bedeckt, etwas Schnee
DE | FR
74
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Schweiz
Feminismus

Femizid: Was du zu den Zahlen, dem Begriff und Massnahmen wissen musst

epaselect epa09811413 Social and feminist groups take to the streets to commemorate International Women's Day in Buenos Aires, Argentina, 08 March 2022. Thousands of Argentine women marched through th ...
Eine Aktivistin in Buenos Aires, Argentinien. Unter den 25 Ländern mit den höchsten Femizidraten befanden sich 2016 vierzehn in Lateinamerika.Bild: keystone

Wenn Männer Frauen töten: Zahlen-Wirrwarr und Begriff-Chaos in der Schweiz

Dieses Jahr wurden bereits drei Frauen Opfer eines Femizids. Beim Thema gibt es allerdings nach wie vor viel Unklarheiten. Wo die Schweiz steht – bezüglich Begrifflichkeit, Zahlen und Massnahmen.
21.03.2022, 20:0022.03.2022, 13:17
  • Am 29. Januar verprügelten zwei Männer in Emmenbrücke (LU) eine 50-jährige Frau. Sie wurde schwer verletzt. Die Täterschaft ist unbekannt und flüchtig.
  • Am 11. Februar fand die Stadtpolizei Zürich eine tote 54-jährige Frau in ihrer Wohnung. Mutmasslicher Täter ist ein 23-Jähriger. Er soll nur Tage nach der Tat eine weitere Frau im österreichischen Graz erstochen haben. Danach wurde er verhaftet.
  • Am 15. Februar verletzte ein 54-jähriger Mann mutmasslich seinen 24-jährigen Sohn und seine 52-jährige Frau schwer. Er soll sich der Frau genähert haben, obwohl vor Kurzem ein Kontakt- und Rayonverbot gegen ihn ausgesprochen worden war.
  • Am 27. Februar wurde im Kanton Basel-Land eine 60-Jährige erschossen. Dringend verdächtig ist ein 30-jähriger Verwandter der Frau. Er wurde verhaftet.
  • Am 12. März tötete ein 35-Jähriger in Rapperswil (SG) mutmasslich seine Ehefrau. Sie wurde 32 Jahre alt.

Diese Ereignisse listet die Rechercheplattform «stopfemizid.ch» für das Jahr 2022 bisher. Laut den Aktivistinnen kommt es in der Schweiz alle zwei Wochen zu einem Femizid und jede Woche zu einem versuchten Femizid.

Der Begriff «Femizid»

Ein Femi-was? Das aus dem 19. Jahrhundert stammende Wort erlangte 1976 durch die südafrikanische Feministin Diana Russell grössere Bekanntheit. Sie verwendete den Begriff, um damit extreme Gewalt gegen Frauen zu definieren und den Frauenhass dahinter sichtbar zu machen. Sie schrieb: «Femizid bezeichnet nicht nur die Tötung von Frauen oder die Tötung von Frauen durch Männer. Es ist ein begriffliches Instrument, ein Begriff, der speziell auf die sexistische, patriarchale, frauenfeindliche Tötung von Frauen und Mädchen durch Männer hinweist und sie politisiert.»

Anfang der Nullerjahre gelangte der Begriff nach Lateinamerika. Protestbewegungen wie Ni Una Menos (übersetzt mit: Keine weniger) machten auf die grosse Verbreitung von Femiziden in Ländern wie Mexiko, Brasilien oder Argentinien aufmerksam. Das führte unter anderem dazu, dass inzwischen in vielen lateinamerikanischen Ländern Gesetze gegen Femizide beschlossen und offizielle, staatliche Statistiken erhoben wurden.

Die Etablierung des Begriffs führte dazu, dass er vor einigen Jahren auch nach Europa und in die Schweiz kam. Die Ni Una Menos Gruppe in Zürich knüpft an den Protest der Organisationen in Lateinamerika an. Mit dem Begriff Femizid wollen die Aktivistinnen darauf aufmerksam machen, dass hinter einem Tötungsdelikt von einem Mann an einer Frau oft ein patriarchales Machtgefüge im Zentrum steht. Von «häuslicher Gewalt», «Beziehungsdelikt» oder «Familiendrama» zu sprechen, würde die Tat verharmlosen und das systemische Kernproblem verschweigen.

Während immer mehr Politikerinnen und Medienschaffende das Wort Femizid in ihren Sprachgebrauch aufnehmen, verzichten die Schweizer Strafverfolgung und behördliche Statistiken auf die Verwendung des Begriffs.

Das Europäische Institut für Gleichstellungsfragen der EU definiert Femizid so: «Der Begriff deckt unter anderem den Mord an einer Frau infolge Gewalt in der Partnerschaft, die Folter und frauenfeindliches Umbringen von Frauen, das Töten von Frauen und Mädchen im Namen der ‹Ehre› und anderes in Zusammenhang mit schädlichen Praktiken stehendes Töten, das gezielte Töten von Frauen und Mädchen in bewaffneten Konflikten und Fälle von Femizid in Verbindung mit Banden- oder organisierter Kriminalität, Drogen- sowie Frauen- und Mädchenhandel ab.»

Die Zahlen

Da es keine offiziellen Femizid-Statistiken gibt, kursieren verschiedene Zahlen zu Fällen in der Schweiz. Das Rechercheprojekt «stopfemizid.ch» listet für das vergangene Jahr insgesamt 26 Femizide. Im Jahr 2020 zählte die Plattform 16 Fälle.

