Schweiz
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Berset: «Armut ist in einem so reichen Land wie der Schweiz nicht akzeptabel»

Die Partner des Programms gegen Armut ziehen für die Arbeit in den vergangenen fünf Jahren eine positive Bilanz. Doch gewonnen ist noch nichts, wie Sozialminister Alain Berset an der Armutskonferenz sagte.



«Es gibt noch enorm viel zu tun», sagte der Bundespräsident in der Eröffnungsrede der Nationalen Konferenz gegen Armut am Freitag in Bern. Armut sei in einem so reichen Land wie der Schweiz nicht akzeptabel. Immerhin habe das Programm gegen Armut, das noch bis Ende Jahr läuft, Schritte in die richtige Richtung möglich gemacht.

Zusammenarbeit verstärkt

Die Beziehungen und die Zusammenarbeit der verschiedenen Partner seien gestärkt worden, sagte Berset. Man habe Kenntnisse vertieft, Informationen ausgetauscht sowie Handlungsfelder und gute Praxisbeispiele definiert. Doch die Ziele seien nur teilweise erreicht worden, hielt Berset fest.

Er nannte zwei Beispiele: Die Online-Plattform mit Informationen für von Armut Betroffene und auch das Monitoring der Armut auf nationaler Ebene seien zwar geplant gewesen, aber nie verwirklicht worden.

Berset rief die Rolle der Sozialversicherungen in Erinnerung. Ohne deren Leistungen wären in der Schweiz vier- bis fünfmal mehr Menschen arm. Der Waadtländer Staatsrat Pierre-Yves Maillard (SP) bedauerte vor den Konferenzteilnehmern, dass in einigen Kantonen der minimale Grundbedarf in Frage gestellt sei.

Das Programm habe nicht zu neuen sozialpolitischen Massnahmen geführt. «Die derzeitigen Massnahmen genügen nicht», stellte Maillard klar. Der Lohn eines Arbeiters reiche nicht mehr, um eine Familie durchzubringen, und die Fixkosten für Versicherungen und Wohnen stiegen schneller als die Löhne.

Armut besser verstehen

Aus Sicht von Jürg Brechbühl, Direktor des Bundesamtes für Sozialversicherungen (BSV), hat das Programm es ermöglicht, Armut besser zu verstehen. Für das fünfjährige Programm gegen Armut hatte der Bund neun Millionen Franken zur Verfügung gestellt. Es endet allerdings im laufenden Jahr.

Für die nächsten fünf Jahre will der Bundesrat die Armutsbekämpfung nicht aus den Augen lassen. Doch er stellt für Massnahmen lediglich noch 2,5 Millionen Franken zur Verfügung, wie er im April entschied. Die Konferenz in Bern legte nun fest, woran gearbeitet werden soll.

Grundlage ist das Umsetzungskonzept Nationale Plattform gegen Armut 2019 bis 2024. Kantone und Kommunen sollen – auf Basis des auslaufenden Programms – ihre Massnahmen überprüfen und weiterentwickeln, unter anderem im Rahmen der Sozialhilfe.

Aus- und Weiterbildung

Der Bund gibt sich die Rolle des Unterstützers-  er will bestehende Plattformen für den Wissensaustausch zur Verfügung stellen und Grundlagen zu ausgewählten Themen erarbeiten. Die Schwerpunkte hielten die Konferenzteilnehmer in einer Erklärung fest. Diese sollen gestaffelt umgesetzt werden.

Ein Schwerpunkt ist die Unterstützung von Jugendlichen, die beim Wechsel von der Schule in die Berufslehre respektive in den Arbeitsmarkt Schwierigkeiten haben. Ebenso sollen Erwachsene, die wegen fehlender Qualifikation Mühe haben, eine Arbeit zu finden, bei der Weiterbildung unterstützt werden.

Ein dritter Schwerpunkt wird bei der Unterstützung von benachteiligten Familien gesetzt. Schliesslich sollen – der vierte Schwerpunkt –  Arme vermehrt in die Prävention einbezogen werden. Mittel dazu ist ein besserer Zugang zu Beratungen und Informationen für sie.

Kritik von Caritas

Caritas Schweiz kritisierte den Entscheid, das Programm zu reduzieren. Der Bund könne sich nicht einfach aus der Armutspolitik verabschieden und die Verantwortung den Kantonen zuschieben.

Die IG Grundkompetenzen schrieb, arme Menschen ausserhalb der Regelstrukturen hätten viele Hürden zu überwinden, um an Bildungsangeboten teilnehmen zu können. Working Poor würden von ihren Arbeitgebern kaum gefördert und verfügten nicht über die Geldmittel, um Weiterbildungen privat zu finanzieren.

Die IG verwies auf die Anfang Jahr lancierte Weiterbildungsoffensive der Konferenz für Sozialhilfe (SKOS) und des Verbandes für Weiterbildung (SVEB). Dank Weiterbildung sollen Sozialhilfebezüger zurück in den Arbeitsmarkt finden.

7.5 Prozent oder 615'000 der in der Schweiz lebenden Menschen galten laut Bundesamt für Statistik (BFS) 2016 als arm. In jenem Jahr betrug die Armutsgrenze durchschnittlich 2247 Franken pro Monat für eine Einzelperson und 3981 Franken pro Monat für einen Haushalt mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern unter 14 Jahren.

