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El Niño steht vor der Tür: Was das für die Schweiz und Europa bedeutet

Was El Niño für die Schweiz und Europa bedeutet – und worüber Experten noch rätseln

02.06.2026, 12:2502.06.2026, 12:25

Das Klimaphänomen El Niño steht nach Angaben der Weltwetterorganisation (WMO) vor der Tür. Was das für uns in Europa bedeuten kann – und worüber Expertinnen und Experten noch rätseln.

Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Was kommt auf uns zu?

Dass El Niño kommt und das Wetter mindestens bis Ende des Jahres beeinflusst, steht mit hoher Wahrscheinlichkeit fest. Wie stark die Auswirkungen sein werden, ist schwer zu sagen. In Medien und Teilen der Forschungsgemeinschaft wird über einen Super-El-Niño spekuliert, ein besonders starkes Ereignis. Das letzte, 2023/24, gehörte zu den fünf stärksten seit Beginn der Aufzeichnungen 1950. Wie stehen die Chancen? 50 zu 50, sagt Klimaforscher Mojib Latif vom Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung im deutschen Kiel. «Es kann sein, kann aber auch nicht sein.»

Wird El Niño in der Schweiz zu spüren sein?

Nein, zumindest nicht direkt. Laut dem Bundesamt für Meteorologie und Klimatologie (Meteoschweiz) existieren zwar einzelne Fernkopplungen zwischen El Niño und dem Wetter in Europa. Diese sind aber nur schwach ausgeprägt. Für das Schweizer (und mitteleuropäische) Wetter ist die Nordatlantische Oszillation (NAO) – also das Druckverhältnis zwischen dem Islandtief und dem Azorenhoch – der entscheidende Taktgeber. Diese atlantische Dynamik ist für die Schweiz um ein Vielfaches mächtiger als die fernen Impulse aus dem Pazifik.

Deshalb zeigt sich in den heimischen Wetterdaten auch kein klares Muster: Frühere El-Niño-Jahre brachten den Alpen mal eisige Kälte und viel Schnee, mal extreme Milde.

Spürbar könnte das Phänomen aber indirekt sein: Etwa durch höhere Preise für Importgüter wie Kaffee oder Kakao wegen Ernteausfällen in Südamerika.

Was ist El Niño genau?

El Niño ist ein natürliches Klimaphänomen im Pazifik, bei dem sich das gewohnte Zusammenspiel von Wind- und Meeresströmungen umkehrt. Im Normalzustand treiben starke Passatwinde das warme Oberflächenwasser nach Westen Richtung Südostasien, sodass vor der Küste Südamerikas kaltes, nährstoffreiches Tiefenwasser aufsteigen kann. Bei einem El Niño schwächen sich diese Winde aus noch nicht vollständig geklärten Gründen jedoch ab: Das warme Wasser schwappt nach Osten zurück und blockiert das kalte Tiefenwasser. Dadurch erwärmen sich die oberen Meeresschichten vor Südamerika, was zum Sterben von Plankton und dem Abwandern der Fischschwärme führt.

Diese ozeanische Erwärmung verändert die weltweiten Luftströmungen. Die feuchtwarmen Luftmassen ziehen nun nach Osten und bringen der Westküste Amerikas extreme Niederschläge, während in Australien und Südostasien durch die Windumkehr die Feuchtigkeit ausbleibt und schwere Dürren drohen.

Wovon hängt die Entwicklung eines Super-El-Niños ab?

Entscheidend für die Entwicklung und die Stärke seien Windschwankungen, die schwer vorherzusagen seien, erklärt Latif. Grundsätzlich ziehen bei dem Klimaphänomen in Äquatornähe im Pazifik warmes Wasser und Wolken an die sonst trockene Küste Südamerikas. Dies kann – oft in Südamerika und in der Folge auch in einigen Staaten Ostafrikas – für verheerende Überschwemmungen sorgen. In Südostasien, Ostaustralien und bis nach Südostafrika häufen sich dagegen Dürren und Waldbrände. Zwischen den El-Niño-Episoden zeigt sich ein Wetterphänomen mit genau umgekehrten Vorzeichen. Es wird La Niña genannt.

Macht der Klimawandelt El Niños stärker?

Dazu gibt es bislang keine wissenschaftlichen Erkenntnisse, betont die WMO. El Niños dauern meist neun bis zwölf Monate, erreichen den Höhepunkt zwischen November und Februar und passieren alle zwei bis sieben Jahre. Seit dem letzten (2023/24) sind erst zwei Jahre vergangen, der Abstand zum El Niño davor waren sieben Jahre (2015/16).

Das Phänomen kann aber die Folgen des Klimawandels verstärken. Bei einem El Niño sind der tropische Pazifische Ozean und die Atmosphäre wärmer, und dies kann mehr Energie und Feuchtigkeit für extreme Wetterereignisse wie Hitzewellen und Starkregen bedeuten, so die WMO.

A screen shows the U.N. Secretary-General Antonio Guterres, center, sitting between Celeste Saulo, left, Secretary-General of World Meteorological Organization (WMO), and Abdulla Ahmed Al Mandous, rig ...
DIE WMO informiert am Mittwoch zu El Niño.Bild: keystone

Wird 2026 zum Rekordjahr?

Die Wahrscheinlichkeit, dass eines der Jahre 2026 bis 2030 eine noch höhere globale Durchschnittstemperatur aufweist als 2024, liegt nach einem aktuellen WMO-Bericht bei 86 Prozent. Wegen des El Niño könne dies schon 2027 der Fall sein. 2024 lag der Wert rund 1,55 Grad über dem vorindustriellen Niveau (1850-1900).

Im 2015 in Paris verabschiedeten Weltklimavertrag haben Länder zugesagt, den menschengemachten Temperaturanstieg durch eine Minderung beim Treibhausgasausstoss begrenzen zu wollen. Damit sollen die schlimmsten Folgen des Klimawandels abgewendet werden. Die globale Durchschnittstemperatur soll möglichst nicht mehr als 1,5 Grad über vorindustriellem Niveau liegen. Das Klimaziel gilt nach bisher verbreitet verwendeter Definition als gerissen, wenn die Durchschnittstemperatur in einem Mittel von 20 Jahren darüber liegt.

Wie können Länder sich auf El-Niño-Auswirkungen vorbereiten?

Die WMO empfiehlt, dass Regierungen und humanitäre Organisationen sich auf Folgen für klimasensible Sektoren wie Landwirtschaft, Gesundheitswesen, Energie- und Wasserwirtschaft einstellen. Sie sollten Pläne für die Nahrungsmittelsicherheit und die Belastung des Gesundheitswesens ausarbeiten. «Frühzeitige saisonale Vorhersagen und Frühwarnungen sind entscheidend, um Leben zu retten und die Auswirkungen auf unsere Wirtschaft und unsere Gemeinden abzufedern», so WMO-Chefin Celeste Saulo. (sda/dpa)

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