Jositsch verteidigt Moretti-Freilassung aus U-Haft – und weist Meloni-Vorwürfe zurück
Jositsch gab seine Einschätzung auf Anfrage des Tagesanzeigers ab. Der Zürcher SP-Ständerat und Strafrechtsprofessor hält die Freilassung von Jacques Moretti, der vergangene Woche unter strengen Auflagen aus der Untersuchungshaft kam, für plausibel. Aufgrund der ihm bekannten Informationen gebe es keinen Grund, Moretti weiter festzuhalten, so der Politiker.
Er habe sich bereits gewundert, dass überhaupt Untersuchungshaft angeordnet worden sei, so Jositsch. Diese sei in der Regel nur bei schweren Delikten anzuordnen – trotz der verheerenden Folgen der Brandkatastrophe von Crans-Montana sei die fahrlässige Tötung, der die Morettis verdächtigt werden, auf juristischer Ebene kein solches.
Dass gegen die Morettis wegen vorsätzlicher Tötung ermittelt werden könnte, und die Anordnung von Untersuchungshaft damit gerechtfertigt wäre, hält der SP-Politiker für «Unsinn». Dazu müsste der Verdacht im Raum stehen, dass die Barinhaber eine solche Katastrophe in vollem Bewusstsein in Kauf genommen hätten. Das sei kaum vorstellbar.
Der Umgang mit Jacques Moretti und seiner Frau Jessica sorgt in der Schweiz, aber auch im nahen Ausland für Aufregung und Empörung. So schwappt insbesondere aus Italien, das ebenfalls sechs junge Todesopfer zu beklagen hat, scharfe Kritik am Walliser Justizapparat über die Grenze.
Jüngst hat sich auch Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni dezidiert geäussert. Die italienische Regierung sei «zutiefst empört», wie die Schweizer Justiz im Fall des Unglücks vorgehe. Meloni forderte als Reaktion auf die Entlassung von Jacques Moretti «respektvolle Massnahmen». Sie sah sich gar genötigt, der italienischen Botschafter in der Schweiz für eine Konsultation zum Fall Crans-Montana nach Rom zu berufen.
Daniel Jositsch bezeichnet die Aussagen Melonis als «sehr populistisch». Er halte es für richtig, dass «die Schweizer Strafbehörden Leute nicht einfach auf öffentlichen Druck ins Gefängnis stecken, sondern den Fall in einem rechtsstaatlichen Verfahren prüfen». Auch der Bundesrat hatte zuvor auf die strikte Trennung zwischen Justiz und Politik hingewiesen, gleichzeitig aber Verständnis für die Entrüstung geäussert.
Dass die Walliser Behörden eben gerade auf öffentlichen Druck reagieren würden, wurde diesen bereits kurz nach der Tragödie vorgeworfen. Nachdem die Morettis zunächst auf freiem Fuss blieben, ordnete die Walliser Justiz mehr als eine Woche später Untersuchungshaft an – ohne, dass sich die Ausgangslage massgeblich geändert hätte.
Kritik gibt es an den Behörden auch aufgrund mehrerer Versäumnisse und Fahrlässigkeiten bei den Ermittlungen. So kritisierten Opferanwälte beispielsweise scharf, dass die Handys der Morettis zunächst nicht eingezogen worden waren – dadurch hätten diese die Möglichkeit gehabt, potenziell belastendes Material verschwinden zu lassen. Ebenfalls für Kritik sorgten vergangene Woche bekannt gewordene Interessenkonflikte auf Gemeindeebene unmittelbar nach dem Unglück. Mehr Informationen dazu gibt es hier:
(con)
- Eltern von Constellation-Kellnerin: «Sie hat den ultimativen Preis gezahlt»
- Diese Rolle spielt die Personen-Freizügigkeit beim Drama von Crans-Montana
- 15-Jährige erwacht nach Feuerkatastrophe in Crans-Montana aus dem Koma
- Ungleichbehandlung der Morettis, Frauen spenden Haare: Das gibt es Neues zu Crans-Montana
- Für Crans-Montana wird kein Sonderermittler eingesetzt
- Moretti an Anhörung: «Ich trage keine Schuld, es ist nicht meine Verantwortung»
- Befragung von Jessica Moretti dauerte 11 Stunden – weitere Termine geplant
