bedeckt
DE | FR
9
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Schweiz
Bern

Bern: Ballett-Probenleiter belästigte Mitarbeiterin an Premierenpartys

Ballett-Probenleiter belästigte Mitarbeiterin an Premierenpartys in Bern

26.10.2022, 15:0626.10.2022, 18:10
The Stadttheater in Bern, Switzerland, pictured on Thursday, September 29, 2022. Today the management of the theater commented in a press conference on the accusation of sexual harassment in the ensem ...
Das Stadttheater in Bern.Bild: keystone

Der entlassene Berner Ballett-Probenleiter hat sich Grenzüberschreitungen an Premierenpartys zuschulden kommen lassen. Das gab Bühnen Bern am Mittwoch nach Abschluss der Untersuchung bekannt. Der Mann wurde Anfang Oktober entlassen.

Der Probenleiter war bereits zuvor wegen verbalen sexuellen Belästigungen von Bühnen Bern verwarnt worden. Die seinerzeitigen Abklärungen hätten keine ausreichenden Tatbestände für die sofortige Entlassung des Mannes ergeben, sagte Nadine Borter, Stiftungsratspräsidentin des Mehrspartenhauses Bühnen Bern.

Eine externe Fachperson habe empfohlen, den Mann, der ansonsten sehr gute Arbeit geleistet habe, «mindestens zu verwarnen», führte Rechtsanwältin Monika Hirzel vom Büro BeTrieb aus, welche die Untersuchung des Falles innehatte.

Kündigung nicht adäquat

Die Formulierung sei bewusst offen, weil die Arbeitgeberin stets auch den Blick auf das gesamte Arbeitsverhältnis der Betroffenen habe und unter Berücksichtigung aller Umstände entscheiden solle.

Bühnen Bern beliess es bei der Verwarnung des Probenleiters und stellte ihn nach der Sommerpause 2021 wieder ein. Eine Entlassung zu diesem Zeitpunkt wäre nicht verhältnismässig gewesen, betonten Borter und Intendant Florian Scholz am Mittwoch vor den Medien.

Nadine Borter, President of the foundation board, center, speaks beside Isabelle Bischof, dance director Bern Ballett, Florian Scholz, director Buehnen Bern, and lawyer Monika Hirzel, from left, durin ...
Nadine Borter, Florian Scholz und Monika Hirzel.Bild: keystone

Der Probenleiter wurde angehalten, seine Instruktionen ohne sexuellen Bezug und mit angemessener Wortwahl zu formulieren. Bei Gesprächen sollte der Mann keine sexuellen Themen erörtern und in Bezug auf körperliche Nähe Zurückhaltung üben.

Vertrauen zerstört

Im September wurden neue Vorwürfe gegen den Probenleiter laut, von denen Bühnen Bern aus den Medien erfuhr. Betroffen war eine Mitarbeiterin. Das Haus leitete erneut Untersuchungen ein. In deren Zug kam es zum Schluss, den Mann fristlos zu entlassen.

Betroffen vom neuerlichen Fehlverhalten war eine Tänzerin. Die Vorfälle sollen sich an Premierenpartys ereignet haben. Ihre Schilderungen wurden von zwei weiteren Mitgliedern des Ensembles beobachtet.

«Das Vertrauen wurde durch den betreffenden Mitarbeiter schwer zerrüttet», sagte Intendant Florian Scholz vor den Medien. Er bezeichnete es als «bittere Tatsache», dass die vorhandenen Präventionsmassnahmen nicht ausgereicht hätten, um die Vorkommnisse zu verhindern.

Und Tanzchefin Isabelle Bischof fügte an: «Es trifft mich als Leiterin und Frau besonders, dass eine Mitarbeiterin in unserem Team Übergriffen ausgesetzt war».

Für sie sei klar, so Bischof, dass sich etwas an den Strukturen ändern müsse. Bühnen Bern kündigt an, alle Aspekte der Betriebskultur zu überprüfen und an präventiven Massnahmen zu arbeiten zum Schutz aller Mitarbeitenden. Die Tanzcompagnie inklusive Leitung hat nach eigenen Angaben einen Coaching- und Supervisionsprozess eingeleitet.

Auch mit den Finanzierungsträgern des subventionierten Hauses will Bühnen Bern künftig besser kommunizieren.

Das grosse Schweigen

Obwohl Bühnen Bern schon 2021 von den Vorkommnissen wusste, erfuhr die Öffentlichkeit erst durch einen Medienbericht in der deutschen Wochenzeitung «Die Zeit» von den Vorfällen. Dass Bühnen Bern den Probenleiter 2021 lediglich verwarnte und wieder einstellte, hatte das Haus auch seinen Finanzierungsträgern nicht gesagt. Und als das Haus den Mann Anfang Oktober entliess, brachte dies auch erst wieder ein Medienartikel des Onlinemagazins «Die Hauptstadt» an die Öffentlichkeit.

Das Mehrspartenhaus sah sich deshalb auch in der Kritik wegen mangelhafter Kommunikation. Man reagiere erst auf den Druck der Öffentlichkeit und wolle am liebsten alles unter dem Teppich behalten, so der Vorwurf, den verschiedene Medien erhoben.

Wie bereits zuvor rechtfertigte Borter das Verhalten von Bühnen Bern mit dem Persönlichkeitsschutz aller Betroffenen. Man habe diesen hoch gewichtet. «Solche Fälle sind komplex, es gibt nicht einfach schwarz-weiss», führte Borter aus. Es gelte, alle Seiten zu schützen. Dass man die Finanzierungsträger nicht informiert habe, bezeichnete sie im Nachhinein als Fehler.

Unter dem Dach von Bühnen Bern befinden sich die vier Sparten Oper, Schauspiel, Ballett und das Berner Symphonieorchester. Das Haus bezieht rund 39 Millionen Franken an Subventionen, unter anderem von Stadt und Kanton Bern.

(aeg/sda)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

9 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Barile
26.10.2022 16:07registriert September 2022
„Dabei wurden sowohl gegenwärtige wie aktuelle Mitarbeitende befragt.“

Und jetzige Mitarbeitende? 😉
402
Melden
Zum Kommentar
9
«Der Spiegel» wirft «Magazin» schwere Unterlassung vor – Tamedia weist Vorwürfe zurück
#MeToo: Im deutschen Magazin «Der Spiegel» beschreibt eine Journalistin, wie sie jahrelang gemobbt wurde. Täter soll Chefredaktor Finn Canonica vom Schweizer «Magazin» sein.

Die Vorwürfe sind heftig. Im deutschen Magazin «Der Spiegel» beschreibt die Journalistin Anuschka Roshani, wie sie über viele Jahre im «Magazin» der Tamedia-Zeitungen vom Chefredaktor Finn Canonica gemobbt, herabgesetzt und belästigt worden sei.

Zur Story