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Kurt Imhof an der Eröffnungssitzung «Der Zürcher Prozesse» im Zürcher Theater Neumarkt im Mai 2013. 
Kurt Imhof an der Eröffnungssitzung «Der Zürcher Prozesse» im Zürcher Theater Neumarkt im Mai 2013. Bild: KEYSTONE
Nachruf auf Kurt Imhof

Der beste Freund und treuste Fan, den man sich wünschen kann

Kurt Imhof, der Zürcher Professor für Soziologie und Publizistik, hat es mit allen aufgenommen. Seinem letzten Gegner war er unterlegen. 
01.03.2015, 23:5602.03.2015, 16:10
Maurice Thiriet
Maurice Thiriet
Chefredaktor
Maurice Thiriet
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Es sei eine entbehrungsreiche Zeit gewesen und er hätte es nicht gemacht, wenn er gewusst hätte, was auf ihn zukommt: Das sagte Kurt Imhof einst über seine am Existenzminimum verbrachten 15 Jahre akademischer Ochsentour.  

Imhof, der als Bauzeichner die Matura auf dem zweiten Bildungsweg machte, erhielt erst 2000 den Ruf auf den Lehrstuhl für Soziologie und Publizistik an der Uni Zürich. Und damit die Möglichkeit und die finanziellen Mittel, das zu machen, was er wirklich wollte: Erforschen, welchen Einfluss die öffentliche Kommunikation, also hauptsächlich diejenige über die Massenmedien, auf den gesellschaftlichen Wandel hat. 

Schlitzohrigkeit, Charme und «sanfte Prostitution»

Mit seiner Ernennung zum Professor gliederte er seinen 1997 gegründeten Forschungsbereich Öffentlichkeit und Gesellschaft (Foeg) der Universität Zürich an. So konnte sich Imhof einen Teil der Ressourcen der Universität sichern. Den Rest der Mittel, die für sein Vorhaben nötig waren, besorgte der Professor mit seinem unverderblichen Büezer-Schalk und «sanfter Prostitution», wie er sie zu nennen pflegte. Der Pharma, der UBS oder wer auch immer Drittmittel für die Grundlagenforschung einbrachte, sagte Imhof mit seiner Truppe zeitungslesender und -analysierender Studenten voraus, wo Risiken für Medienskandale und damit Reputationsschäden bestanden. 

Der eloquente Imhof brach in Talkshows, Interviews und tausenden von Zeitungsartikeln komplexe wissenschaftliche Zusammenhänge auf wirkmächtige Bilder herunter und sagte dabei das Wort «wirkmächtig» vermutlich kein einziges Mal. Sein Thema war der Wandel der Gesellschaft, also konnte er zu allem etwas sagen, wenn man ihn fragte. Neider warfen ihm vor, als «Experte für alles» gehe er so sehr in die Breite, dass die «Qualität seiner Aussagen zwangsläufig dünn» werde. Aber das kümmerte ihn nicht. Was Imhof brauchte, war Publizität, um mit seiner Person sein Institut bei Drittmittel-Sponsoren bekannt zu machen. Und keiner wusste besser als er, wie diese Publizität zu erlangen ist. 

Und so konnte Imhof sein Foeg etablieren: Mit der tatkräftigen Hilfe der Schweizer Verleger und ihrer faulen Journalisten, die den Allzeit-Bereit-Experten Imhof oft nur darum anriefen, weil es der unkomplizierteste Weg zu einem guten Quote und einer schönen Quote war.

Kindersoldaten, Verrichtungsboxen, Hexenverfolgung

Ironischerweise begann Imhof ab 2010 dann mit seinem Jahrbuch «Qualität der Medien» ebendiese Mechanismen aufzuzeigen und als problematisch zu bezeichnen, die seinen Aufstieg mit ermöglicht hatten. Und er legte sich mit der gesamten Schweizer Medienlandschaft an. Akribisch analysierte er mit seinem Forschungsteam sämtliche methodisch sauber analysierbaren Medien und stellte einen kontinuierlichen Rückgang «qualitätshoher» Berichterstattung fest. Deren Rückgang sei so dramatisch, dass die privaten Medienanbieter ihre für den demokratischen Prozess nötige Informationsfunktion über kurz oder lang nicht mehr erfüllen könnten. 

Imhof fuhr Journalisten und Verlegern beim medialen Verkauf seines Jahrbuchs hart an den Karren: Praktikums-Journalisten ohne richtige Ausbildung bezeichnete Imhof als «Kindersoldaten», Newsroom-Büros als «Verrichtungsboxen». Er diagnostizierte «Entdifferenzierung», «Entprofessionalisierung», «Boulevardisierung» und «Medienpopulismus». Und: «Hexenverfolgung», «Zottel-Journalismus» und «Empörungsbewirtschaftung», die zu einer «Barbarisierung der Gesellschaft» führten. 

Der eigentliche Inhalt seines Jahrbuches, die wissenschaftliche Inhaltsanalyse, die seinen Schlagworten zu Grunde lag, ging ob Imhofs Zuspitzungen leider unter. Aber alleine die geharnischt-sauren bis beleidigten Reaktionen von Chefredaktoren und Verlegern zeigten, dass Imhofs Analysen im Kern zutrafen. Journalisten, die noch Zeit haben, die Studie seriös zu rezensieren, gibt es nicht mehr. Blattmacher, die einem solchen Stoff Platz in einer Zeitung einräumen, auch nicht mehr. Lieber schwieg man Imhof tot, holte zu langen Gegenanalysen aus oder schrieb ihm verschnupfte Briefe, er solle endlich mal seriös definieren, was Qualität in der Medienberichterstattung heisse. 

Bester Freund und treuster Fan

Über diese semantische Frage konnte man mit Imhof trefflich streiten. Was ist relevant? Was ist Politik und was nicht? Ist ein Bericht über einen institutionellen politischen Vorgang automatisch qualitativ hochwertig? Wenn ja, wie sehr? Und auf welcher Skala? 

Imhof, der «Büezer-Professor», scheute die direkte Auseinandersetzung nie. Bei einer Zigarette und einem Glas Wein nahm er sich auch noch für den jüngsten «Kindersoldaten» Zeit, um seine Botschaft zu erläutern: Den Informations- und Nachrichtenmedien ist die Grundlage ihres Geschäftsmodells entzogen, weil die Werbegelder ins kostenlose Internet abwandern, weshalb die klassischen Medien Hilfe brauchen. 

Mit seinen Jahrbüchern hat Imhof die Debatte um eine staatliche Medienförderung ganz wesentlich mit lanciert und geprägt. Der Bundesrat hat eine Medienkommission eingesetzt, die erste Vorschläge wie Zuschüsse an die Ausbildung von Journalisten oder Unterstützung von Onlinemedien gemacht hat. 

Zum Glück hat Imhof zu Beginn seines Studiums nicht gewusst, welch entbehrungsreiche 15 Jahre auf ihn zukommen. Wir von Kurt Imhof so scharf kritisierten Journalisten haben bis heute nicht begriffen, dass unser schärfster Kritiker eigentlich unser bester Freund und treuster Fan war.  

Er ist gestern morgen im Unispital Zürich seinem Krebsleiden erlegen. 

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