Andere Zahlen liefert das Bundesamt für Statistik. Es listet die Tötungsdelikte, die im Kontext von häuslicher Gewalt begangen werden. Dazu gezählt werden Tötungsdelikte innerhalb einer Partnerschaft, einer ehemaligen Partnerschaft, einer Eltern-Kind-Beziehung oder innerhalb einer anderen Verwandtschaftsbeziehung. In der aktuellen Statistik für das Jahr 2020 werden 28 vollendete Tötungsdelikte im häuslichen Kontext gezählt. Davon waren zwanzig Opfer Frauen und acht Männer.

Einblick in die Tragweite des Problems in der Schweiz gibt auch die Polizeiliche Kriminalstatistik. Von 2011 bis 2020 wurden in der Schweiz insgesamt 479 Personen getötet. Bei 53 Prozent dieser Fälle handelte es sich um ein Tötungsdelikt innerhalb einer familiären oder partnerschaftlichen Beziehung. Von diesen 255 Personen waren 191 weiblich.

Zu einem ähnlichen Schluss kommt eine Studie des Eidgenössischen Büros für Gleichstellung: Während Tötungsdelikte in der Schweiz insgesamt zwar stark gesunken sind, gilt derselbe Trend nicht für Tötungsdelikte innerhalb der Partnerschaft. Diese sind in den letzten 20 Jahren stabil geblieben. Aktuell handelt es sich bei 40 Prozent aller Tötungsdelikte in der Schweiz um ein Tötungsdelikt innerhalb der Partnerschaft. Die Schweiz ist das einzige Land in Europa, in dem in den letzten Jahren insgesamt mehr Frauen als Männer Opfer eines Tötungsdelikts geworden sind, so die Studienautoren.

Die Massnahmen

Nebst Aktivistinnen fordern auch immer mehr Politikerinnen und Politiker Massnahmen, um Gewalt gegen Frauen und insbesondere Femizide zu verhindern. Auch der Bundesrat schrieb in einem Postulatbericht, dass er Handlungsbedarf sehe und auf verschiedene Massnahmen setzen wolle. Dazu gehören Aktionspläne für Bund und Kantone, Sensibilisierungskampagnen, Erstellung von Studien und Statistiken, der Ausbau des Bedrohungsmanagements, eine bessere Betreuung von Opfern, Lernprogramme für Täter et cetera.

Eine konkrete Massnahme ist der Ausbau des elektronischen Monitorings. Bald soll es möglich sein, Überwachungsgeräte im Kontext der häuslichen Gewalt anzuwenden. Bisher waren beispielsweise Fussfesseln, die den Aufenthaltsort einer Person aufzeichnen, nur als Ersatzmassnahme einer Gefängnisstrafe möglich. Neu kann auch eine Person überwacht werden, die beispielsweise wegen häuslicher Gewalt ein Kontakt- und Rayonverbot erhielt. In welcher Form dieses elektronische Monitoring stattfinden soll, ist allerdings noch unklar.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Frauenstreik 1991

1 / 8
Frauenstreik 1991
quelle: schweizerisches nationalmuseum / asl
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

«Reduziert uns nicht auf unseren Körper» – Julia über Sexismus im Alltag

Video: watson

Das könnte dich auch noch interessieren:

74 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
olmabrotwurschtmitbürli #wurstkäseszenario
21.03.2022 21:48registriert Juni 2017
Der Femizid ist ein soziologisch-politischer Begriff. Und als strafrechtliche Kategorie nicht nützlich.

Das setzt sonst ein Ermittlungsverfahren voraus und ein rechtskräftiges Urteil (sonst weiss man noch weniger, worin die Motivation des Täters lag).

Wenn man also Femizide statistisch ordentlich erfassen will, braucht man Studien über lange Zeiträume. Nicht eine Auflistung von Newsmeldungen.

Was die Polizei schnell machen kann und tut: Eventuelle Tötungsdelikte nach Geschlecht zuordnen und gegebenenfalls einer HG-Problematik zuordnen. Das bildet dann die Polizeistatistik ab.
9115
Melden
Zum Kommentar
avatar
osaliven
21.03.2022 20:34registriert Oktober 2014
Ein spannndes Thema. Und ich kann da sowohl Befürworter des Begriff wie auch die "Gegner" verstehen. Schlussendlich muss ich für mich sagen, das ich es gut finde wird der Begriff nicht speziell in der Statstik aufgeführt. Dafür ist die Definition einfach zu ungenau und verschieden.

Interessant wäre es mal auf dem Grund zu gehen, warum die Schweiz mehr Frauen ermordet werden als in anderen Ländern Europas. Haben wir eine tiefere "Bandenrivalität" und daher weniger Morde in diesem Bereich oder woher kommen diese Zahlen?
5313
Melden
Zum Kommentar
avatar
Booker
21.03.2022 22:17registriert September 2016
Auch wenn es politisch nicht korrekt ist sollte erwähnt werden, dass die Täter zumeist oder sogar fast immer Migrationshintergrund haben. Schlecht integrierte Machos, die über „ihr Eigentum“ verfügen. Bei Morden, genauso wie bei schweren Körperverletzungen und häuslicher Gewalt.
7333
Melden
Zum Kommentar
74
Corona-Krampf – und das ist der Dank? Harte Abfuhr für Berset und die SP
Die SP ist die grosse Verliererin der Departementsverteilung. Alain Berset darf trotz seiner Corona-Schwerarbeit nicht wechseln, und «Ölbert» Rösti im UVEK wird den Grünen nützen.

Wie soll man das nennen? Diplomatisch? Oder angesäuert? In einer Medienmitteilung schrieb die SP Schweiz am Donnerstag, sie habe die Departementsverteilung im neu zusammengesetzten Bundesrat «zur Kenntnis genommen». Übersetzt bedeutet diese Floskel: Die Sozialdemokraten sind mit ihren Departementen überhaupt nicht zufrieden.

Zur Story