Chiara starb bei der Brandkatastrophe von Crans-Montana – Anwalt kritisiert die Schweiz
Sie vertreten die Angehörigen von Chiara Costanzo, die bei der Brandkatastrophe in Crans-Montana ihr Leben verloren hat. Wie geht es der Familie?
Vinicio Nardo: Die Familie ist sehr mitgenommen, sie verspürt einen tiefen Schmerz. Die strafrechtliche Untersuchung, die jetzt begonnen hat, empfinden sie als ambivalent.
Weshalb?
Einerseits ist die Untersuchung eine Ablenkung für sie und hilft so, den Schmerz zu verarbeiten. Andererseits verstärkt sie ihn aber auch. Zum Beispiel, wenn die Angeklagten ihre Version der Ereignisse schildern. Juristisch ist das völlig legitim, aber für die Familie Costanzo ist das sehr schmerzhaft. Dass Zweifel an den Ermittlungen und ihrer Sorgfältigkeit aufgekommen sind, bedeutet für sie zusätzlichen Stress.
Wie bewerten Sie als Anwalt die bisherigen Ermittlungen der Walliser Staatsanwaltschaft?
Nicht sehr positiv. Ich muss vorausschicken, dass ich als italienischer Anwalt italienische Verfahren kenne. Aber dass man sich in der Schweiz angesichts eines so bedeutenden Falls entschieden hat, in mehreren Fällen keine Autopsien durchzuführen, überrascht mich sehr. In Italien werden bei gewaltsamen Todesfällen, bei denen die Möglichkeit besteht, jemanden dafür zur Rechenschaft zu ziehen, praktisch immer Autopsien durchgeführt.
Was sagt Ihnen das?
Für mich ist das ein Hinweis auf eine ungenaue Untersuchung. Eine staatsanwaltschaftliche Untersuchung bedeutet besonders, ganz am Anfang am Tatort präsent zu sein und alle Spuren zu sichern. Das scheint mir in dem Fall zu wenig geschehen zu sein.
Die italienische Regierung hat ihren Botschafter aus der Schweiz abgezogen, weil Barinhaber Jacques Moretti gegen eine Kaution von 200'000 Franken aus der U-Haft entlassen worden ist. Was fordert die italienische Regierung nun?
Die Entscheidung der Regierung, den Botschafter abzuziehen, war natürlich eine starke Massnahme. Es wäre aber falsch, sie als Reaktion auf die Entscheidung des Richters zu deuten, Moretti gegen Kaution freizulassen. Der italienischen Regierung ist klar, dass ein Rechtsstaat wie die Schweiz darauf keinen Einfluss nehmen kann. Ich denke eher, dass die italienische Regierung damit zum Ausdruck bringen wollte, dass es den Schweizer Behörden am Willen fehlt, die Ermittlungen konsequent voranzutreiben.
Wie bewerten Sie die Freilassung von Moretti?
Ich verteidige die Hinterbliebenen eines jugendlichen Opfers. Sie haben jedes Recht zu fordern, dass Moretti ins Gefängnis gehört und dort zu bleiben hat. Wenn es darum geht, das Verhalten des Schweizer Staates zu bewerten, sage ich als Jurist: Es wurde zu spät gehandelt.
Was hätten Sie anders gemacht?
Man hätte Jacques Moretti am ersten Tag nach dem Brand in U-Haft nehmen sollen. Wenn man damit neun Tage wartet, wird es später schwieriger für den Richter, mit Fluchtgefahr zu argumentieren. Es sind darum Zweifel angebracht, wie genau die Staatsanwaltschaft ermittelt und wie gross der Willen ist, bis zum Ende zu ermitteln. Dazu kommt: Italien kennt keine Freilassung gegen Kaution. Deshalb wird das in Italien so wahrgenommen, als würde sich ein reicher Mann freikaufen.
Hat das Ansehen der Schweiz in Italien gelitten?
In Italien sind wir in Sachen Strafrecht sehr geübt, weil wir an Straftaten aller Art gewöhnt sind. Denken Sie nur an die organisierte Kriminalität. Die Schweiz hingegen verbinden wir in Italien eher mit Expertise in Sachen Finanz- und Wirtschaftskriminalität. Bei anderen Straftaten fehlt der Schweiz wahrscheinlich etwas die Erfahrung – vielleicht auch, weil es davon in der Schweiz weniger gibt. Aber viele der Aspekte, die ich in den Ermittlungen als ungenau und fehlerhaft erachte, haben nichts damit zu tun, dass die Schweizer Justiz unfähig wäre. Sondern, dass ihr aufgrund des kollektiven Traumas der Wille fehlt, in die Tiefe zu gehen.
Mitte Februar trifft sich die Walliser Staatsanwaltschaft mit derjenigen Roms. Welches Resultat erhoffen Sie sich?
Dass eine echte Zusammenarbeit zweier ermittelnder Behörden entsteht. Ich bin zuversichtlich, denn in Rom wurde der Fall einem Staatsanwalt übergeben, der über grosse Erfahrung in internationalen Beziehungen verfügt. Er hat das nötige Feingefühl, den Schweizer Staatsanwälten nicht ihren Job erklären zu wollen. Ich setze wirklich grosse Hoffnungen in diesen Austausch. Hoffentlich bringt er wieder etwas Ruhe in das Verhältnis zwischen der Schweiz und Italien.
Was wünscht sich die Familie Costanzo am dringendsten?
Die Familie Costanzo hat ein 16-jähriges Mädchen verloren, das von allen, die es gekannt haben, als herzensgut beschrieben wird. Keine Gerechtigkeit der Welt wiegt den Verlust von Chiara auf. Aber genau deshalb wollen sie spüren, dass die Schweiz aufrichtig gewillt ist, aufzudecken, was passiert ist. Natürlich erwartet sie dann, dass die Verantwortlichen bestraft werden. Und sie wünscht sich Solidarität, die über den finanziellen Aspekt hinausgeht.
Erfährt sie diese Solidarität?
In Italien spüren die Angehörigen eine riesige Solidarität, aus der Politik und aus der Bevölkerung. Aus der Schweiz spüren sie diese Solidarität nicht. Es scheint vielmehr, als würde sich die Schweiz angesichts der Katastrophe aus der Verantwortung stehlen wollen. Der Ruf der Schweiz als vertrauenswürdiger, rechtschaffener Staat ist ernsthaft angegriffen. Vielleicht erwecken die Behörden auch deshalb den Anschein, die Angelegenheit möglichst schnell abschliessen zu wollen.
Trotz der Brandkatastrophe findet dieses Wochenende der Ski-Weltcup in Crans-Montana statt, was einige Opferfamilien kritisiert hatten. Wie sehen Sie das?
Ich habe mit der Familie Costanzo nicht darüber gesprochen, aber nehme an, dass auch sie die Rennen problematisch finden. Crans-Montana sollte im Moment nichts anderes als ein Ort der Andacht sein. Ein Ort, an dem Angehörige der 40 Toten und Verletzten gedenken können, indem sie Kerzen anzünden. Die Seelen der Menschen sind noch dort. Die Veranstalter hätten den Mut haben sollen, diese Skirennen an einen anderen Ort zu verlegen.
