Schweiz
Digital

Überwachung in Spitälern durch Kameras über Krankenbetten

Das Überwachungssystem am Kantonsspital Luzern: Die Szene ist für das Foto gestellt.
Das Überwachungssystem am Kantonsspital Luzern: Die Szene ist für das Foto gestellt. Bild: Boris Bürgisser (Luzern, 6.5.2025)

Die Kamera über dem Krankenbett: Spitäler setzen auf umstrittene Überwachung

Fachleute bezeichnen es als «unerträglich», Spitäler erhoffen sich weniger Stürze von Patienten – und tiefere Kosten: Das Unispital Zürich und das Kantonsspital Luzern überwachen Spitalbetten mit Kameras. Nun mischt sich der Bundesrat in die Diskussion.
15.05.2026, 22:3515.05.2026, 22:35
Stefan Bühler / ch media

Es ist eine drastische Formulierung: «Die Vorstellung, dass Pflegepersonal und Patienten bei der Reinigung und Beseitigung der Fäkalien Kameras ausgesetzt sind, ist unerträglich.» So schreiben es der emeritierte Professor für Geriatrie an der Uni Basel, Reto Kressig, und Tobias Meyer von der Universitären Altersmedizin Felix Platter in Basel. Ihr Beitrag ist kürzlich in der NZZ erschienen.

Nun hat auch der Bundesrat zum Thema Stellung genommen, in der Antwort auf eine Interpellation. Darin heisst es: «Eine digitale Überwachung in Gesundheitseinrichtungen verletzt unweigerlich die Persönlichkeitsrechte und die Privatsphäre der Betroffenen.» Und das nicht nur für Patientinnen und Patienten, «sondern auch für Angehörige, Besuchende und die Gesundheitsfachpersonen».

Trotzdem pröbeln in der Schweiz grosse Spitäler seit Monaten mit genau solchen Systemen, bei denen Kameras eingesetzt werden. Im Luzerner Kantonsspital (Luks) ist seit rund einem Jahr die Virtual Care Unit in Betrieb, die Luzerner Zeitung berichtete über die Einführung. Später schrieb der «Sonntagsblick» über Big brother am Luks. Und der «Tages-Anzeiger» berichtete Ende 2025, das Unispital Zürich (USZ) führe eine KI-Überwachung ein, «die in Frankreich verboten ist».

Im «Blick» und im «Tages-Anzeiger» wurden die zuständigen, kantonalen Datenschützerinnen zitiert: Sie hätten nichts gewusst von diesen Projekten.

Gute Gründe für technische Überwachung

Was versprechen sich die Spitäler davon?

Auf der Website des Luks heisst es: «Digitale Innovationen ermöglichen uns, Patientinnen und Patienten noch gezielter zu betreuen und gleichzeitig die Effizienz im Gesundheitssystem zu steigern.» Und das USZ schreibt auf Anfrage: «Wir sind, als ein der Innovation und dem Patientenwohl verpflichtetes Spital, davon überzeugt, mit diesem System die Betreuung und die Sicherheit unserer Patientinnen und Patienten optimal und zeitgemäss sicherstellen zu können.»

In der Tat: Stürze aus dem Bett betagter Patientinnen oder verwirrte Patienten stellen Spitäler vor grosse Herausforderungen. Bisher werden etwa Klingelmatten eingesetzt oder Personen sind als Sitzwache nächtelang gegen Entlöhnung in den Spitalzimmern präsent. Insofern ist es naheliegend, neue Technologien zu testen und – sofern sie sich bewähren – einzuführen.

Bloss schürt das Vorgehen Unsicherheit: Warum wurden die Datenschutzbeauftragten nicht von Anfang an einbezogen? Wie steht es um die Cybersicherheit? Und warum kommt nicht ein Schweizer Produkt zum Zug, das in mehreren Spitälern längst erfolgreich eingesetzt wird – ganz ohne Kameras?

In einem Mailwechsel mit dieser Redaktion hat das USZ manche dieser Fragen beantwortet. Einige erst auf Nachfrage – und gewisse gar nicht.

