Smartphone-Konsum: «Diskussion um Bildschirmzeit lenkt von den wichtigen Fragen ab»
Verraten Sie uns Ihre Bildschirmzeit?
Moritz Büchi: Ich kenne sie nicht genau. An gewissen Tagen beträgt sie zwei Stunden, an anderen mehr. Ich arbeite aber am Laptop und greife auch dort auf Apps zu. Das zeigt schon, dass die Smartphone-Bildschirmzeit als Mass wenig taugt.
Dennoch: Tipps, wie man weniger Zeit am Handy verbringen kann, gibt es wie Sand am Meer. Vielen Menschen scheint es offensichtlich ein Bedürfnis zu sein, ihre Bildschirmzeit zu reduzieren.
In der Schweiz sagen zwei Drittel der Menschen, dass sie ihre Online-Zeit aktiv reduzieren. Ich nehme es natürlich ernst, wenn viele Menschen das Gefühl haben, dass ihr Smartphone-Konsum negative Folgen für sie hat. In der Forschung herrscht aber kein Konsens darüber, wie genau er sich auf unser Wohlbefinden auswirkt. Was mich stört: In der öffentlichen Diskussion bleibt oft diffus, wo das Problem genau liegt.
Wie meinen Sie das?
Die wenigsten halten es für problematisch, mit der Familie, die an einem anderen Ort lebt, zu facetimen oder sich am Morgen im Zug über die Weltlage zu informieren. Im Smartphone kommen viele verschiedene Funktionen zusammen. Nur auf die Dauer der Nutzung zu schauen, reicht darum nicht – wir müssen auch darüber sprechen, wofür wir das Smartphone nutzen. Oft geht es eigentlich um andere Dinge, die uns stören, zum Beispiel um pausenlose Erreichbarkeit.
Es scheint, als würden analoge Hobbys wie Häkeln, Backen, Rennradfahren boomen. Sehen wir hier einen Rückzug ins Analoge?
Ich glaube nicht, dass es den Weg vom Digitalen zurück ins Analoge gibt. Aber es hat eine Umkehr stattgefunden: Noch vor 20 Jahren waren es vor allem privilegierte Leute, die sich Handys leisten konnten. Heute ist es ein Luxus, offline zu sein. Nicht ständig erreichbar zu sein, muss man sich leisten können.
Der Wunsch, weniger Zeit am Smartphone zu verbringen, ist nicht neu. Hat er in Zeiten KI-generierter Inhalte, Krisen und Kriege eine andere Dimension erreicht?
Diese Aspekte spielen sicherlich eine Rolle. Der Trend, die Handy-Zeit zu verringern, ist nicht neu – er ist aber auch noch nicht so alt. Noch Anfang der 2000er hätte wohl niemand gesagt, er oder sie wolle weniger Zeit am Handy verbringen. Und schnelles Internet immer und überall haben wir ohnehin erst etwa seit zehn Jahren.
Was hat sich verändert?
In den 90er-Jahren war das Internet eine technologische Sensation. Die Menschen dachten, dass mit der frei verfügbaren Information Wissen und Demokratie für alle über die Welt kommen würden. Seit Beginn der 2010er-Jahre hat sich der Fokus auf die Nachteile verschoben – viele Erwartungen, die wir an die digitalen Medien hatten, haben sich nicht erfüllt.
Zum Beispiel?
Etwa, dass wir durch die digitalen Medien unsere Beziehungen besser pflegen können oder automatisch hochwertige Informationen erhalten. Plötzlich merken wir, dass soziale Medien eher ein Werbenetzwerk sind oder dass sich Falschinformationen im Netz schnell verbreiten. In der öffentlichen Diskussion sind Social Media und Smartphones heute für viele als «böse» abgestempelt.
Was fehlt denn in der öffentlichen Diskussion über Smartphone-Konsum?
Ich finde, wir sollten über unsere Erwartungen an die digitalen Medien sprechen. Wir reden zu viel über Technologie und zu wenig über Funktion. Wir müssen uns als Gesellschaft überlegen: Was wollen wir von einer digitalen Medieninfrastruktur? Und wie können wir diese Wünsche umsetzen?
Wenn Sie von einer digitalen Medieninfrastruktur sprechen: Was braucht es konkret?
Bei der Ernährung, der Wasserversorgung oder auch bei der Telekommunikation haben wir klare Gesetze. Dort haben wir uns als Gesellschaft gesagt: Das hat einen öffentlichen Wert. Bei den digitalen Medien fehlt eine staatliche Regulierung bisher fast komplett. Wir sollten uns aktiv überlegen, wie das Gesamtsystem aussehen sollte.
Und eine staatliche Alternative zu Meta und X schaffen?
Ich meine damit kein staatliches Social Media. Aber wir müssen uns bewusst sein: Viele soziale Netzwerke erfüllen heute eine öffentliche Funktion, sind aber in privatem Besitz und von kommerziellen oder ideologischen Interessen getrieben. In anderen Bereichen wie der Elektrizität gibt es private Anbieter, die stark reguliert sind. Das setzt Anreize für gute Qualität.
Heisst: Wenn wir das Problem bei der Smartphone-Nutzung sehen, ist das eigentlich eine Scheindebatte?
Ja. Wir dürfen die Verantwortung nicht einfach bei der oder dem Einzelnen sehen. Menschen, die viel Zeit am Smartphone verbringen, gelten schnell als «schwach». Wir müssen stärker von der Infrastruktur her denken und uns zum Beispiel fragen: Welche Optionen haben die Leute überhaupt?
