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Was ich wirklich denke

Ein klinischer Psychologe erklärt, weshalb sein Job so traurig ist

«In der Ausbildung heisst es immer: Urteile nie über die Leute. Doch sobald man mit einem Patienten in Kontakt kommt, passiert es automatisch: Ich werte.» bild:shutterstock

watson



Was ist «Was ich wirklich denke:»

Wir gestehen: Bei der Idee für «Was ich wirklich denke:» haben wir uns schamlos beim Guardian-Blog «What I'm really thinking» bedient. Wir mussten fast, denn die Idee dahinter passt wie die Faust aufs Auge auf unseren alten Claim «news unfucked». Es geht darum, Menschen, Experten, Betroffene anonym zu einem Thema zu Wort kommen zu lassen, ohne dass diese dabei Repressalien befürchten müssen. Roh und ungefiltert. Und wenn du dich selber als Betroffener zu einem Bestimmten Thema äussern willst, dann melde dich bitte unter wasichdenke@watson.ch.

Die Namen unserer Gesprächspartner sind frei erfunden.

Ich bewundere die Menschen, die zu mir kommen, um über ihre Probleme zu sprechen. Ich war selber bereits in Therapie und weiss, wie viel Überwindung es kostet, einem wildfremden Menschen sein Innerstes auszuschütten.

Der Fehler, den Laien machen, ist zu glauben, Psychologen würden nicht werten. Zu werten ist einfach nur menschlich. Ein guter Psychologe weiss aber damit umzugehen, weiss, dass ihn das beeinflussen kann und wie man die richtigen Massnahmen ergreift, damit die Behandlung davon nicht beeinflusst wird.

«Ich arbeite lieber mit Menschen, deren Probleme ich ansatzweise nachvollziehen kann.»

Alexander R.

Der schöne Teil meiner Arbeit ist der Kontakt mit den Menschen. Mehrheitlich habe ich es mit sehr interessanten Leuten zu tun, und es kommt nicht selten vor, dass ich gerne mit einem Patienten ein Bier trinken würde. Von manchen Patienten denke ich, wenn ich sie privat kennengelernt hätte, wären wir vielleicht gute Freunde geworden.

Aber leider ist das alles nicht möglich. Und das ist der traurige Teil meiner Arbeit: Ich habe es zwar mit interessanten Leuten zu tun, befreunden können wir uns aber nicht.

Dazu kommt: Verrichte ich gute Arbeit, sehe ich die Leute schon nach kurzer Zeit nicht mehr. Mein Ziel ist immer die grösstmögliche Unabhängigkeit für einen Patienten.

Ich verbringe also einen wesentlichen Teil meines Lebens damit, eine möglichst gute Beziehung mit jemandem aufzubauen, nur um diese so schnell wie möglich wieder abzubrechen. Die meisten Patienten werde ich nach der letzten Konsultation nie wieder sehen – und ich werde nie erfahren, was aus ihnen geworden ist.

«Ob ein Arbeitstag ein guter wird, hängt sehr stark von den Klienten ab ... Je nach Konstellation stelle ich mich entsprechend darauf ein. Das geht so weit, dass ich vor besonders schwierigen Nachmittagen nur ein leichtes Mittagessen zu mir nehme ...»

Alexander R.

In meiner Funktion als klinischer Psychologe sind Grenzen sehr wichtig. Sich mit einem Patienten zu befreunden, liegt einfach nicht drin. Trotzdem würde auch ich manchmal gerne etwas Persönliches mit einem Patienten teilen, gerade, wenn ich mit ihm mitfühlen kann. Aber auch hier gilt: Das wäre höchst unprofessionell. Da wären erneut die Grenzen überschritten.

Ob eine Behandlung erfolgreich wird, entscheidet nicht zuletzt die Beziehung zwischen mir und dem Patienten. Für unsere Beziehung ist sicher förderlich, wenn ich die Probleme des Patienten zu einem gewissen Grad nachvollziehen kann. Ich arbeite deshalb lieber mit Menschen, deren Probleme ich ansatzweise von mir selber kenne.

Andererseits kann es für mich frustrierend sein, zum Beispiel mit chronisch depressiven Erwachsenen zu abreiten. Ich selber neige nicht zu Depressionen – und habe im Gegenteil zu Betroffenen keine Mühe, am Morgen aufzustehen, um Dinge zu erledigen. Mir fehlt der persönliche Bezug zu dieser Krankheit komplett. Bei Angsterkrankungen ist das anders.

