Kerstin M. fährt jeweils mit dem Elektrovelo zur Arbeit. Ausser im Winter, dann nimmt sie den Bus. Ein Auto hat weder sie noch ihr Ehemann. Aus Spargründen.
Als gelernte Detailhandelsfrau ist die 54-Jährige in einem klassischen Frauenberuf tätig, der niedrig bezahlt ist. Von den rund 300'000 Stellen im Detailhandel in der Schweiz sind mehr als 80 Prozent von Frauen besetzt.
Viel Geld zur Seite legen konnte Kerstin als Mutter nicht. Mehrere Jahre blieb sie als Hausfrau daheim und kümmerte sich um die Kinder, wovon eines unter gesundheitlichen Problemen litt und mehrfach operiert werden musste.
Während ihr Mann einer Tätigkeit im Büro nachging, leistete Kerstin unentgeltliche Arbeiten wie Kochen, Putzen, Wäsche machen, Streit schlichten, verlorene Kuscheltiere suchen.
«Mein Alltag war genauso streng wie jener meines Mannes. Allerdings wurde er für seine geleistete Arbeit honoriert», sagt die zweifache Mutter. Kinderbetreuung hätte sich damals bei ihrem Einkommen nicht gelohnt.
Nach einer siebenjährigen Familienpause kehrte Kerstin zurück in die Arbeitswelt. Um Familie und Beruf einfacher zu vereinbaren, arbeitete sie im Stundenlohn – und das über Jahre. «Kinder sind häufig krank, bei einer Festanstellung wäre ich nicht so flexibel gewesen», sagt Kerstin.
Sie sprang da ein, wo man sie brauchte, übernahm die unbeliebten Schichten: spätabends sowie am Wochenende. Das kam ihr gerade recht, dann konnte ihr Ehemann zu den Kindern schauen.
Die Familie lebte sparsam und kaufte nur die nötigsten Dinge, bestenfalls im Ausverkauf. «Finanzielle Sorgen hatten wir nie. Alle zwei, drei Jahre konnten wir uns sogar Urlaub im Ausland leisten», erzählt Kerstin.
Über ihre finanzielle Zukunft machte sich Kerstin aber zu wenig Gedanken. Aufgrund der Anstellung im Stundenlohn und ihres geringen Jahreseinkommens hat sie heute kaum Geld in der Pensionskasse. Denn eingezahlt wurde nicht: Erwerbstätige wie Kerstin, die weniger als 21'150 Franken verdienen, sind nicht obligatorisch in der zweiten Säule versichert.
Damit nicht ausschliesslich ihr Ehemann ihre Altersvorsorge ist, begab sich Kerstin mit 50 auf die Suche nach einer Festanstellung mit Pensionskasse.
Nach mehr als 100 Absagen wurde Kerstin eine Stelle im Detailhandel angeboten. Doch zunächst arbeitete Kerstin auch hier nur auf Stundenlohnbasis, bevor ihr der Arbeitgeber eine Festanstellung anbot.
«Eine Festanstellung im Detailhandel wird immer schwieriger – insbesondere für Teilzeitarbeitende», teilt uns Cynthia Hanimann von der Gewerkschaft Unia mit. Die Arbeit im Stundenlohn habe in allen Tieflohnbranchen in den letzten Jahren massiv zugenommen. Anstellungen im Stundenlohn seien für Arbeitgebende attraktiv, da sie die Arbeitszeiten bestimmen können.
Nach wie vor leisten Frauen mehr unbezahlte Arbeit als Männer. Die Aufgabe des Berufs sowie Pensionsreduktionen tragen dazu bei, dass Frauen im Alter einem höheren Armutsrisiko ausgesetzt sind als Männer.
Wer über längere Zeit unter 50 Prozent arbeitet, riskiert laut der Schweizerischen Konferenz der Gleichstellungsbeauftragten nach der Pensionierung mit dem Existenzminimum auskommen zu müssen und finanziell stark vom Partner abhängig zu sein. Im Niedriglohnsektor gilt dies umso mehr.
Seit drei Jahren füttert Kerstin nun gemeinsam mit ihrem neuen Arbeitgeber die Pensionskasse. «Somit kann ich mir im Alter wenigstens noch selbst Wolle kaufen, um meiner Lieblingsbeschäftigung, dem Stricken, nachzugehen», so Kerstin.
Seit einigen Jahren arbeitet sie im Non-Food, also nicht mehr im klassischen Lebensmittelbereich. «Seither bin ich weniger gestresst», sagt Kerstin. Im Gegensatz zu ihren Kolleginnen und Kollegen könne sie sich bei der Arbeit mehr Zeit lassen und habe flexiblere Arbeitszeiten.
«Die Arbeitszeiten im Verkauf sind verglichen mit männerdominierten Branchen wie Bau und Industrie sehr viel deregulierter», sagt Cynthia Hanimann von der Unia. Zimmerstunden, Abend- und Wochenendeinsätze, kurzfristige Änderungen der Dienstpläne: Von den Beschäftigten werde ein Maximum an Flexibilität verlangt.
