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Angstzustände und Suizidgedanken: Junge Menschen leiden unter Corona-Massnahmen



Die Coronavirus-Pandemie belastet die Psyche von Kindern und Jugendlichen. Universitätskliniken der Schweiz melden einen Zustrom junger Patienten, sowohl stationär als auch ambulant.

Freunde treffen, die Weihnachtsfeier unbeschwert vorbereiten oder Sommerferien guten Mutes planen – all dies lässt die derzeitige Situation nur schwierig zu. Und schlägt Kindern und Jugendlichen aufs Gemüt, wie auch verschiedene Medien berichteten.

«Im Herbst verzeichnen wir jedes Jahr einen Anstieg bei Anfragen für stationäre und ambulante Behandlungen. Aber eine derartige Zunahme wie dieses Jahr habe ich noch nie erlebt», sagte Alain Di Gallo, Klinikdirektor der Klinik für Kinder und Jugendlichen der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel (UPK), im Gespräch mit Keystone-SDA. Die Krisensituationen nähmen nachweislich zu und die Warteliste für ambulante Betreuung sei sehr lange.

Medical concept with psychologist visit

Kinder und Jugendliche leiden unter der Corona-Pandemie. Bild: http://www.imago-images.de/

Angstzustände und Suizidgedanken

Kinder seien eine besonders verletzliche Gruppe, sagte der Psychiater. Die Unsicherheiten der Eltern, erschöpfte Lehrer, Freunde nicht mehr unbeschwert treffen zu können – das gehe nicht spurlos an ihnen vorbei.

Tatsächlich meldete auch die Kinder- und Jugendpsychatrie am Universitätsspital Lausanne (CHUV), die Zahl der Gesuche auf stationäre Behandlungen seien im Sommer im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 50 Prozent gestiegen. Auch die Anfragen nach ambulanter Betreuung würden zunehmen, ergänzte Kerstin von Plessen, Leiterin der Universitätsabteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie am CHUV. Die Gründe: Angstzustände, Stimmungsschwankungen oder Suizidgedanken. Ähnliche Zahlen beobachtet die Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Bern (UPD).

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Die Suizidversuche sind im Vergleich zum Vorjahr angestiegen. Bild: www.imago-images.de

Die Suizidpräventions- und Therapiestelle Malatavie der Genfer Universitätsspitäler (HUG) registrierte im Oktober neun und im November fünf Suizidversuche, gegenüber einem beziehungsweise zwei im Vorjahr. «Wir sind sehr besorgt, denn wir wissen, dass Selbstmord bei Jugendlichen eine ansteckende Wirkung hat», sagte Anne Edan.

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Die Psychiatrische Universitätsklinik Zürich (PUK) hingegen verzeichnete keinen Anstieg im stationären Bereich. Aber seit Schulbeginn gebe es einen grossen Anstieg an Notfallkontakten, schrieb die PUK auf Anfrage. Für das gesamte Jahr rechnet die Klinik mit einer Zunahme von mehr als dreissig Prozent.

Fass ist übergelaufen

Während des teilweisen Lockdowns im Frühling blieben die Anstiege noch aus. Die Zahlen für ambulante Gesuche seien sogar eher zurückgegangen. Die Kinder hatten deutlich weniger Schuldruck, weniger Verpflichtungen, weniger Freizeitstress.

Und wahrscheinlich hätten auch weniger Menschen Hilfe aufgesucht, weil der Bevölkerung geraten wurde, wenn möglich zu Hause zu bleiben, sagte di Gallo. Aber:

«Die Probleme wurden nicht aufgehoben, sondern aufgeschoben.»

Nun sei das Fass übergelaufen.

Besonders betroffen sind laut dem Psychiater Kinder aus Familien, die bereits vor Corona in einer schwierigen Situation oder sozial benachteiligt waren. Ein Grund hierfür seien die Schulschliessungen gewesen: «Nach den Sommerferien merkten die schwächeren Kinder, dass sie abgehängt worden waren.» Die Folge: Zunehmende Sorgen und Enttäuschungen, die sich in aggressivem Verhalten oder Rückzug aus dem sozialen Umfeld zeigen können.

«Die Infektionsfragen stehen im Mittelpunkt und wir vergessen ein wenig die psychologischen Folgen dieser Pandemie, die bei jungen Menschen schwerwiegender sein könnten als bei Erwachsenen», sagte Kerstin von Plessen.

Zusammenarbeit mit anderen Institutionen

Di Gallo und sein Team arbeiten an Strategien, um keine Patientinnen und Patienten trotz der Anstiege durchs Raster fallen zu lassen. «Wir wählen sehr sorgfältig aus, wer wirklich dringend Hilfe braucht», sagte er. Auch Gruppentherapien seien eine Möglichkeit, mehr Menschen auf einmal zu helfen.

Ebenfalls betont er, wie wichtig die Zusammenarbeit mit anderen Institutionen wie Jugend- und Kinderheimen sowie dem Schulpsychologischen Dienst sei. «So können wir versuchen, den meisten Kindern und Jugendlichen zu helfen, bevor sie zu uns in die Klinik kommen müssen», sagte er. So blieben die Plätze für diejenigen frei, die unbedingt eine engere Betreuung brauchen. (sda)

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