Laut BFS hat ein grosser Teil der Betroffenen nach einem Jahr wieder ein Einkommen über der Armutsgrenze erzielt. Lediglich 1 Prozent der Bevölkerung gilt als dauerhaft arm.

www.gegenarmut.ch (sda)

Ab wann gilt man in der Schweiz eigentlich als arm?

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Video: srf

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10Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • John Henry Eden 08.09.2018 10:41
    Highlight Highlight Lächerlich, die Politiker. Auch in der Schweiz zählen nur Geld und Status. Wer keine Karriere macht, gilt als Verlierer. Eine solidarische Leistungsgesellschaft soll es angeblich sein - eine hämische Giergesellschaft ist es tatsächlich. Schön wäre ein Land, in dem jeder genug, aber keiner zu viel oder zu wenig hat.
  • Panettone 08.09.2018 08:15
    Highlight Highlight ... der soll schauen, dass unsere Rentner eine würdige Rente kriegen und dies ohne Ergänzungsleistung beantragen zu MÜSSEN - in einem sooo reichen Land.
    Die dauernde Senkung des Umwandlungssatzes ins 0% Desaster lässt grüssen!
  • Schneider Alex 08.09.2018 07:08
    Highlight Highlight Wenn es die Wirtschaft nicht schafft, Arbeitsplätze mit existenzsichernden Löhnen anzubieten, muss der Staat (Bund, Kantone oder Gemeinden) solche Arbeitsplätze schaffen. Es kann doch nicht sein, dass im Niedriglohnbereich der Staat mit der Sozialhilfe einspringen muss, damit das Einkommen zur Existenzsicherung reicht. Das ist doch pure Subventionierung von Niedriglohn-Jobs.
    Sinnvolle Arbeiten im öffentlichen Interesse gibt es genügend in den Bereichen Bildung, Gesundheit, Sicherheit etc., die einen existenzsichernden Lohn verdienen. Der Staat muss dafür einen sekundären Arbeitsmarkt aufbauen
  • dnsd 07.09.2018 21:07
    Highlight Highlight Wir brauchen Chancen, nicht keine Armut. Armut kann ein guter motivator sein etwas aus seinem Leben zu machen. Leute die komplett vom Staat abhängig sind, verlieren oft den Anschluss an die Gesellschaft, eignen sich ungesunde Gewohnheiten an und verlieren den Antrieb.
  • sanhum 07.09.2018 20:01
    Highlight Highlight all das gerede und die geplanten massnahmen werden nicht helfen. ich kenne menschen, die dauerhaft arm sind. es sind die versicherungen und wohnkosten, die nicht dem lohn entsprechen. nicht umgekehrt. was bringt eine weiterbildung, wenn kein jobangebot vorhanden ist? ältere menschen haben es schwer, eine arbeit zu finden. egal, ob arm oder reich, gebildet oder geschult. diese fallen so oder so durchs raster.
    • Zumiroderzudir? 08.09.2018 11:34
      Highlight Highlight All das gerede über reiche Menschen, dass diese egoistisch und geizig seien. Ich kenne Menschen die dauerhaft reich sind. Diese wollen eigentlich helfen mit ihrem Geld. Sie sind nur so sehr beschäftigt noch mehr Geld zum helfen zu sparen bis sie irgendwann sterben und dann bekommen ihre Kinder das Geld und so weiter und so fort. So ein Pech auch.
  • Phrosch 07.09.2018 19:41
    Highlight Highlight Fazit: es gäbe noch viel zu tun, also lassen wir es (weitgehend) bleiben. Wenn schon der linke Bundesrat dazu Hand bietet, dann „guet Nacht“.
  • Lowend 07.09.2018 17:08
    Highlight Highlight Knapp 10% der hier lebenden Menschen sind also irgendwann mal von Armut betroffen und die grösste Partei des Landes weiss auf der politischen Ebene nichts gescheiteres, als den Betroffenen die eh schon knappen Mittel noch weiter zu reduzieren und diesen Menschen so noch zusätzliche Knebel und Knüppel zwischen die Beine zu schmeissen?

    Eigentlich nur verachtenswert, wer seine Mitmenschen aus rein finanziellen Gründen so mies behandelt!
    • GustiBrösmeli 08.09.2018 10:03
      Highlight Highlight Und deine Geliebten Linken wollen in die EU. Denkst du echt, dort wird es den Armen besser gehen? Nein sogar schlechter. Dort werden die Armen, Ärmer und die Reichen noch Reicher. Die EU ist ein Reines Wirtschaftsgebilde. Die Wirtschaft regiert und das Volk Hungert. Aber die SP will rein. Das ist Verachtendswert was die SP will.
    • Zumiroderzudir? 08.09.2018 11:11
      Highlight Highlight Genau! Die Armen hier sollen froh sein, dass sie von der svp davor beschüzt werden nicht „EU-Arm“ zu werden! Damit ist das Problem doch geklärt.

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Der Pulverdampf der geistigen Schnellschüsse zur Pisa-Studie der OECD von 2018 hat sich verflüchtigt. Das erste Fazit für die Schweiz: Mathematik und Naturwissenschaft immer noch einigermassen top, Lesen flop; Platz 27 von 79 Ländern, 484 Punkte, drei Punkte unter dem OECD-Schnitt. Hinter den meisten gesellschaftlich und wirtschaftlich vergleichbaren Ländern Europas liegt die Schweiz im Lesen und Verstehen zurück.

Ich muss zuerst einmal die notorisch ausländerkritische Fraktion enttäuschen. …

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