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Sexismus in der Gastro-Branche: Erfahrungen von Betroffenen

Sexismus in der Gastronomie: Das Gastra Kollektiv hat sich zusammengeschlossen, um dem Sexismus in der Branche entgegenzuwirken.
Das Gastra Kollektiv hat sich zusammengeschlossen, um dem Sexismus in der Branche entgegenzuwirken. (Symbolbild) Bild: Shutterstock

«Meine Brüste waren Gesprächsthema in der Männerrunde» – Sexismus in der Gastronomie

«Die Gastronomiebranche hat ein massives Sexismusproblem», dieser Meinung ist das Gastra Kollektiv. Deshalb hat es Betroffene gebeten, von ihren Erfahrungen zu berichten. Diese hat das Kollektiv nun auch mit watson geteilt.
31.03.2023, 15:3002.04.2023, 09:57
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Den Satz «Wir haben genug!» schreibt das Gastra Kollektiv auf seinem Instagram-Profil mehr als einmal. Es besteht aus Frauen, Inter-, Non-binary- und Transpersonen, die in der Gastronomie arbeiten und sich zusammengeschlossen haben.

Sie haben vor allem einen gemeinsamen Treiber – die Wut.

So sagt das Kollektiv gegenüber watson: «Uns vereint die Wut gegen schlechte Arbeitsbedingungen und Sexismus in der Gastronomie. Festzustellen, dass wir mit diesen Problemen nicht allein sind, hat uns Kraft gegeben, uns gemeinsam zu engagieren.»

Nebst dieser Wut verbindet die Mitglieder des Kollektivs noch etwas – sie alle mussten schon sexuelle Übergriffe am Arbeitsplatz erleben.

«Als wir uns als Gastra Kollektiv das erste Mal getroffen und unsere Erfahrungen mit sexueller Belästigung geteilt haben, verspürten wir richtige Gänsehaut-Solidarität. Zu hören, dass wir das alle kennen und damit nicht allein sind, hat vielen von uns die Augen geöffnet», so das Kollektiv.

Für das Gastra Kollektiv ist klar, dass der Sexismus in der Gastronomie prävalent ist. Es möchte auf ebendiesen aufmerksam machen und etwas dagegen unternehmen. Deshalb hat es folgenden Post auf Instagram veröffentlicht:

Konkrete Schilderungen von Betroffenen

Das Gastra Kollektiv erhielt nach dem Post eine Flut an Direktnachrichten. Einige davon hat es mit watson geteilt.

«Ich machte Weinservice an einem Männertisch. Ich zog den Zapfen, nahm ihn vom Korkenzieher ab und legte ihn auf den Tisch. Während ich dem Gast etwas Wein zum Probieren einschenkte, kullerte der Zapfen auf den Boden. Ich liess den Zapfen auf dem Boden liegen, legte meinen Fuss darauf und wollte nach dem Weinservice den Korken aufnehmen.
Der schon etwas ältere Herr kostete also den Wein, gab mir ein Zeichen, dass der Wein gut war. Darauf goss ich seinen Kollegen auch Wein ein. Der erste Herr fragte mich währenddessen, ob ich zu Hause auch alle Dinge auf den Boden werfe. Ich verstand zuerst gar nicht, was er damit meinte. Dann realisierte ich, dass es um den Korken ging. Ich sagte nichts und schenkte weiter Wein ein. Als ich nicht reagierte, sagte er in normaler Lautstärke zu seinem Tischnachbar:‹Die sollte man einmal so richtig durchfi***n, dann lernt sie das schon!›
Ich stellte den Wein hin – ohne allen Wein eingeschenkt zu haben – und verliess den Tisch. Ich ging zur Bar und stand einfach nur so da. Was hat der jetzt gerade gesagt? Kann das wirklich sein? Der Chef sah mich schockiert dastehen und fragte mich, was los sei. Ich erzählte ihm die Geschichte. Er wurde wütend und übernahm den Tisch für mich. Das war schon gut, aber eigentlich hätte man denen die Rechnung bringen sollen!»
Anonym, 19 Jahre alt
An einem Abend bewirtschafteten wir einen Junggesellenabschied. Die Gruppe trat schon johlend und mit Bierdosen in der Hand ein. Ich bat sie, das Bier auszutrinken, bevor sie auf der Terasse des Restaurants Platz nahmen. Als ich das erste Mal an den Tisch trat, um die Getränkebestellung aufzunehmen, schaute mich der werdende Bräutigam ganz langsam von oben bis unten an und sagte ganz ruhig: ‹Huere geil›. Er lächelte mich anzüglich an.
Ich war so perplex, dass ich das Weite suchte und mich an meine Vorgesetzte wandte, um sie zu bitten, dass wir sie gleich wieder des Lokals verweisen. Sie meinte, sie würde den Tisch übernehmen, worauf sie sich den ganzen Abend sexistische Sprüche und Anmachen anhören musste. Als wäre das nicht genug schlimm, kam an einem Punkt unser Geschäftsführer per Zufall privat ins Lokal. Da war die Gruppe schon weg. Ich habe mich an ihn gewandt und erzählt, was passiert ist. Ich habe aktiv gesagt, meine Kollegin und ich seien von der Gruppe sexuell belästigt worden und dass es ein schlimmer Abend für mich war. Er hat mich nicht ernst genommen und meinte: ‹Haben sie denn gut konsumiert? Ja? Dann ist’s ja halb so schlimm.›
Anonym, 25 Jahre alt
«Ein Mitarbeiter kommt an die Bar. Ich stehe mit dem Rücken zu ihm, nach vorn gebückt da, weil ich etwas einräumen muss. Er meint: ‹Bleib ruhig so stehen, es gefällt mir dich so zu sehen› Er läuft grinsend weg, als ich mich umdrehe, um reagieren zu können.»
Anonym, 22 Jahre alt
«Vor Beginn des Abendservices wurde immer für die Mitarbeitenden gekocht und wir assen gemeinsam an einem Tisch. Als ich an diesem Abend zum Essen kam, scannte ein Mitarbeiter meinen Oberkörper und fing laut über meine Brustgrösse an zu reden. Er fragte mich, welche Körbchengrösse ich hätte. Plötzlich waren meine Brüste das Gesprächsthema in der Männerrunde. Es war mir ziemlich unangenehm und ich fand es vor allem absurd, dass lachend darüber geredet wurde, als wäre das normal. Ich überlegte, ob ich wütend werden sollte, und ihnen sagen sollte, dass sie aufhören sollen. Ich befürchtete aber, belächelt zu werden, oder als überempfindlich betitelt zu werden. Ich sagte, also lachend, dass es schon etwas absurd sei, dass alle über meine Brüste diskutieren. Darauf antwortete mein Mitarbeiter, es sei schwierig bei der Grösse meiner Brüste und dem engen Shirt nicht darüber zu reden.»
Anonym, 23 Jahre alt