Was das USZ sagt – und was nicht

  • Laut USZ ist das neue System der dänischen Firma Teton noch gar nicht eingeführt. Seit letztem Sommer sei es vielmehr zuerst einer Testphase und danach einem «Readiness-Check» unterzogen worden. Schon im Voraus habe das USZ eine Datenschutzfolgeabschätzung vorgenommen. Intern. Die eigentliche Beschaffung eines Patientenüberwachungssystems stehe also erst bevor und werde öffentlich ausgeschrieben. Im Hinblick darauf habe das USZ «freiwillig und proaktiv Kontakt mit der kantonalen Datenschutzbehörde aufgenommen». Offensichtlich aber erst nach Erscheinen des Artikels im «Tages-Anzeiger».
  • Nur auf Nachfrage legt das USZ offen, wie viele Überwachungsgeräte es bereits beschafft hat: «In dieser Testphase waren zwischen 100 und 150 Sensoren einsatzbereit.» Eine beachtliche Zahl für einen Test. Wie viele Geräte es insgesamt kaufen will, sagt das USZ nicht.
  • Was auffällt: Das Unispital schreibt lieber von Sensoren als von Kameras. Es betont: «Das Teton-System arbeitet nicht mit verwertbaren Videoaufnahmen und auch nicht mit verpixelten Echtbildern. Es erstellt ausschliesslich symbolhafte, abstrahierte Darstellungen.» Teton erklärt das sinngemäss so: Die als Sensor bezeichnete Kamera sendet die erfassten Bilder im Zimmer an eine Analysebox, die bei ungewöhnlichen Bewegungen des Patienten die Pflege alarmiert. Was ungewöhnliche Bewegungen sind, lernt das System dank KI. Allerdings nicht in Zürich: «Unsere Daten dürfen nicht für das Training von KI-Modellen verwendet werden», schreibt das USZ.
  • Und wie gut ist das System gegen Hacker-Angriffe geschützt? Die Mobilitätssensoren befänden sich «innerhalb eines internen durch sogenannte Firewalls geschützten Netzwerks», so das USZ. Es verweist auf eine «umfassende Sicherheitsbeurteilung». Auch diese erfolgte zunächst intern. Bei den Kameras handle es sich um handelsübliche Standardprodukte. «Diese kommen teilweise aus China und teilweise aus Südkorea.» Ob es Kameras der Marke Dahua sind, will das USZ auch auf Nachfrage nicht sagen. Der Einsatz chinesischer Dahua-Geräte ist wegen Cyber-Risiken in mehreren westlichen Ländern und der EU eingeschränkt oder sogar verboten.

Schweizer Lösung setzt auf Radar statt Kameras

Warum setzt das USZ auf ein dänisches Produkt mit Kameras und nicht auf die Schweizer Alternative: Das System der Solothurner Firma Qumea nämlich, das auf Radartechnologie beruht?

Das USZ nimmt nicht direkt Bezug auf Qumea. Es bestätigt aber, dass auch «ein radarbasiertes System» getestet worden sei. Die Resultate seien unter den Erwartungen geblieben: Das System müsse unerwartete Bewegungen erkennen und echte Notfälle melden. Häufige Fehlalarme würden das Personal belasten und den Nutzen verfehlen.

Offenbar hat das USZ nicht die gleichen Erfahrungen gemacht wie viele andere Spitäler. Denn in der Schweiz nutzen über 50 Institutionen das System von Qumea, etwa in der Klinik Hirslanden Zürich oder den Kantonsspitälern Baselland und Zug. Europaweit steht die Technologie bei 7000 Betten im Einsatz.

«Radar ist klinisch und ethisch besonders geeignet für den Einsatz im Patientenzimmer – und als einzige Sensortechnologie auch im Badezimmer, wo sich viele Stürze ereignen», schreibt Kommunikationschefin Tanja Rölli von Qumea auf Anfrage.

