: Auf Marc Aurel, den letzten guten Kaiser, folgte sein unfähiger und korrupter Sohn Commodus, bekannt unter anderem aus dem Film «Gladiator».
Eliten als Alternative zu Eliten
Yarvin klagte, in westlichen Demokratien hätten die Elite zu viel Macht, doch als Alternative propagierte er eine Eliteherrschaft wie im antiken Griechenland. Ivan Krastev bemühte sich, ihm Paroli zu bieten: «Eine Demokratie ist eine Hochrisiko-Gesellschaft», erklärte der Politologe, der zu den Schwergewichten seiner Zunft gehört: «Doch was ist die Alternative?»
Man sah dem Bulgaren an, wie unwohl er sich fühlte. Er hatte mit Curtis Yarvin im Februar auf Schloss Elmau in Bayern die Klingen gekreuzt und erkannt, dass er es mit einem Wirrkopf zu tun hatte. Den Auftritt in St.Gallen hat Krastev wohl nur deshalb nicht abgesagt, weil er ein ausnehmend höflicher Mensch ist. Immerhin erhielt er mehrfach Szenenapplaus.
«Bullshit-Bingo»
Curtis Yarvin hingegen wurde ausgelacht, als er Donald Trump als «sehr demokratischen Anführer» bezeichnete. Dennoch stimmten in einem Online-Voting am Ende immerhin 16 Prozent der Anwesenden in der HSG-Aula seinen Thesen zu. Sie seien wohl überrascht gewesen, wie moderat Yarvin aufgetreten sei, meinte Krastev danach gegenüber watson.
Komplett öde wurde es kurz darauf im zweiten Gespräch mit Claudia Brühwiler zum Zustand der amerikanischen Macht. Curtis Yarvin schwadronierte sich durchs Weltgeschehen und langweilte das Publikum. Ein ziemlich prominentes Gesicht aus der Schweizer Wirtschaft stöhnte neben mir mehrfach auf und sprach beim vorzeitigen Abgang von «Bullshit-Bingo».
Frust über Kalifornien
Einigermassen deutlich wurde Yarvin, als er sich über die Zustände in Kalifornien enervierte und den grössten US-Gliedstaat als «Einparteienstaat» diffamierte. «In Downtown Los Angeles oder San Francisco sieht man Szenen wie von Hieronymus Bosch», meine er in Anspielung auf den für apokalyptische Bilder bekannten niederländischen Maler.
«Wer von den Flughäfen in Dubai oder Schanghai nach San Francisco reist, landet in der Dritten Welt», empörte sich Yarvin. Liegt im Frust über die echten oder imaginierten Zustände in Kalifornien der Schüssel zu seinen antidemokratischen Ansichten? Wirklich schlau wurde man aus seinem teilweisen endlosen Redefluss nicht.
«Intellektueller Hochstapler»
Die vermeintliche Skandalnudel entpuppte sich in St. Gallen als pseudointellektuelle Hohlbirne. «Yarvin ist ein dummer Schwätzer», hatte mich ein euch bestens bekannter Kollege vorgewarnt. Der HSG-Historiker Caspar Hirschi bezeichnete ihn gegenüber dem «St.Galler Tagblatt» als «intellektuellen Hochstapler», der keine konsistente Theorie vertrete.
Geäussert wurde die Vermutung, die Organisatoren hätten Peter Thiel einladen wollen. Der Tech-Milliardär ist ebenfalls bekannt für seine Abneigung gegen die Demokratie, doch für die HSG ist er eine Nummer zu gross. Also kam Curtis Yarvin zum Zug, obwohl es umstritten ist, wie viel Einfluss er wirklich hat. Ein Gewinn für das Symposium war das definitiv nicht.