Kerstin liebt den Kundenkontakt, doch sie bemängelt die geringe Wertschätzung der Kundschaft gegenüber den Kassiererinnen und Kassierern. So sagt sie: «Man muss sich ab und zu einen dummen Spruch anhören.»
«Haben Sie einen schlechten Tag?» «Seid ihr schon wieder teurer geworden?» «Geht das nicht schneller?»
All diese Sprüche liess sich Kerstin früher gefallen. Damals habe sie noch keinen Mut gehabt, sich zu wehren. «Ich bin froh, dass Frauen heute mehr zurückgeben als früher. Trotz allem, was im Detailhandel noch immer schiefläuft, ist das eine positive Entwicklung.»
Bei der Lohngleichheit würde es im Detailhandel noch immer nicht rundlaufen. Ihr Mann, der inzwischen auch im Verkauf arbeitet, verdient für vergleichbare Arbeit im Monat rund 1000 Franken mehr. Er habe eine gleichwertige Ausbildung, aber deutlich mehr Arbeitserfahrung.
Die Unia bestätigt, dass die Lohnschere im Detailhandel noch immer spürbar ist. Der Medianlohn der Frauen im Detailhandel ohne Kaderstellung betrug im vergangenen Jahr 4770 Franken, jener der Männer lag bei 5118 Franken. Somit verdienen Frauen im Schnitt 7,3 Prozent weniger. Hanimann sagt dazu: «Fast die Hälfte aller Frauen mit einer Berufslehre verdient weniger als 5000 Franken. Hinzu kommt ein unerklärbarer sexistischer Lohnunterschied. Wir fordern für alle mit einer Berufslehre mindestens 5000 Franken Lohn und im Allgemeinen keine Löhne unter 4500 Franken.»
Ein Herzensanliegen ist es Kerstin, dass die Gesellschaft Frauen, die für einen Tieflohn arbeiten, mehr schätzt und anerkennt. «Die Leute denken, man füllt nur Regale auf und scannt Lebensmittel», sagt sie. Doch dahinter stecke viel mehr: «Man muss mit dem Kopf immer bei der Sache sein, immer freundlich sein. Und man steht unter Druck. Alles muss schnell gehen, Fehler dürfen beim Einkassieren keine passieren, sonst muss man beim Chef antraben.»
Zahlreiche Detailhändler beklagen sich trotz digitaler Neuerungen wie der Self-Checkout-Kasse über Personalmangel. Gründe für den Arbeitskräftemangel sind fehlende Brancheneintritte sowie ein Mangel an Nachwuchskräften. «Der feminisierte Detailhandel muss attraktiver werden», sagt Kerstin. «Damit eine Anstellung im Detailhandel mit der Familie vereinbart werden kann, wären verkürzte Arbeitszeiten ein guter Anfang.»
«Es gibt noch viel zu tun», sagt Kerstin, die seit sechs Jahren mit der Unia für bessere Arbeitsbedingungen im Detailhandel kämpft. Einen Erfolg hat sie schon erzielt: «Mit meinem Arbeitgeber konnten wir für alle Verkaufsmitarbeitenden eine Gehaltserhöhung aushandeln.»
«Ein rechter Batzen» soll es gewesen sein. Ihr Erfolgsrezept: als Gruppe ordentlich Krach machen.
Lärm gegen Lohndiskriminierung und Sexismus wird sie am diesjährigen Frauenstreik keinen machen. Ausnahmsweise: «Ich bin im Urlaub. Nach sechs Jahren habe ich mir auch mal wieder Ferien am Meer verdient», sagt Kerstin.
In Gedanken sei sie aber bei all den «Knallerfrauen».
Auf die Strasse zieht es Kerstin am 21. September wieder, bei der grossen Lohndemo in Bern.
2. Arbeit zu Hause ist in einer Familie nicht unentgeltlich. Das Einkommen aus der Wirtschaft des Partners dient zur Finanzierung der Familienarbeit
Die Wirtschaft unterschätzt das Potential von Wiedereinsteigerinnen total. Gerade im KV-Bereich. 10 Jahre Pause? So what? Wer eine Familie managen kann, managt mein Büro mit links. Wer auch nach dem dritten Löffel Brei am Boden noch freundlich blieb, kann auch mit meinen schwierigsten Kunden umgehen.
Wenn ein Kind krank wird, wird das Telefon umgestellt und sie arbeitet von zu Hause aus. Ich gewähre so viel Flexibilität wie möglich, verlange aber das selbe, wenn einmal die Bude brennt.
Kurz: Meine wiedereingestiegene MA ist die Beste!
So als Aussenstehender ist es aber schwierig zu urteilen, da jeder Fall einzeln angeschaut werden muss.