Ersthelfer schildert Details nach Bar-Brand: «Das Schlimmste war der Geruch»
Jean-Jacques Brugger ist pensionierter Chirurg. Er verbrachte den Jahreswechsel mit seiner Frau, einer Ärztin, in Crans-Montana. Es war 2.10 Uhr in der Neujahrsnacht, als sein Handy klingelte und ein Freund Brugger bat, zur Bar «Le Constellation» zu kommen. Bei dem Lokal, das nur 500 Meter entfernt war, sei es zu einem Unglück gekommen. Es brauche Ärzte.
So schildert Jean-Jacques Brugger den Moment, in dem er von der Katastrophe im Walliser Bergdorf erfahren hatte, gegenüber der Zeitung Le Temps. Brugger und seine Frau machten sich unverzüglich auf den Weg – dort angekommen, bot sich ihnen ein Bild des Schreckens:
Brugger rang mit den Tränen, wie er der Zeitung erzählt. Obwohl er lange Zeit als Chefchirurg im Spital Pourtalés in Neuenburg, wo er herkommt, gearbeitet hatte, überwältigte ihn die Szenerie.
Viele der Opfer hätten keine Kleidung getragen, diese sei verbrannt. Ein Kellner eines Nachbarlokals habe Handtücher gebracht, mit denen sich die Verletzten bedecken konnten. Als er näher gekommen sei, habe er gesehen, wie schwer die Brandverletzungen gewesen seien: Verbrannte Gesichter, Haare, Zähne, selbst in den Mündern sei es zu Verbrennungen gekommen.
Doch nach dem ersten Schock machte sich Brugger unverzüglich daran, sich an den Rettungsmassnahmen zu beteiligen. Er brachte Patienten mit der Trage zu den Helikoptern, die nach und nach ankamen. Mit einer Krankenschwester, die er unterwegs antraf, richtete er danach im leergeräumten Gebäude der Walliser Kantonalbank eine provisorische Station ein, um die Verletzten von der Strasse wegzubringen.
Trotz schwerster Verletzungen hätten die jungen Menschen nicht geschrien. Stattdessen seien sie teilweise bei vollem Bewusstsein gewesen, hätten sich unterhalten und gegenseitig gestützt. Er habe angefangen, die Opfer mit den schwersten Verletzungen zu behandeln, sie mit Flüssigkeit zu versorgen. Das ist bei Brandopfern essenziell, da die Haut durch die Verletzungen die Flüssigkeit im Körper nicht mehr regulieren kann.
Bluttransfusionen in den Unterarm waren laut Brugger bei den meisten Opfern nicht möglich – zu schwer waren die Brandwunden in dem Bereich. Stattdessen begann er, mit noch begrenzten Ressourcen von den Rega-Einheiten, Infusionen im Bereich des Knöchels zu legen.
Besonders nahe ging im der Fall einer jungen Frau, die er zusammen mit der Pflegerin behandelte. Es gelang nicht, eine Infusion zu legen, weder am Arm noch am Knöchel. Deshalb entschieden sie sich, eine transossäre Punktion durchzuführen. Dabei handelt es sich um eine spezielle chirurgische Methode, bei der kleine Kanäle direkt in den Knochen gebohrt werden.
Die Krankenschwester habe diesen Eingriff durchgeführt, er habe das selbst noch nie zuvor gemacht. Das werde für gewöhnlich nie gemacht, oder eben nur in absoluten Notfällen. Die Krankenschwester habe also ohne Betäubung direkt ein Loch in den Knochen der Verletzten gebohrt, damit ihr Flüssigkeit und Morphin direkt ins Knochenmark verabreicht werden konnten. Die Verletzte habe geschrien.
Brugger war während mehr als drei Stunden im Dauereinsatz. Gegen 5.30 Uhr kehrte er in seine Wohnung zurück. Als Held sehe er sich nicht. Das seien viel eher die Angestellten der benachbarten Bar 1900 und die Feuerwehrleute, die ihr Leben riskierten, um die Opfer aus der brennenden Bar zu holen.
Insbesondere der Fall der letzten Patientin liess den pensionierten Chirurgen nicht mehr los. Er habe lange nicht gewusst, ob sie überlebt hat. Vor kurzem erfuhr er: Sie hat überlebt und wird in der Schweiz behandelt. Er würde sich, falls es gewünscht werde, freuen, sie zu treffen, so Brugger gegenüber «Le Temps». (con)
