Einen Monat danach: Im Fall Crans-Montana ging fast alles schief, was schiefgehen konnte
Selbst in den dunkelsten Stunden bleibt die Hoffnung, dass etwas standhält. Jede Katastrophe trägt einen Rest von Licht in sich.
Es grenzt an ein Wunder, dass von den 116 Menschen, die in Crans-Montana teils schwer verletzt überlebt haben, niemand gestorben ist. Die Erstversorgung, die Logistik und die Behandlung in den Spitälern im In- und Ausland haben funktioniert. Auch die Feuerwehr vor Ort handelte schnell und richtig, sonst wären weit mehr als 40 Menschen gestorben. Auf der Suche nach Positivem ist zudem die grosse Solidarität zu erwähnen. Sie ging nicht zuletzt von jungen Menschen aus.
Ansonsten aber ist fast alles schiefgegangen, was schiefgehen kann. Das muss einen Monat nach der Brandnacht bei allem Wohlwollen festgehalten werden. In der Justiz, in der Politik und in der Kommunikation zeigten sich gravierende Defizite. Das Resultat: Allseits Misstrauen und eine Auseinandersetzung mit Italien, die an eine Staatskrise grenzt.
Grund dafür ist nicht die Brandkatastrophe an sich. Diese hätte nie geschehen dürfen. Aber sie geschah. Also ist der Umgang damit entscheidend. Entschärft er die Lage? Oder verschärft er sie zusätzlich? Leider war letzteres der Fall.
Indem sich die Gemeinde als «Hauptbetroffene» bezeichnete, offenbarte sie einen Mangel an Empathie. Indem der Kanton Wallis zuerst nur 10’000 Franken Soforthilfe für Brandopfer sprach, entlarvte er sich als knausrig. Und vor allem: Indem die Justiz den Bar-Betreiber zuerst auf freiem Fuss beliess, dann doch in U-Haft nahm und diese später per Kaution wieder aufhob, erweckte sie den Eindruck, sie würde den Fall nicht mit der nötigen Konsequenz aufklären. In dieses Bild passt, dass auf Obduktionen zuerst verzichtet wurde.
Spät erst wurden diese Mängel erkannt. Gemeindeverantwortliche haben sich entschuldigt. Die Opferhilfe wurde nun massiv aufgestockt. Die Justizbehörden der Schweiz und Italiens arbeiten inzwischen zusammen.
Es wäre viel Schaden abgewendet worden, hätte man früher Empathie, Grosszügigkeit und klaren Willen zur Aufklärung bewiesen. (aargauerzeitung.ch)
