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Heute ist Weltschlaftag – darum: eine Ode ans Ausschlafen

Die meisten Langschläfer sind eigentlich nur Spätschläfer.
Die meisten Langschläfer sind eigentlich nur Spätschläfer.Bild: pexels / Vlada Karpovich
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Heute ist Weltschlaftag – darum: Eine Ode ans Ausschlafen

Zum heutigen Weltschlaftag feiern wir den Teil der Bevölkerung, der oft als verlottert verschrien ist: Langschläferinnen und Langschläfer. Ohne sie wäre die Welt ein schlechterer Ort.
13.03.2026, 12:4713.03.2026, 12:47
Julia Dombrowsky / watson.de

Ich war immer eine gute Schülerin, ein leistungsfähiger Teil der Gesellschaft, eher angepasst. Doch ich habe eine Eigenschaft, die mir, seit ich denken kann, gesellschaftlich vorgeworfen wird, weil sie mich offenbar als absolut asoziale «Lotteliese» outet – ich schlafe gerne aus.

Ausschlafen bis in den Mittag: für viele eine persönliche Beleidigung

Und wenn ich «Ausschlafen» sage, meine ich bis mindestens 12 Uhr. Am besten mit einer weiteren Aufrappel-Stunde im Bett. Ich kenne Menschen, denen schon bei der Vorstellung die Ader auf dem Stirnbein pocht. 12 Uhr! Da ist der Tag ja schon halb vorbei! Da kann man ja gar nichts mehr unternehmen.

«Vom Essen werde ich müde und vom Schlafen werde ich hungrig.»
Garfield

Spätaufsteherinnen und Spätaufsteher schlägt oft Spott entgegen («Aach, auch schon wach?!»). Sie gelten als unmotiviert und disziplinlos. Ganz im Gegensatz zu den Frühaufsteherinnen und Frühaufsteher, den Lerchen des Lebens. Diese fleissigen, flattrigen «Overperformer» haben mit ihrer Nervosität den Tagesablauf in westlichen Gesellschaften an sich gerissen. Was Nachteulen regelmässig auf die Füsse fällt.

@freshprinceofberlin Reiß dich zusammen und schlaf aus #fyp ♬ Originalton - Leo

Arbeitstage beginnen in der Schweiz im Schnitt um 7.30 Uhr. Richtig so, kräht das frühe Vögelchen. Und wir gutmütigen Eulen fügen uns, schlurfen wie erschlagen ins Büro – noch mitten in unserer Tiefschlafphase. (Anm. der Red.: Auch dieser Text wurde vormittags verfasst.) Wir ziehen müde mit, aber hey, nehmt doch wenigstens am Wochenende bitte mal Rücksicht auf unseren Rhythmus!

Ich sage das so deutlich, denn jeder Spätaufsteherin und jeder Spätaufsteher hat sich schon folgende Verhaltensweisen an einem freien Tag über sich ergehen lassen müssen: Mit dem Staubsauger gegen die Tür knallen, mit dem Geschirr scheppern, angestarrt oder angelabert werden, bis man die Augen öffnet.

Das ist passiv-aggressiv, rücksichtslos und kindisch. Man stelle sich vor, wir würden uns um zwei Uhr nachts – also wenn wir hellwach sind – regelmässig ebenso verhalten. Mitten in der – von Lerchen sogar gesetzlich verankerten – Nachtruhe.

«Mensch, was du alles schon erledigt haben könntest, wenn du bereits um sechs Uhr aufstehen würdest», wehklagen Verwandte und Freundinnen, die mich über die korrekte Nutzung meiner Lebenszeit belehren wie die «Grauen Herren» in Momo. Dabei habe ich gar kein Bedürfnis, möglichst früh Dinge abzuarbeiten. Ob Joggen, Porridge anrühren oder Affirmationen aufsagen – NICHTS davon macht mich glücklicher als Ausschlafen.

Ausschlafen erfordert einen gewissen Optimismus. Die selbstbewusste Haltung, dass es völlig okay, Dinge zu verpassen. Wenn Körper und Geist dann erholt sind, bin ich extrem fröhlich, kreativ und geduldig. Davon profitieren dann auch frühaufstehende Mitmenschen. Win-Win.

Schluss mit dem Frühaufsteher-Kult: Ich will keine Würmer fangen

Ich hatte als Schülerin einen Sticker auf meinem Schreibtisch: «Vom Essen werde ich müde und vom Schlafen werde ich hungrig.» Ein Garfield'scher Aphorismus.

Ihm entgegen stehen Erhobene-Zeigefinger-Sprüchlein wie: «Morgenstund hat Gold im Mund» oder «Der frühe Vogel fängt den Wurm». Biedere Versuche, uns einzureden, dass es notwendig und jedermanns Ziel sei, auf der Überholspur durchs Leben zu brettern.

«Was, wenn ich mich gar nicht optimieren, sondern nur regenerieren will?»

