Umstrittener US-Blogger spricht am St. Galler Symposium
Das St.Gallen Symposium versteht sich als weltweit führende Plattform für den generationenübergreifenden Dialog. Jedes Jahr versammeln sich auf dem Gelände der HSG rund 1200 Entscheidungsträger aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft und diskutieren über aktuelle Themen. Sie kommen aus fast 100 Ländern ans «Mini-WEF». Mit dabei sind auch 200 handverlesene Studierende aus aller Welt.
Geht es nach Curtis Yarvin soll es mit dem demokratischen Dialog, wie er nächste Woche in St.Gallen gepflegt wird, jedoch bald zu Ende sein. Der philosophische Stichwortgeber der autoritären Rechten in den USA träumt nämlich von einer Art Tech-Monarchie, in der nur wenige Leute das Sagen haben und Länder wie Start-ups von einem CEO regiert werden. «Mainstream»-Medien, Universitäten und den «bürokratischen» Staatsapparat hält er grundsätzlich für «überflüssig».
Die Bezeichnung «Neofaschist» stört ihn nicht
Immer wieder fällt Yarvin auch mit Äusserungen auf, die hart an der Grenze zum Rassismus und zur Faschismus-Verherrlichung sind. So sagte er letztes Jahr gegenüber dem amerikanischen Fernsehsender CNN, nicht alle «Rassen» würden sich gleich gut eignen, um eine Regierung zu führen. Dass er deswegen von einigen als «Neofaschist» bezeichnet wird, stört den Software-Ingenieur jedoch nicht. «Ich bin nicht verrückt, aber es ist in Ordnung, dass die Welt denkt, ich sei verrückt, weil die Welt selbst verrückt ist», sagte er letztes Jahr im Gespräch mit der «NZZ».
Umso erstaunlicher ist, dass das St.Gallen Symposium dem umstrittenen US-Blogger nächste Woche den roten Teppich ausrollt.
Yarvin wird am Traditionsanlass auf dem Rosenberg nämlich gleich zu drei Auftritten kommen. Nach der Eröffnungszeremonie des Symposiums am kommenden Mittwoch tritt er in einem einstündigen Gespräch mit dem bulgarischen Politologen Ivan Krăstev auf, einem vehementen Verfechter liberaler Demokratien. Danach in einem einstündigen Talk mit der bekannten St.Galler Amerikanistik-Professorin Claudia Brühwiler und am Tag darauf noch in einer geschlossenen Session, die nur wenigen Symposiums-Teilnehmern zugänglich sein wird.
Am Donnerstag wird auch Bundesrätin Karin Keller-Sutter das St. Gallen Symposium besuchen und auf einem Panel über die aktuellen Herausforderungen der Weltwirtschaft diskutieren. Weitere prominente Redner sind Nestlé-CEO Philipp Navratil, UBS-Chef Sergio Ermotti, Philosoph Peter Sloterdijk oder VW-CEO Oliver Blume.
Zum Streitgespräch mit Krastev kam es bereits vor zwei Monaten in Südbayern. An einer Tagung auf Schloss Elmau durfte Yarvin erklären, warum er die westliche Demokratie verachtet, was über Deutschland hinaus Wellen schlug. Neben deutschen Zeitungen berichteten auch die New York Times und die Washington Post über das Treffen. Einzelne linke Intellektuelle waren der Tagung aus Protest ferngeblieben, nachdem sie erfahren hatten, dass Yarvin einen prominenten Auftritt haben würde.
Politiker fordert, Yarvin wieder auszuladen
Der Auftritt sorgt auch in Teilen der Universität St. Gallen für Nervosität. Insbesondere bei den Studierenden finden es nicht alle gut, einem «Demokratie-Abschaffer» wie Curtis Yarvin einen derart grossen Auftritt zu geben. Auch einzelne Politiker äussern sich kritisch. So sagt Noam Leiser, Präsident der St. Galler SP: «Yarvin vertritt offen antidemokratische, radikale, autoritäre Positionen. Ihm dafür eine prominente Bühne zu bieten, wertet diese unnötig auf und verleiht ihnen einen Anschein von Legitimität.» Das Symposium tue gut daran, Yarvin wieder auszuladen.
Soweit wird es nicht kommen. Denn Bedenken wegen der Auftritte Yarvins gibt es bei den Veranstaltern nicht. Curtis Yarvin sei nicht eingeladen worden, weil das St.Gallen Symposium seine Positionen teile, sagt Symposium-CEO Beat Ulrich. «Ideologisch einflussreiche Stimmen verlieren jedoch nicht durch Ausblendung an Wirkung, sondern durch fundierten Widerspruch, Kontextualisierung und offene Gegenrede.»
Voraussetzung für die Einladung sei gewesen, dass sich Curtis Yarvin den kritischen Fragen, dem Streitgespräch und dem Dialog stelle. Er erhalte am Symposium keine unkommentierte Plattform. Vielmehr werde er in ein strukturiertes Streitgespräch mit festen Regeln und klarer Moderation eingebunden. «Zudem wird das Publikum aktiv einbezogen und kann die Argumente beider Seiten bewerten», sagt Ulrich.
«Wer die USA verstehen will, muss sich mit ihm beschäftigen»
HSG-Professorin Claudia Brühwiler sagt, sie könne verstehen, dass sich die Öffentlichkeit zum Auftritt von Curtis Yarvin Fragen stelle. «Wenn man die aktuellen Hintergründe in den USA verstehen will, muss man sich jedoch zwangsläufig mit ihm auseinandersetzen.» Eine kritische Beschäftigung mit dem Ideen-Universum der autoritären Rechten gehöre dazu. Dafür sei das Symposium eine gute Plattform. (aargauerzeitung.ch)
