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Credit Suisse entlässt Pierre-Olivier Bouée fristlos. (Archivbild)

Bei der Credit Suisse überschlugen sich in den letzte Monaten die Ereignisse. Bild: KEYSTONE

Wie es zu Thiams Abgang kam – die CS-Affäre in 7 Akten

Die Ereignisse der CS-Affäre überschlagen sich seit über einem Jahr. Nun gipfeln die Vorfälle mit dem Rücktritt Thiams. Zeit für einen geordneten Rückblick.



Es hat gerumpelt bei der Credit Suisse: CEO Tidjane Thiam tritt ab, Schweiz-Chef Thomas Gottstein übernimmt. Verwaltungsratspräsident Urs Rohner scheint sich durchgesetzt zu haben. Wie sicher er aber im Sattel sitzt, ist unklar.

Dies sind die neusten Ereignisse im CS-Drama, welches seit diesem Herbst seinen Lauf nimmt. Wo alles begann und wer seinen Hut ziehen musste – die Affäre in 7 Akten.

Der Ziehsohn

Der Leiter der Internationalen Vermögensverwaltung der Credit Suisse, Iqbal Khan, tritt per sofort ab.

Iqbal Khan startete seine Karriere als Partner bei EY und wechselte 2013 in die Vermögensverwaltung der CS. bild: keystone

2013 stiess Iqbal Khan als Finanzchef der Vermögensverwaltung zur Credit Suisse. Es war ein steiler Karriereaufstieg, denn bis dahin hatte er noch nie in einer Bank gearbeitet. Zwei Jahre später wird Tidjane Thiam CS-Chef, erkennt Khans Potenzial und befördert ihn zum Chef der internationalen Vermögensverwaltung. Schnell mausert er sich in dieser Position zum Top-Nachfolger-Kandidaten von Thiam. Er gilt in der Branche als «Banken-Wunderkind» und «Kronprinz».

Der Erfolg von Iqbal Khan verfolgt der CS-Chef zunehmend mit Skepsis. «Ich habe Iqbal erfunden», soll er immer wieder über seinen Ziehsohn gesagt haben und deutete so seine Bedrohungsängste an.

Update

Dieser Artikel wurde im Dezember 2019 zum ersten Mal publiziert. Aus aktuellem Anlass haben wir ihn ergänzt.

Der Villen-Streit

Doch das Verhältnis zwischen Khan und Thiam soll weiterhin freundschaftlich gut sein, könnte man meinen, denn im Dezember 2018 bezieht Iqbal Khan mit seiner Familie die neuerbaute Villa in Herrliberg, direkt neben dem Anwesen seines Chefs – nur eine Hecke trennt die beiden voneinander. Zwei Jahre hat der Bau der Villa von Khan gedauert, es soll sogar am Wochenende gewerkt worden sein. Für Thiam war das eine nervenaufreibende Zeit, der Baulärm wurde ihm zu viel. So viel, dass er sich beim CS-Präsidenten Urs Rohner beschwert haben soll. Dieser versuchte, ihn zu beschwichtigen und zwischen beiden Parteien zu vermitteln.

Bild

Links die Villa von Iqbal Khan und rechts jene von Tidjane Thiam. bild: watson/google maps

Im Januar 2019 wollen die Banker den Zoff bei einem Dinner vergessen. Ein Informant schildert es dem «Tagesanzeiger» folgendermassen: Thiam lädt CS-Kaderleute zu sich in die Villa ein. Bei einem vermeintlich geselligen Abend soll es aber nicht bleiben. Die Runde trinkt – inklusive Gastgeber – ziemlich viel Alkohol. Plötzlich wird es zwischen Khan und Thiam laut. Abseits der Gäste, nur mit ihren Frauen an der Seite, streiten sie sich. Der CS-Chef wirft Khan angeblich vor, dass er seine Freundin beleidigt habe. «Inside Paradeplatz» schrieb gar: «Thiam drohte Khan mit physischer Gewalt.» Khan habe später angegeben, sich an Leib und Leben bedroht gefühlt zu haben. Bevor es handgreiflich wurde, konnte Khans Ehefrau die beiden trennen, so berichtet es der Informant dem «Tagesanzeiger».

Die Beschattung

Khan meldete das Geschehen dem Verwaltungsrat. Der Verwaltungsratspräsident Rohner versuchte zu schlichten und die Situation unter Kontrolle zu behalten. Doch Versöhnung gibt es keine, die Beziehung zwischen Thiam und Khan bleibt weiter angespannt. Im Arbeitsalltag fallen abfällige Bemerkungen, auf E-Mails wurde verspätet geantwortet. Anfang Juli dann die Nachricht: Iqbal Khan tritt per sofort ab.

