Kaution viel zu tief? Morettis verdienten 2024 doppelt so viel wie behauptet
Gross war die Empörung im In- und Ausland als Jacques Moretti vor etwas mehr als einer Woche gegen die Hinterlegung einer Kaution von 200'000 Franken aus der Untersuchungshaft entlassen wurde. Zwar gab es auch Stimmen, die das Vorgehen der Walliser Justiz verteidigten und es als rechtlich korrekt bezeichneten – doch ein gewisses Unbehagen blieb hängen. Opferanwälte befürchten unter anderem, dass sich die Morettis trotz Kaution ins Ausland absetzen könnten.
Nun zeigen die Steuererklärungen der Morettis der vergangenen Jahre, die der «SonntagsZeitung» vorliegen, dass Skepsis durchaus angebracht ist – bezüglich der Höhe der Kaution, aber nicht nur. Denn die Morettis verdienten 2024 weit mehr, als Jacques Moretti vor der Staatsanwaltschaft bei der Einvernahme angegeben hatte.
Laut Moretti verdienten er und seine Frau mit den zwei Firmen für das Restaurant Le Senso und die Bar Le Constellation jeweils etwa 5000 Franken monatlich, also 10'000 Franken insgesamt. Doch das in der Steuererklärung 2024 ausgewiesene Einkommen betrug 252'907 Franken – das ist monatlich mehr als doppelt so viel, wie von Moretti behauptet.
Fragezeichen gibt es auch beim Vermögen der Morettis. Der Staatsanwalt sagte der Korse, dass ein Grossteil der Immobilien durch Hypotheken finanziert sind. Sie selbst besässen deshalb nur einen Bruchteil des Millionenwerts der verschiedenen Immobilien als Eigenvermögen.
In der Steuererklärung 2024 zeigt sich ein anderes Verhältnis zwischen Vermögen und Schulden. Dort beträgt der Wert des privaten Hauses 820'000 Franken, der Wert der Firmen 2'888'563 Franken und die Verschuldung 2'261'652 Franken: Macht unter dem Strich ein Eigenvermögen von 1,46 Mio. Franken.
Dazu kommt: eine Wohnung in Cannes und ein Appartement in Paris, das die Morettis ebenso besitzen, wurde über Jahre nicht oder massiv unterbewertet in den Schweizer Steuererklärungen deklariert. Der «SonntagsZeitung» liegen die Dokumente seit 2020 vor.
Nun ist es so, dass die Angaben in der Steuererklärung 2023 deutlich anders aussehen. Dort wurden sowohl der Wert der Firmen als auch jener des Privathauses nur als etwa halb so hoch ausgewiesen wie 2024. Beides wurde später von der Steuerbehörde bei der definitiven Veranlagung deutlich nach oben korrigiert – ohne das dies rechtliche Folgen für die Morettis gehabt hätte.
Auch der Lohn der Morettis wurde 2023 mit nur 131'000 Franken deklariert. Es gibt also mehrere offene Fragen: Hat sich Jacques Moretti bei seinen Aussagen auf die viel zu tiefe Deklaration in der Steuererklärung 2023 bezogen? Dann würden seine Angaben zwar etwa stimmen. Doch die Steuererklärung 2024 war zum Zeitpunkt seiner Einvernahme bereits eingereicht und die Angaben für 2023 wurden durch die Steuerbehörde ebenfalls bereits korrigiert.
Es ist schwer vorstellbar, dass Moretti diese beiden Umstände zum Zeitpunkt der Einvernahme nicht bekannt waren. Falschangaben wären bei jemandem, der auf Kaution frei ist, ein Grund, wieder festgenommen zu werden.
Laut dem Opferanwalt Sebastien Fanti stellt sich zudem die Frage, ob sich womöglich auch das Walliser Zwangsmassnahmengericht bei der Festlegung der Kaution auf 200'000 Franken auf die mangelhafte erste Steuererklärung von 2023 gestützt hatte. Falls dem so ist, wäre diese vermutlich zu tief. Anfragen der «SonntagsZeitung» bei der Walliser Staatanwaltschaft und beim Anwalt der Morettis wurden von beiden nicht beantwortet. (con)
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