Das System wurde zusammen mit Spitälern entwickelt, «von Beginn an unter engem Einbezug kantonaler Datenschutz- und Ethik-Organe», wie Rölli betont. Radar erfasse klinisch relevante Bewegungen, «und das ohne Bild- oder Personendaten zu erzeugen». Das sei Mitarbeitenden in Spitälern wichtig.

Diese Darstellung bestätigen Reto Kressig und Tobias Meyer in ihrem NZZ-Artikel: Die Universitätsklinik für Altersmedizin in Basel habe sich an der Entwicklung und Einführung des Systems beteiligt. «Im klinischen Setting verwirrter Patienten wurden eine um 73 Prozent geringere Sturzwahrscheinlichkeit und eine messbare Entlastung des Personals erreicht.»

Bundesrat bevorzugt Radarlösung

Doch wie erklärt sich Qumea, dass ihr Produkt im USZ unter den Erwartungen geblieben sein soll? Sie kenne den internen Bericht des USZ nicht, schreibt Rölli. Eine Befragung bei den involvierten Pflegefachpersonen habe jedoch «positive bis sehr positive Rückmeldungen» ergeben.

Unterstützung erhält die Radartechnologie nun aber vom Bundesrat: Selbst, wenn ein digitales Überwachungssystem «erhebliche Vorteile für die Patientensicherheit» bieten könne, müssten die Spitalverantwortlichen in jedem Fall prüfen, ob ein anderes System zu bevorzugen ist, das den Anspruch auf Achtung des Privatlebens weniger stark verletzt, schreibt er in der Antwort auf den Vorstoss von SP-Nationalrätin Min Li Marti: «Zum Beispiel ein System, das Ton und Bild nicht kontinuierlich bearbeitet oder ein Radarsensor.» Wie Qumea also.

Das USZ zeigt sich von der bundesrätlichen Skepsis unbeeindruckt. Das USZ habe der Zürcher Datenschutzbehörde das System von Teton im Mai vorgestellt. Von dieser Seite gebe es «keine Vorbehalte oder Einwände gegen die vorgesehene Nutzung des Systems». Im Folgesatz hält das USZ aber fest, dass eine formelle Vorabkontrolle der Behörde noch ausstehend sei. Die notwendigen Unterlagen will das USZ erst im Juni einreichen.

Derweil steht für das Unispital jetzt schon fest, «dass das System der Firma Teton die von uns gestellten Anforderungen am besten erfüllt». Trotzdem schreibt das USZ: «Die Ausschreibung ist im gewohnten Rahmen ergebnisoffen.»

Zweifel sind erlaubt – im gewohnten Rahmen. (aargauerzeitung.ch)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Von der dummen Siri zur mächtigen Apple-KI
1 / 15
Von der dummen Siri zur mächtigen Apple-KI

Als Siri im Herbst 2011 mit dem iPhone 4S das Licht der Welt erblickte, war die Begeisterung gross. Es war das erste Mal, dass Millionen von Menschen eine digitale Sprachassistentin in die Hand bekamen. Doch die Euphorie verflog schnell...

quelle: getty images north america / justin sullivan
Auf Facebook teilenAuf X teilen
«Ich will, dass jemand kommt, wenn Sie im Spital klingeln» – das sagen Bundesrat Jans und SVP-Präsident Dettling zum Fachkräftemangel in der Schweiz
Video: watson
Das könnte dich auch noch interessieren:
Du hast uns was zu sagen?
Hast du einen relevanten Input oder hast du einen Fehler entdeckt? Du kannst uns dein Anliegen gerne via Formular übermitteln.
5 Kommentare
Dein Kommentar
YouTube Link
0 / 600
Hier gehts zu den Kommentarregeln.
5
KI-Firma Anthropic holt sich Rechenleistung vom Rivalen Musk
Im Wettlauf der Entwickler Künstlicher Intelligenz gibt es eine ungewöhnliche Kooperation zwischen zwei Rivalen.
Die KI-Firma Anthropic bekommt dringend benötigte Rechenleistung aus einem riesigen Rechenzentrum von Elon Musk.
Zur Story