Bereits im September heisst es: Khan wechselt zur UBS – in die gleiche Position. Wie konnte er innerhalb so kurzer Zeit von der CS zur Konkurrenz wechseln? Rohner versuchte wohl die Affäre nicht weiter eskalieren zu lassen. Khan musste sich jedoch verpflichten, während drei Monaten keine seiner früheren CS-Kollegen abzuwerben.

Etwas, das Khan anscheinend trotz Vereinbarung nicht unversucht lassen wollte. Er soll Führungskräfte der CS angesprochen haben mit dem Ziel, sie zur UBS zu locken. Man hätte sogar klare Hinweise auf handfeste Abwerbeversuche gehabt, wie die «Frankfurter Allgemeine» im September schreibt. Das hat der CS offenbar gereicht, um die Schnüffel-Aktionen zu starten. Man wollte Khan wohl beim Treffen mit CS-Kundenberatern ertappen.

Also engagierte die Credit Suisse ein Detektivbüro, das Khan auf Schritt und Tritt folgen soll. In der Zürcher Innenstadt bemerkte Iqbal Kahn, dass ihn stets dasselbe Auto verfolgte. Er stoppte das Überwachungsauto und fotografierte die Detektive. Diese versuchten nach Khans Angaben, ihm das Handy zu entwenden, wobei es zum Gerangel kam. Die Detektive fuhren daraufhin weg, Khan rief die Polizei und reichte Strafanzeige wegen Nötigung ein.

Ein paar Wochen später nahm die Beschattungsaffäre eine traurige Wende: Der Mittelsmann, welcher das Bindeglied zwischen dem CS-Sicherheitsdienst und der Detektiv-Kanzlei war, nahm sich das Leben. Der Sicherheitsexperte mit einer Einmannfirma sah laut «Inside Paradeplatz» seine berufliche Existenz gefährdet und fürchtete, er würde von der CS als «Mitschuldigen und Versager» dargestellt werden.

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Die Unschuld

Der Druck auf die Strickzieher bei der Credit Suisse war nach der Bekanntmachung der Beschattung von Iqbal Khan gross. Alle stellen sich die Frage: Wusste Thiam Bescheid? «Nein», sagt er und auch die Untersuchung der Anwaltskanzlei Homburger, die im Auftrag der Credit Suisse ermittelte, kommt zum Schluss, dass Thiam nichts wusste. Seine rechte Hand und Chief Operating Officer (COO) Pierre-Olivier Bouée soll die Überwachung im Alleingang in Auftrag gegeben haben. Weder Thiam noch die übrige Konzertleitung oder der Verwaltungsrat sollen etwas davon gewusst haben. Also musste Bouée Anfang Oktober gehen. Gleiches gilt für den Leiter der globalen Sicherheitsdienste, der von Bouée mit der Überwachung beauftragt worden war.

Tidjane Thiam, CEO of Swiss bank Credit Suisse, smiles prior to the press conference of the full-year results of 2017 in Zurich, Switzerland, Wednesday, Feb. 14, 2018. (Ennio Leanza/Keystone via AP)

Obwohl sein langjähriger Wegbegleiter und COO Pierre-Olivier Bouée die Überwachung Khans in Auftrag gab, soll Tidjane Thiam nichts davon gewusst haben. Bild: AP/Keystone

Der Verwaltungsrat distanzierte sich von der Aktion. Man unterstütze zwar «geeignete Massnahmen zum Schutz der Interessen des Unternehmens, auch in Fällen, in denen leitende Angestellte das Unternehmen verlassen». Der Auftrag zur Überwachung von Iqbal Khan sei jedoch «falsch und unverhältnismässig» gewesen und habe «zu einem schwerwiegenden Reputationsschaden für die Bank» geführt.

Die Credit Suisse soll künftig nicht unbeobachtet bleiben. Die Finanzmarktaufsicht Finma hat letzten Freitag angekündigt, man habe einen unabhängigen Prüfbeauftragten bei der Grossbank eingesetzt. Untersucht würden aufsichtsrechtlich relevante Fragen zu den Grundsätzen der Corporate Governance. Dazu teilte die Credit Suisse mit, man werde weiterhin eng mit der Finma und neu auch mit dem durch diese eingesetzten unabhängigen Prüfbeauftragten zusammenarbeiten.

