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Rettet auch uns nur 2G über den Winter? 5 Experten geben Auskunft

Österreich und Deutschland setzen immer mehr auf 2G, um die stark steigenden Infektionen einzudämmen: Geimpft und Genesen. Fünf Schweizer Epidemiologen und Virologen äussern sich dazu.
13.11.2021, 09:59
Bruno Knellwolf und Sabine Kuster / ch media

Marcel Tanner, Basler Epidemiologe

Bild: Annette Boutellier

1. Die Infektionszahlen steigen, die Hospitalisationen nur leicht. Ist das ein Effekt der Impfung?

Es hat sich bestätigt, dass die Impfung zu über 90 Prozent vor schwerer Erkrankung schützt. Gegenüber einer Infektion ist der Schutz tiefer, bei Delta zwischen 40 bis 70 Prozent. So ist es verständlich, dass wir hohe Infektionszahlen haben, aber im Verhältnis weniger Hospitalisation.

«Eine geimpfte Person wird die Viren viel schneller los als eine ungeimpfte.»

Zu Hospitalisationen kann es auch unter jüngeren ungeimpften Personen kommen. Zum Beispiel auch, wenn sie nur leicht übergewichtig sind und damit auch ein Herz-Kreislauf-Risiko haben. Und auch Geimpfte können unter Umständen erkranken, da der Schutz gegen Hospitalisation bei 90 Prozent liegt und nicht bei 100. Trotz Impfdurchbrüchen kann man aber sagen, dass die Impfung eine Welle wie vor einem Jahr verhindern wird. Diese findet in erster Linie unter den Ungeimpften statt. Aber die ersten Personen sind schon beinahe ein Jahr geimpft, der Schutz lässt bei älteren Menschen nach. Deshalb braucht es bei älteren Menschen sowie Risikopersonen nun eine Auffrischimpfung.

2. In Österreich und Deutschland wird 2G eingeführt. Was ist epidemiologisch betrachtet der Vorteil von 2G gegenüber 3G?

Es ist klar, dass es mit 2G eine höhere Sicherheit gibt. Das würden viele Epidemiologen bestätigen. Eine geimpfte Person wird die Viren viel schneller los als eine ungeimpfte. Ungeimpfte sind meist 12 bis 14 Tage infektiös, eine geimpfte Person grundsätzlich oft nur 3 bis 4 Tage. Deshalb sind Impfdurchbrüche weniger gefährlich als Erstinfektionen von Ungeimpften. In der Public-Health-Perspektive ist 3G für die Gesellschaft besser als 2G.

In Duisburg gilt die 2G-Regel.
In Duisburg gilt die 2G-Regel.Bild: keystone

In der Schweiz hat man in dieser Pandemie immer versucht, das soziale Gewebe atmen zu lassen, und hat zum Beispiel auch nicht wie in Deutschland die Schulen geschlossen oder harte Lockdowns verfügt. Zudem ist zu sagen, dass auch das zweite G für «Genesen» eine Unsicherheit birgt. Der Begriff «Genesen» bedeutet, dass man krank war, nicht nur exponiert. Solid geschützt sind aber die Geheilten und nicht jene, die nur leicht infiziert waren und nicht oder kaum erkrankten.

3. Halten Sie eine Einführung von 2G jetzt oder später für möglich?

Die Schweiz macht jetzt mit der Impfoffensive einen Effort, um die letzten Impfwilligen zu überzeugen. Ich würde das so beibehalten. Mit 3G hat man der Bevölkerung eine Perspektive gegeben. Wichtig ist dabei, dass die Tests richtig gemacht werden und verlässlich sind. Der Antigen-Test darf deshalb nicht zu lange Gültigkeit haben. Die Testmöglichkeit ist eine Konzession an die Leute, die sich aus irgendeinem Grund nicht impfen lassen können. Wichtig ist, dass man weiterhin auch die Distanz- und Hygieneregeln beachtet, gerade auch wenn die Bevölkerung sorgloser wird. 3G ist für die allermeisten lebbar, ausser für kleine Gruppen von Radikalen und sowieso Unzufriedenen, die trotzen.

