Wer mit psychisch kranken Eltern aufwächst, trägt lebenslange Folgen
Über 27 Prozent aller volljährigen Personen in der Schweiz geben an, mit psychisch kranken Angehörigen aufgewachsen zu sein. Das sind rund 1,9 Millionen Menschen, wie eine neue repräsentative Studie von Stand by You in Zusammenarbeit mit dem Forschungsinstitut Sotomo zeigt.
Gerade junge Angehörige, die in einem alleinerziehenden Haushalt aufgewachsen sind, berichten mit 57 Prozent viel häufiger von psychischer Erkrankung in der Familie als Personen, die mit zwei oder mehr Erwachsenen im Haushalt aufgewachsen sind. Als Grund dafür nennt die Studie den oft höheren wirtschaftlichen, organisatorischen und emotionalen Druck, unter dem Alleinerziehende stehen.
Zu wenig Unterstützung
65 Prozent der Angehörigen, die mit psychisch kranken Familienmitgliedern aufgewachsen sind, geben an, in ihrer Kindheit und ihren Jugendjahren nicht die gewünschte Unterstützung erfahren zu haben. Bei Personen, die ohne psychisch belastete Angehörige aufgewachsen sind, trifft dies dagegen nur bei 31 Prozent zu.
Besonders prekär ist die Situation, wenn die Mutter psychisch erkrankt war. Über 85 Prozent der Befragten geben an, zu wenig Unterstützung bekommen zu haben. Ist der Vater betroffen, fällt die Quote auf 66 Prozent, bleibt aber hoch. Auch über die Hälfte der «Schattenkinder», also jene, deren Geschwister eine psychische Krankheit hatten, geben an, nicht genügend unterstützt worden zu sein.
Fast die Hälfte, 46 Prozent, der ehemaligen Betroffenen geben an, während ihrer Kindheit eine Vertrauensperson vermisst zu haben.
Ehemalige junge Angehörige berichten von höherer emotionaler Belastung während ihrer Kindheit und Jugend als der Rest der Bevölkerung. Ausserdem übernehmen sie öfter Aufgaben, welche die Familie entlasten sollten, wie Haushaltspflichten, die emotionale Unterstützung von Angehörigen oder auch die Aufrechterhaltung der Fassade einer glücklichen Familie.
Während die psychische Erkrankung der Mutter Kinder und Jugendliche stärker belastet, ist gleichzeitig auch eine höhere Übernahme von nicht altersgerechten Aufgaben durch weibliche Angehörige zu beobachten.
Schwierigere Situation
Diese Rollen, welche junge Angehörige oft sehr früh in ihrem Leben übernehmen, belasten offenkundig stark. 55 Prozent der Betroffenen geben an, dass ihre Kindheit und Jugend schwierig war. In Familien ohne psychische Erkrankung sind es noch 24 Prozent.
Wiederum ist die Belastung von Kindern und Jugendlichen bei psychischer Erkrankung der Eltern enorm. Bei Erkrankung der Mutter geben rund drei Viertel oder 74 Prozent an, eine sehr oder eher schwierige Kindheit hinter sich zu haben. Im Falle des Vaters tun dies knapp 61 Prozent.
Naheliegend führt dies zu Problemen in vielen Bereichen eines Kindeslebens. Spezifisch im Familienleben, dem Pflegen von Freundschaften und dem Ausführen eines Hobbys sind die Diskrepanzen zwischen Familien mit oder ohne psychische Erkrankung massiv.
Auch bei konkreten familiären Schwierigkeiten sind die Unterschiede gross, während gewisse Herausforderungen für Kinder und Jugendliche ohne psychische Krankheit in der Familie beinahe nie ein Problem sind. Beispielsweise konnten sie sich fast immer auf ihre Eltern verlassen, während dies bei jungen Angehörigen von psychisch kranken Eltern bei 33 Prozent nicht der Fall war. Knapp die Hälfte der ehemaligen jungen Angehörigen erinnert sich an ein Gefühl von Unsicherheit, wie sich die Situation in der Familie weiterentwickeln würde.
Umgang mit einer schwierigen Situation
Die Studie untersucht auch die Frage, wie Kinder und Jugendliche mit dieser schwierigen Situation umgehen. Der grösste Teil, 59 Prozent, gibt an, Rückzug gesucht zu haben. Wiederum die Hälfte der Befragten berichtet, mit der Situation durch die Übernahme von Verantwortung umgegangen zu sein.
Spannend ist dabei auch, dass nur gerade drei Prozent der von psychischer Krankheit in der Familie Betroffenen angeben, nichts davon unternommen zu haben. Beinahe alle jungen Angehörigen haben in einer Form eine «Coping-Strategie» gefunden – ob nun eine bewusste oder unbewusste, der Grossteil versuchte irgendwie mit der belastenden Situation umzugehen.
Zentraler Faktor – offene Gespräche
Ein weiterer zentraler Faktor im Umgang mit der herausfordernden Situation von psychischer Erkrankung im Umfeld ist die offene Kommunikation. Rückblickend beurteilt die Schweizer Bevölkerung ihre Kindheit mit 86 Prozent häufiger als einfacher, wenn sie offen in der Familie sprechen konnte.
In den Familien, in denen nicht offen über die Gefühle der Betroffenen gesprochen wurde, geben lediglich 39 Prozent an, eine einfache oder eher einfache Kindheit erlebt zu haben.
Langfristige Folgen
Die offene Kommunikation kann die Belastung in der Kindheit und Jugend der Angehörigen reduzieren und hilft auch langfristig dabei, die Folgen der Belastung durch psychische Erkrankung in der Familie abzufedern.
Doch spüren ehemalige junge Angehörige im Erwachsenenalter mehr Herausforderungen als die übrige Bevölkerung. 47 Prozent geben an, dass es ihnen schwerfällt, um Hilfe zu bitten – 15 Prozent mehr als in der übrigen Bevölkerung. Viele versuchen selbst dann stark zu sein, wenn sie längst überfordert sind, und stehen häufiger unter Stress. Ausserdem fällt es 40 Prozent der ehemaligen jungen Angehörigen schwer, die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen und zu kommunizieren.
Doch bringen ehemalige junge Angehörige nicht nur grössere Belastungen, sondern auch besondere Stärken mit sich. Viele von ihnen haben einen ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit entwickelt und reflektieren ihr Leben und ihre Erwartungen häufiger.
Ausserdem orientieren sich Menschen, die mit Angehörigen mit psychischer Krankheit aufgewachsen sind, häufiger an den Aufgaben, die ihnen Sinn geben, als der Rest der Bevölkerung und suchen in ihren Beziehungen öfter nach tieferer Verbundenheit. (can)
