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Reinigungsfachfrau Shukrije Sahiti trägt Schutzmantel, FFP2-Maske, Hygienemaske und Schutzbrille. Jetzt fehlen nur noch die Handschuhe.

Reinigungsfachfrau Shukrije Sahiti trägt Schutzmantel, FFP2-Maske, Hygienemaske und Schutzbrille. Jetzt fehlen nur noch die Handschuhe. Bild: ch media/Sandra Ardizzone

Zu Besuch beim Virus: So schaffen es die Spitäler, die Infektionen tief zu halten

Sie bleiben gesund, obwohl die Viren in nächster Nähe sind.  Bericht von einer Coronastation, auf der trotz kompliziertem Hygieneprozedere erstaunliche Gelassenheit herrscht. Auch Corona-Patient Roland Lerch ist beeindruckt.

Sabine Kuster / ch media



Ein kleines Zimmer mit zwei Covid-19-Patienten, Universitätsspital Zürich. Roland Lerch, 53, erzählt, wie er plötzlich Fieber, Husten und Schwindel bekam. Wie er dachte, es hätte ihn nicht schlimm erwischt, dann aber eine Lungenentzündung und Lungenembolie dazu kamen.

Er entging knapp der Intensivstation. Und hat keine Ahnung, wo er sich angesteckt hat. Lerch, seit zwölf Tagen hier, sagt: «Heute ist der erste Tag, an dem es mir besser geht, morgen kann ich in die Reha-Klinik.»

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Die Fotografin beginnt, ihre Bilder zu machen. Sind die 15 Minuten schon um? Diese Viertelstunde, die auch hier als kritische Limite gilt für den Aufenthalt an einem Ort mit möglicherweise hoher Virenkonzentration. Der Leiter der Infektiologie, Hugo Sax, hat schon einmal ins Zimmer geschaut und gesagt, man solle doch das Fenster öffnen.

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Hugo Sax, Leiter Infektiologie und Spitalhygiene am Unispital Zürich. Bild: ch media / Sandra Ardizzone

Auf der Covid-Bettenstation des Unispitals Zürich fällt zuerst auf, dass die Weihnachtsbeleuchtung schon hängt. Und vielleicht auch die grossen Abfallkübel. Aber das Personal bewegt sich ruhig und wirkt entspannt. Auf dem Flur werden einzig Hygienemasken getragen. Und auch für eine schnelle Medikamentenabgabe im Zimmer müssen die Pflegefachpersonen nicht in die volle Schutzmontur. Weil es keinen Patientenkontakt gibt und wegen der 15-Minuten-Regel. Sax erinnert sich:

«Im Frühling, als die Krankheit neu war, haben wir viel mehr gemacht.»

Jetzt, da klar ist, dass SARS CoV-2 nicht so schnell via Luft übertragen wird, trägt das Personal nicht mehr in jeder Situation FFP2-Masken. Auch gilt kein Handschuhobligatorium mehr.

«Wir haben gemerkt, dass man sich die Handschuhe seltener desinfiziert, weil man sich sicherer fühlt», erklärt Sax. So kam es zu Übertragungen resistenter Erreger zwischen Patienten. Der Leiter Infektiologie muss nicht nur das neue Coronavirus, sondern auch alle anderen Erreger im Auge behalten.

Für das Reinigungspersonal hat sich allerdings wenig verändert. Shukrije Sahiti desinfiziert sich die Hände, zieht den Schutzmantel über, tauscht die Hygienemaske mit einer FFP2-Maske, schützt diese zusätzlich mit einer neuen Hygienemaske darüber, zieht die Schutzbrille an und desinfiziert sich noch mal die Hände. Jetzt ist sie bereit, ein Covid-Zimmer zu putzen. Sie sagt:

«Einfach ist es nicht, zu atmen, wenn man so in Bewegung ist, und im Sommer schwitzten wir sehr.»

Aber sie möge ihre Arbeit, den Kontakt zu den Leuten, und sicherer fühle sie sich hier sowieso als zum Beispiel im Tram.

Von 9 bis 15 Uhr ist sie in der Regel in Covid-Patientenzimmern beschäftigt. Viele Austritte bedeuten für sie viel Arbeit. Weil Covid-19 nicht so ansteckend ist über die Luft wie beispielsweise Tuberkulose, muss sie immerhin nicht eine halbe Stunde warten, nachdem der Patient gegangen ist, sondern kann gleich mit putzen beginnen.

Nach 12 Jahren hat sie viel Routine

Danach zieht sie den Schutzmantel so aus, dass sich die Ärmel verkehrt rausstülpen, und rollt ihn so zusammen, dass alles Äussere innen bleibt. Ab in den Kübel. «Ich putze seit 12 Jahren im Spital, ich muss mich nicht mehr speziell konzentrieren», sagt sie.