Richard Neher, Universität Basel

Bild: Biozentrum Unibas

1. Die Infektionszahlen steigen, die Hospitalisationen nur leicht. Ist das ein Effekt der Impfung?

Die Impfung trägt sicherlich entscheidend dazu bei, dass sich die hohen Fallzahlen nicht im gleichen Masse wie 2020 in Hospitalisierungen niederschlagen. Der Schutz der Impfung vor Hospitalisierung ist nach wie vor hoch, nimmt aber insbesondere bei den Älteren ab. Die Hospitalisierungen hinken den Fallzahlen hinterher. Ein Blick nach Österreich zeigt, dass wir auch hier in der Schweiz bald mit stark steigenden Hospitalisierungen rechnen müssen, wenn sich der Anstieg der Fallzahlen fortsetzt.

«Epidemiologisch macht 2G daher durchaus Sinn»

2. In Österreich und Deutschland wird 2G eingeführt. Was ist epidemiologisch betrachtet der Vorteil von 2G gegenüber 3G?

Die aktuellen Massnahmen sind offenkundig nicht ausreichend, um den Anstieg der Fallzahlen zu verhindern. Obwohl auch Geimpfte sich infizieren und das Virus weitergeben können, ist die Inzidenz unter Geimpften deutlich niedriger. Bayern weist zum Beispiel eine zehnfach niedrigere Inzidenz unter Geimpften aus. Darüber hinaus führen Infektionen bei Geimpften seltener zu schwerem Verlauf. Tests reduzieren sicherlich das Risiko, sind aber immer nur eine Momentaufnahme. Epidemiologisch macht 2G daher durchaus Sinn, vor allem in Kombination mit einer intensiven Impf-, Boost-, und Test-Kampagne.

Milo Puhan, Universität Zürich

Bild: UZH, Frank Brüderli

1. Die Infektionszahlen steigen, die Hospitalisationen nur leicht. Ist das ein Effekt der Impfung?

Es ist noch etwas zu früh, dies zu beurteilen, aber wenn der Anstieg sich in Grenzen hält, ist dies mit einiger Wahrscheinlichkeit wegen der Impfung so. Während die Wellen noch immer hoch ausfallen können, sieht man über die Zeit kleinere Ausschläge für die Hospitalisationen, was ja genau ein wichtiges Ziel der Impfung ist. Ob sich der Effekt der Impfung auf Hospitalisationen verringert, weiss man insbesondere für die unter 65-Jährigen noch nicht mit Sicherheit. Aber durch Booster-Impfungen lässt sich dem nachlassenden Effekt der Impfungen wirksam entgegenwirken.

2. In Österreich und Deutschland wird 2G eingeführt. Was ist epidemiologisch betrachtet der Vorteil von 2G gegenüber 3G?

Es ist aus meiner Sicht nicht leicht einzuschätzen, wie viel 2G bewirkt. Es gibt aus meiner Sicht keine soliden wissenschaftlichen Daten dazu. Theoretisch kann 2G einen Vorteil bieten, aber man braucht empirische Daten, ob dies erstens durchsetzbar ist und ob sich die Leute, Betriebe etc. daran halten, und zweitens, ob es dann Infektionen verhindert im Vergleich zu 3G. Ob dies in der Schweiz eingeführt wird, hängt von vielen Faktoren ab und muss letztlich die Politik entscheiden.

Marcel Salathé, EPFL Lausanne

Bild: zvg

1. Die Infektionszahlen steigen, die Hospitalisationen nur leicht. Ist das ein Effekt der Impfung?

Das ist vor allem auch ein Zeiteffekt. Die Hospitalisationen hinken immer hinter den Infektionszahlen her. Ich gehe davon aus, dass in nächster Zeit auch die Hospitalisationen ansteigen werden. Der Effekt der Impfung ist natürlich auch da: Je mehr Personen eine gute Immunität gegen dieses Virus haben, desto eher können sich Fallzahlen von Hospitalisationen entkoppeln. Denn wenn man einmal eine solche Immunität hat, dann ist der Schutz vor schweren Verläufen nach wie vor sehr hoch. Hier werden auch die Booster-Impfungen sehr wichtig sein, um diesen Schutz auch über den Winter zu gewährleisten.