«Am anstrengendsten ist es, immer interessiert zu sein.»

Alexander R.

Selbstverständlich bemühe ich mich aber auch in solchen Fällen, mich genau gleich professionell zu verhalten – und manchmal fällt eine solche Behandlung sogar einfacher aus, weil ich mich strikter an die Theorie halte. Trotzdem arbeite ich lieber mit Leuten, deren Probleme ich nachvollziehen kann. Psychologen sind auch nur Menschen. Psychologen machen auch nur einen Job. Und manchmal ist dieser einfacher, schwieriger, langweiliger oder aufregender.

Ob ein Arbeitstag ein guter wird, hängt sehr stark von den Klienten ab. Ein Blick auf den Arbeitsplan reicht aus, und ich weiss, ob es ein langer Tag wird. Je nach Konstellation stelle ich mich entsprechend darauf ein. Das geht so weit, dass ich vor besonders schwierigen Nachmittagen nur ein leichtes Mittagessen zu mir nehme, weil mich sonst die Müdigkeit während den Sitzungen übermannt. Manche Nachmittage sind ohne einen grossen Topf Kaffee nicht zu überstehen.

Am anstrengendsten ist es, immer interessiert zu sein – und das sollte ich. Aber bei weitem nicht jedermann ist von Natur aus interessant. Auch Menschen mit psychischen Problemen nicht.

Diese Nachmittage sind jeweils auch ein grosser Test für mich selber. Manchmal erwische ich mich, wie ich gedanklich abschweife, an den nächsten Patienten denke oder an das vorangegangene Gespräch – oder gar an die anstehenden Ferien. Selbstredend mache ich dann keinen guten Job. Aber ich gebe mir alle Mühe, dass das nicht passiert.

Am langweiligsten ist mein Beruf, wenn man in das klassische Psychologen-Patienten-Muster verfällt. Wenn der Patient routiniert jede Woche pünktlich erscheint, gleichzeitig aber nicht die geringste Motivation zeigt, irgend etwas zu verändern. Manchmal muss man die Patienten fragen: Willst du überhaupt eine Veränderung? Und es kann vorkommen, dass sich der Patient dann bewusst wird, dass er eigentlich gar nicht so unzufrieden ist.

«Genau wie beim Fussball gibt es auch in der Psychologie Talent.»

Alexander R.

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Andererseits sind die Leute interessant, die sich wirklich verändern wollen. Wenn ich so einen Patienten kriege, dann passiert etwas in mir drin. Ich stelle mir vor, dass sich so ein Fussball-Trainer fühlen muss, wenn ihm ein sogenannter Rohdiamant zugeteilt wird. Das Potential ist offensichtlich, nun geht es darum, dieses zu fördern.

Genau wie beim Fussball gibt es auch in der Psychologie Talent. Kann jemand psychologisch denken oder nicht? Mit psychologisch talentierten Menschen zu arbeiten, mit solchen die wirklich Willens sind, an sich zu arbeiten und während den Sessionen alles geben, das ist das Grösste für mich.

Es gibt zwei Sorten von Psychologen: Die erste Gruppe besteht aus Leuten, die ihre Arbeit mögen, die während der Arbeit so professionell wie möglich sind, sich aber nicht nur durch ihren Beruf identifizieren.

«Schwanzvergleiche sind auch unter Psychologen sehr beliebt.»

Alexander R.

Die andere Gruppe identifiziert sich 24 Stunden am Tag bei jedem Gespräch, wann immer es geht, mit ihrem Beruf. Es sind die, die angeben, bereits im Alter von 12 Jahren gewusst zu haben, dass sie einmal Psychologen werden möchten. Wenn ich an einen Kongress gehe, versuche ich diese Gruppe zu vermeiden.

Mit diesen Leuten endest du stets in Situationen, in denen es nur noch darum geht, noch eine Studie mehr zu zitieren, noch mehr Buchkenntnisse zu beweisen. Schwanzvergleiche sind auch unter Psychologen sehr beliebt. Theoretisch sollten sich Psychologen solcher Spielchen bewusst sein, doch in der Praxis bin ich immer wieder überrascht, wie wenig wir sogenannten Experten uns selber reflektieren.

Wie gesagt. Wir sind auch nur Menschen.

Psychische Störungen im Film – 3

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