«Nur gemeinsam können wir etwas bewirken»

Das Gastra Kollektiv formuliert auch klare Lösungsansätze: «Es braucht in allen Betrieben Schulungen gegen sexuelle Belästigung. Es erfordert diesbezüglich eine klare Handhabung: Wir müssen unangenehme Gäste verwarnen und des Lokals verweisen und dabei auf die Rückendeckung unserer Chefs und Chefinnen und Mitarbeitenden zählen können.»

Doch das Kollektiv spricht auch noch weitere Punkte an, bei denen es in der Gastronomie dringend Verbesserungen benötigt: «Nach der Pandemie haben enorm viele Gastroangestellte den Job gewechselt. Kein Wunder, denn die Arbeitsbedingungen sind mies.»

«Konkret braucht es höhere Löhne, keine Arbeit auf Abruf, ausser entlöhnte Pikettdienste, eine klare Haltung aller Betriebe gegen Sexismus und Schutz der Beschäftigten, höhere Entschädigung für Nacht und Sonntagsarbeit», ergänzt es.

Das Kollektiv hat eine Vision: «Wir wollen in unseren Betrieben mitreden, denn um unsere Bedürfnisse kümmert sich sonst niemand. Deshalb müssen wir Gastroarbeitende uns zusammen schliessen. Nur gemeinsam können wir etwas bewirken.»

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283 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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zemmi11
31.03.2023 16:05registriert Juni 2020
Ich bin vor fünf Jahren von der Baustelle in ein Hotel gewechselt als Hauselektriker. Ich war wirklich geschockt, was man sich so anhören muss von mitarbeitenden in der Gastronomie. Egal ob man männlich oder weiblich ist. Eine Kollegin sagte mir mal auf die Frage was sie gewollt habe als ich ihr Anruf verpasst habe: "Das einzige was ich von dir will ist das zwischen deinen Beinen." In der Regel ist einer der ersten Sätze, welche ich den weiblichen Sommersaisoniers sage: "Das isch fall Beläschtugung, das seid mer nöd". Die ganze Branche hat da ein riesen Problem. Darum ab Juni wieder aufm Bau.
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CrispMüesli
31.03.2023 18:18registriert Dezember 2016
Ich kann echt nicht verstehen, wie einige Menschen derart anstandslos und respektlos sein können.

Haben die Nachts im Bett echt das Gefühl den Tag gut gelebt zu haben, nachdem sie andere dermassen diffamieren und wie Dreck behandeln?

Ich meine kräuselt da nicht irgendwo auch nur ein bisschen schlechtes Gewissen oder Schuldgefühl im Nacken?

Die haben doch einen totalen inneren Mangel oder eine enorme Minderwertigkeit. Genau wie die Mobber.
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JefftheBeff
31.03.2023 17:12registriert Juni 2020
Schlimm, dass man sich als erwachsener Mensch so unterirdisch benehmen muss. Solche Leute müssen vom Lokal verwiesen werden, ohne wenn und aber. Alles andere wäre respektlos gegenüber dem Personal.
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