2. In Österreich und Deutschland wird 2G eingeführt. Was ist epidemiologisch betrachtet der Vorteil von 2G gegenüber 3G?

Die G-Diskussion lenkt von den wichtigen Faktoren ab: mehr Erstimpfungen und rasche Booster-Impfung. Das sind die zentralen Elemente, die uns erlauben, den Winter ohne eine Überlastung des Gesundheitssystems zu überstehen.

Didier Trono, EPFL Lausanne

1. Die Infektionszahlen steigen, die Hospitalisationen nur leicht. Ist das ein Effekt der Impfung?

1. Der Winter wird schwierig. Zu viele Menschen scheinen bereit zu sein, das Risiko einer schweren Erkrankung durch Corona einzugehen und sich nicht impfen zu lassen. Erstens sollten sich alle Personen, die älter als 65 Jahre sind oder einem anderen Risiko ausgesetzt sind, unverzüglich für die dritte Dosis des Impfstoffs anmelden. Zweitens sollte die Auffrischungsimpfung der ganzen Bevölkerung zugänglich gemacht werden.

Damit würde man erreichen, dass Geimpfte das Virus kaum noch verbreiten. Es ist nicht neu, dass drei Dosen eines Impfstoffs erforderlich sind, um einen guten Schutz gegen ein Virus zu erreichen. Bei Covid-19 wird durch eine dritte Impfdosis die schützende Immunität auf ein höheres und vermutlich länger anhaltendes Niveau angehoben. Die Geimpften sind also besser geschützt, auch gegen Long-Covid. Ich denke, die bereits Geimpften liessen sich vom Sinn einer 3. Impfung relativ gut überzeugen.

«Wir müssen zugeben, dass die Kommunikation über den Impfstoff teilweise fehlgeschlagen ist»

Die Einführung neuer, strenger Massnahmen ist, abgesehen von der Erhöhung der Impfquote, kompliziert und würde die Gefahr mit sich bringen, dass die Kluft noch grösser wird, wenn auch Geimpfte sehr restriktiven Massnahmen unterworfen werden, weil zu viele andere sich nicht impfen lassen. Zum Glück folgt wegen der Impfungen die Kurve der Krankenhauseinweisungen der Kurve der Infektionen nicht so genau wie im letzten Jahr. Aber wir bewegen uns am Limit.

2. In Österreich und Deutschland wird 2G eingeführt. Was ist epidemiologisch betrachtet der Vorteil von 2G gegenüber 3G?

Vielleicht würde 2G statt 3G das Covid-Zertifikat wertvoller machen. Zunächst könnte aber die Gültigkeitsdauer von Antigentests von 48 auf 24 Stunden verkürzt werden, was die Sicherheit erhöhen würde.

Wir müssen zugeben, dass die Kommunikation über den Impfstoff teilweise fehlgeschlagen ist. Die Kommunikation lief über zu wenig effektive Kanäle. Jene, die zur Verbreitung von Fake-News genutzt werden, waren da viel effizienter.

Tatsache ist, dass wir aus dieser Pandemie ohne Impfung nicht rauskommen werden. Jeder, der etwas anderes behauptet, hat unrecht, ganz einfach! Mit dem Virus kann man nicht verhandeln, er schert sich auch nicht um Geld, das muss ein Land wie die Schweiz einsehen.

Was im Ausland geschieht, sollte uns helfen zu reagieren: In England sind die Hospitalisierungszahlen immer noch hoch, weil alle Massnahmen aufgehoben wurden, während der verwendete Impfstoff von Astrazeneca einen mässigen Schutz gegen das Virus bietet, insbesondere die Delta-Variante. In Dänemark zeigt sich, dass selbst eine Impfquote von 76 Prozent mit den hier verfügbaren Impfstoffen nicht ausreicht, um Delta zu kontrollieren.

Diese Variante ist einfach zu ansteckend und produziert zu schnell eine hohe Viruslast, um mit schlampigen Massnahmen das Rennen zu gewinnen. Aber in Israel, wo die Infektionsraten dramatisch angestiegen waren, weil die Bevölkerung schon vor langer Zeit geimpft worden war, ist die Inzidenz seit der Verabreichung einer dritten Dosis nun zurückgegangen. Es gibt also eine Lösung, und die Schweiz verfügt über alle Mittel, um sie umzusetzen. (aargauerzeitung.ch)

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