Die zweite Beschattung

epa07884358 Urs Rohner, chairman of Credit Suisse looks on during a press conference on the Observation of Iqbal Khan, in Zurich, Switzerland, 01 October 2019.  EPA/ENNIO LEANZA

Die Credit Suisse bestätigt: Es gab einen zweiten Beschattungsfall. Bild: EPA

Nachdem die NZZ vermeldete, dass es einen zweiten Beschattungsfall eines CS-Kadermitglieds gegeben haben soll, untersuchte die Credit Suisse den Fall. Daraufhin bestätigte die CS: Auch der damalige oberste Personalchef Peter Goerke ist im im Auftrag der Bank im Februar 2019 beschattet worden. Dem dafür verantwortlichen COO Pierre-Olivier Bouée wurde daraufhin fristlos gekündigt.

Warum wurde dies nicht bereits bei der ersten internen Untersuchung durch die Anwälte und Wirtschaftsprüfer von Homburger herausgefunden? Sie sollen von den CS-Mitarbeitern «brandschwarz» angelogen worden sein. Nur ein Whistleblower, der mit dieser Information zur «NZZ» ging, enthüllte die zweite Beschattung.

Das «Wall Street Journal» berichtete zudem, eine ehemalige Managerin habe gegenüber US- und Schweizer Behörden erklärt, dass sie 2017 während einer Auseinandersetzung mit der Bank überwacht worden sei. Die Credit Suisse sagte, dass sie den erneuten Beschattungsfall untersuchen werde. «Wir werden die in den Medien dargestellten neuen Erkenntnisse mit internen und externen Abklärungen überprüfen», so ein Banksprecher.

Die dritte Beschattung

Nicht nur intern wurden Leute beschattet, auch extern liess es sich die CS anscheinend nicht nehmen, Leute, oder in diesem Fall eine Organisation, auszuspionieren. Die Rede ist von Greenpeace. Seit Jahren hat es die Umweltorganisation auf die Grossbank abgesehen. Sie kritisiert, dass die Credit Suisse fossile Industrien finanziert und sorgte mit einigen spektakulären Protesten, wie dem Abseilen vom Dach während Thiams Rede bei der Generalversammlung, für Aufsehen.

Zu viel Aufsehen, wie die CS laut der «Sonntagszeitung» fand. Die Bank schaffte gemäss der Zeitung, auf einen internen Mailverteiler der Umweltschutzorganisation zu kommen. So waren sie stets im Voraus über geplante Aktionen informiert. Um diese zu verhindern, installierte die CS dem Bericht zufolge jeweils Baustellen vor den betroffenen Filialen. So konnten die Aktivisten nicht zu den Gebäuden kommen.

CEO Thiam nimmt den Hut

Heute nun der Paukenschlag: Nach monatelangen Spekulationen und Aufforderungen zum Rücktritt in verschiedenen Medien kommt es zum Machtwechsel bei der zweitgrössten Schweizer Bank: CEO Tidjane Thiam tritt am 14. Februar zurück. Vorher soll er noch am Donnerstag wie geplant das Jahresergebnis 2019 präsentieren. In seine Fussstapfen tritt Thomas Gottstein, der derzeitige CS-Schweiz-Chef.

Der Verwaltungsrat sprach derweil Präsident Urs Rohner das Vertrauen aus. Vizepräsident und «Lead Independent Director», Severin Schwan, sagte: Rohner habe das Gremium «während dieser turbulenten Zeit in anerkennenswerter Weise geführt». Alle Schritte des Verwaltungsrates seien einstimmig erfolgt und nach sorgfältigen Beratungen. Man spreche dem Verwaltungsratspräsidenten das volle Vertrauen aus und erwarte, dass dieser sein Amt bis April 2021 ausüben werde.

Das ist insofern brisant, als dass auch Rohner in den vergangenen Monaten stark unter Beschuss gekommen war. Erst am (gestrigen) Donnerstag forderte erneut der Westschweizer Stimmrechtsberater Ethos seinen Rücktritt. Verschiedene Grossaktionäre hatten sich zudem für Thiam ausgesprochen. Sollte Rohner Thiam nicht weiterhin unterstützen können, solle er darüber nachdenken, seinen Posten vorzeitig zu verlassen, hiess es etwa in einem Statement des britischen Grossaktionärs Silchester International Investors vom Mittwoch.

Auch der Vertreter des grössten CS-Aktionärs, David Herro vom US-Fondsmanager Harris Associate, drohte Rohner mit der Abwahl, falls es an der operativen Spitze der Grossbank zum Führungswechsel kommen sollte, wie das Onlinewirtschaftsportal «The Market» schrieb.

Rohner ist seit 2009 Verwaltungsratsmitglied der Grossbank und seit 2011 deren Präsident. Eigentlich müsste er spätestens zur Generalversammlung 2021 abtreten, da er dann die maximale Amtszeit von zwölf Jahren im Gremium erreicht hat.

(dfr/jah/sda/CH Media)

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