Ich halte das auf Basis meiner persönlichen Erfahrungen für einen Mythos. Immerhin ist meine Oma im Dezember 98 Jahre alt geworden, die immer bis zum «heiligen Mittag» geschlafen und dazu nachmittags noch ein Nickerchen eingelegt hat. Für meinen Vater war Ausschlafen sogar ausschlaggebende Motivation zur eigenen Firmengründung («Ich hatte keine Lust, mein Leben lang um 7 Uhr aufzustehen»).

Auch ich habe am effektivsten gearbeitet, während ich eine Zeitungsseite von 14 bis 23 Uhr betreute. Mein Wecker klingelte um 12 Uhr und ich sprühte vor Kreativität im Job. Mein Studium habe ich mit Nachtjobs finanziert, alle guten Arbeiten nach Mitternacht verfasst.

Doch obwohl inzwischen bekannt ist, dass die Hälfte der Bevölkerung abends leistungsfähiger und besser drauf ist als am frühen Morgen, hält sich das Klischee, dass spätes Aufstehen behäbig mache.

Kein Zufall also, dass Diktatoren wie Benito Mussolini und Napoleon sich zu Frühaufstehern stilisierten, wie es heute Influencerinnen und Influencer im «4am-Club» tun. Wer um vier Uhr aufsteht, hat bereits einen Vorsprung, so ihr Tenor.

@lynn_lovelife Part 1 | 🌅 4am asmr productive morning routine in San Francisco 4:43AM work. 8:08AM breakfast. 8:56AM getting ready. #asmr #morningroutine #vlog #dayinmylife #4amclub ♬ Art of Now (Nature Sounds) - Dennis Korn

Aber was, wenn ich das Leben gar nicht als Wettbewerb empfinde? Wenn ich mich gar nicht optimieren, sondern nur regenerieren will?

Influencer und italienische Faschisten sind keine gute Werbung für frühes Aufstehen. Wer hingegen für seine Langschläferei bekannt war? Albert Einstein. Ein Mann, der nicht nur mit Intelligenz glänzte, sondern auch mit Gelassenheit, Humanismus und Humor.

Laut Studien sind Langschläfer oft kreativer und haben einen hohen IQ

Auszuschlafen macht nämlich nicht dumm oder faul. Ganz im Gegenteil. Im Schlaf macht das Hirn Ordnung. Es sortiert Informationen ein, verankert Wichtiges und erstellt Verknüpfungen.

«Früh aufzustehen ist kein Zeichen moralischer Überlegenheit.»

Britische Forscherinnen und Forscher stellten 2024 unter 26'000 Menschen fest, dass die «Nachteulen»-Typen in kognitiven Tests sogar deutlich besser abschnitten als Frühaufsteherinnen und Frühaufsteher. Ihr Erinnerungsvermögen, aber auch ihr logisches Denkvermögen war höher.

Dass sich viele Nachteulen im Alltag erschöpft fühlen, liegt am sogenannten «Social Jetlag», der Tatsache, dass sie sich permanent entgegen ihrem natürlichen Schlafrhythmus verhalten, um sich unterzuordnen und dann paradoxerweise zu kurz ruhen.

Dürfen Eulen ihren Schlaf-Vorlieben fröhnen, sind sie offenbar sogar produktiver (Studie der University of Liege, Belgien) und kreativer als frühaufstehende Zeitgenossen (Catholic University of Milan, Italien).

Wenn die Frühaufsteher im Bett sind, endet die Hektik endlich

Mich wundert das alles nicht. Denn wenn die Lerchen vom Tagwerk erschöpft in die Laken fallen, breitet sich – unbesehen von ihnen – eine neue Welt aus:

Weiche Mitternachtsschwärze und Lichter auf den Strassen. Niemandsorte wie Tankstellen oder Wasch-Center. Die Luft kühlt sich ab. Wenn alle Lerchen Ruhe geben, beginnen für Eulen die schönsten Stunden des Tages. Kein Performen mehr, keine Hektik, sondern Zeit für komplizierte Bücher, Filme und Gespräche.

Gedanken wachsen in diesem Dunkel, die weniger getrieben sind, weniger kurzatmig. Abwegig manchmal, zuweilen düster, dafür unberührt vom Blendwerk des Tages.

Kurzum: Früh aufzustehen, ist kein Zeichen moralischer Überlegenheit, sondern so genetisch veranlagt wie unsere Haarfarbe. Wenn überhaupt, braucht die Welt mit all ihren Burnouts, Shitstorms und überstürzten Entscheidungen gelassene Langschläferinnen und Langschläfer mehr denn je.

Zum Weltschlaftag wünsche ich mir daher, nie wieder einen blöden Spruch zu hören, wenn ich um elf Uhr noch müde bin. Und eine neue Maxime der Toleranz: Schlafen und schlafen lassen.

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