Gewöhnung sei das Beste, sagt Sax. Immer dieselben Abläufe, wie ein Pilot im Cockpit vor dem Start, dann geschehen weniger Fehler.

24 verschiedene Schutz-Regelungen, wie es in der Schweiz zwischen den Kantonen teilweise der Fall war und ist, kommen für Spitäler nicht in Frage. «Wir versuchen, nicht nur spitalintern, sondern auch kantonal und national dieselben Standards zu etablieren», sagt Sax. «Sonst entstehen sofort Unsicherheiten.»

Es gab Dutzende Details zu regeln: Zum Beispiel, wann im Operationssaal nun eine FFP2-Maske getragen werden muss und von wem. Nur wenn man Geräte benutzt, die Luft verwirbeln? Nur der Operateur? Am Ende wurde im Operationssaal eine generelle FFP2-Maskenpflicht eingeführt. Der Einfachheit halber.

Wo man das Virus erwartet, ist das Risiko gering

Doch Sorgen bereiten Sax nicht die Operationssäle oder Coronastationen. Hier seien noch keine Ansteckungsketten entstanden. Wenn sich jemand vom Personal infizierte, dann privat – oder auf anderen Stationen. «Dort ist es schwierig, die Motivation aufrechtzuerhalten, gerade wenn man schnell arbeiten muss», sagt Sax. Der Mensch sei beim Infektionsrisiko entscheidend.

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Damit vor dem Betreten des Zimmers alles klar ist, hängt an jeder Tür der entsprechende Ablauf. Bild: ch media / Sandra Ardizzone

Er fordert das Personal auf, das Wort zu erheben, wenn jemand riskante Situationen sieht. Selbst wenn es der Chef ist, der jemandem in der Cafeteria zu nahe kommt. «Das ist nicht einfach», gibt Sax zu, «aber der Kulturwandel passiert langsam.»

Sax sagt auch mal was, wenn er privat in einem Restaurant eine heikle Situation sieht. Es sei aber wichtig, dass man bloss die Beobachtung äussere und keinen Vorwurf formuliere.

Der Knick im Nasenband – hier spielt alles eine Rolle

Als eine Pflegefachfrau das Zimmer betreten will, weist Sax sie auf den Knick im Metallband der Maske über der Nase hin. «Wenn man ihn rund macht, sitzt die Maske besser», sagt er. Die Frau stutzt, sagt dann: «Stimmt!»

Es ist nicht Sax' erstes Mal. Er hat Ebola erlebt, die Schweinegrippe, die Vogelgrippe. Ihm war schon vor Corona klar, dass Spitalhygiene extrem wichtig ist. Nun hat er etwas mehr Personal dafür erhalten.

Ansonsten schwört Sax auf die richtige Infrastruktur. «Es ist faszinierend, wie das Abstandhalten in der Cafeteria von einem Tag auf den anderen funktionierte, als wir sie so bestuhlten, dass die Abstände immer gewahrt sind.»

Im Patientenzimmer sagt Roland Lerch: «Der Aufwand fürs Personal, um sich selber und die Patienten zu schützen, ist enorm. Sie achten jetzt auf jedes Detail.» Als er vor fünf Jahren einmal im Spital gewesen sei, sei das noch nicht so gewesen.

Die Zimmer werden so selten wie möglich betreten

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Pflegefachfrau Nora Tschanz benutzt das Telefon, um sich etwas bringen zu lassen, statt das Zimmer verlassen und sich umziehen zu müssen. Covid-Patient Roland Lerch trägt solange eine Hygienemaske. Bild: ch media / Sandra Ardizzone

Pflegefachfrau Nora Tschanz sagt: «Wir versuchen, die Patienten auch möglichst viel selbst machen zu lassen.» Coronapatient Lerch kann sich den Blutdruck inzwischen selbst messen und per Telefon ans Pflegepersonal übermitteln.

Das spart einen Gang ins Patientenzimmer und eine komplette Schutzausrüstung. Nora Tschanz selber telefoniert ebenfalls schnell aus dem Patienten- zum Stationszimmer, um etwas anzufordern, das an der Tür übergeben werden kann.

Roland Lerch würde gerne noch länger erzählen, aber Sax schaut zum dritten Mal ins Zimmer. Wir gehen raus und strecken ihm brav die Hände entgegen für zwei Spritzer Desinfektionsmittel. «Drück mich 2x» steht auf allen Flaschen, die hier überall herumstehen.

Unsere Schutzbrille kommt in eine Sammelbox zur Sterilisation, die Hygienemaske in den Abfall und wird durch eine neue ersetzt. «Nicht ins Gesicht greifen!», warnt die Medienbeauftragte. Nochmals werden Hände desinfiziert. Verwirrend für Neulinge. Längst Alltag im Spital.

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