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Schweiz
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Das Nationale hat Hochkonjunktur: Eidgenossen mit Hellebarden auf dem Zürcher Paradeplatz am 1. August. Bild: KEYSTONE

Nachlese zu Ecopop

Schadenfreude nach dem #Ecoflop ist verfehlt – der Zeitgeist tendiert zur Abschottung

Das klare Nein zu Ecopop täuscht. Die Stimmung in der Schweiz gegenüber der Zuwanderung bleibt skeptisch. Viele haben das Gefühl, dass sie nicht bekommen, was ihnen zusteht.



Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Eine Woge der Erleichterung brandete am letzten Sonntag durch die sozialen Medien, als sich schon sehr früh die Ablehnung der Ecopop-Initiative abzeichnete. Der Hashtag #Ecoflop wurde zum Schlagwort des Tages, wobei die Freude über das Nein nicht selten mit Häme angereichert war. Schadenfreude eben.

Mehr oder weniger offen kam dabei die Hoffnung zum Ausdruck, mit dem Ecopop-Debakel auch das Ergebnis vom 9. Februar rückgängig machen zu können. Eine illustre Gruppe von Professoren und Kulturschaffenden mit Namen «Raus aus der Sackgasse» (RASA) schritt zwei Tage später zur Tat: Sie lancierte eine Volksinitiative mit dem Ziel, den mit dem Ja zur SVP-Zuwanderungsinitiative in die Bundesverfassung geschriebenen Artikel 121a kurzerhand wieder zu streichen.

Der 9. Februar als Betriebsunfall, der möglichst schnell behoben werden muss. Eine Ansicht, die vorab in der urbanen Schweiz weit verbreitet ist. 

Wer so denkt, könnte ein böses Erwachen erleben. Das Nein zu Ecopop bedeute nicht, «dass die Schweizer ihre Zuneigung zu den Zuwanderern entdeckt haben», kommentierte das britische Wirtschaftsmagazin «The Economist». Schon ennet der Stadtgrenzen beginnt in den Agglomerationen eine andere Welt, in der ein anderes Denken vorherrscht. 

Viele Mittelständler haben den Eindruck, sie kämen lohn- und karrieremässig nicht vom Fleck

Einen Einblick liefert das jährliche Sorgenbarometer der Credit Suisse, das ebenfalls diese Woche veröffentlicht wurde. Auf den ersten Blick scheint alles paletti. Die Schweizer sind zufrieden mit ihrem Leben und ihrer wirtschaftlichen Situation. Dennoch bleibt die Angst vor Arbeitslosigkeit die grösste Sorge, gefolgt von so ziemlich allem, was mit dem Ausland zu tun hat. Gleichzeitig erlebt der Patriotismus einen Höhenflug: 90 Prozent der Befragten sind stolz darauf, Schweizer zu sein, so viele wie nie seit 1976, als das CS-Barometer erstmals erhoben wurde. 

Nationalstolz auf der einen Seite, Skepsis gegenüber dem Ausland auf der anderen, und fertig ist ein Zeitgeist, der zur Abschottung tendiert.

Um das zu verstehen, muss man Einblick nehmen in die Gefühlslage des Agglo-Mittelstands. Sein Unbehagen wegen der starken Zuwanderung wird oft mit Verlustängsten erklärt. Übersehen wird dabei ein mindestens so starkes Motiv: Das Gefühl, auf Dinge verzichten zu müssen, die für die Generation der Eltern selbstverständlich oder zumindest erreichbar waren. 

Drei Maenner diskutieren am 23. Juni 2009 im Flur des Regionalen Arbeitsvermittlungszentrums RAV in Sargans im Kanton St. Gallen, Schweiz. (KEYSTONE/Gaetan Bally)

Die Arbeitslosigkeit ist tief, doch viele fürchten den Jobverlust im Alter. Bild: KEYSTONE

Beispiel Jobverlust: Die Sorgen der Leute sind auf den ersten Blick unbegründet. Trotz starker Zuwanderung ist die Arbeitslosigkeit in der Schweiz tief, eine Verdrängung von Einheimischen durch Zuwanderer findet nicht statt. Doch viele Mittelständler haben den Eindruck, sie kämen lohn- und karrieremässig nicht vom Fleck. Ihre Eltern konnten dank Inländervorrang den beruflichen Aufstieg erreichen, auch wenn sie nicht über optimale Qualifikationen verfügten.

Damals herrschte in vielen Unternehmen ein familiäres Klima. Heute fühlen sich Arbeitnehmer oft als anonymes Rädchen in einer Maschinerie, in der es keinen Direktor mehr gibt, sondern einen CEO, in der die Personalabteilung in Human Resources Department umbenannt wurde. Und in der ihnen ein Ausländer mit Hochschulabschluss und geringerem Lohnanspruch vor die Nase gesetzt wird.

Wer stagniert, der fürchtet den Absturz. Im konkreten Fall den Jobverlust mit 50 oder schon mit 45 und die Aussicht, keine neue oder gleichwertige Arbeit mehr zu finden. Es droht der soziale Niedergang im Alter, eine Horrorvision in unserer Wohlstandsgesellschaft. 

Ein Einfamilienhaus reiht sich an das naechste in Buchs, Kanton St. Gallen, aufgenommen am Freitag, 5. November 2010. (KEYSTONE/Alessandro Della Bella)

Einfamilienhäuser in Buchs (SG), ein Idealzustand für viele. Bild: KEYSTONE

Beispiel Wohnen: Viel ist die Rede von «Dichtestress». Nur wird dieser Begriff meistens falsch interpretiert. Für Agglo-Mittelständler bedeutet Dichtestress, dass sie in einer Mietwohnung hausen, aber vom Eigenheim mit Umschwung träumen. Wie es für frühere Generationen erreichbar schien. Die Realität sah anders aus: Weil Bauen hierzulande teuer ist, konnten sich nicht alle ein Einfamilienhaus leisten. Die Schweizer waren und sind ein Volk von Mietern.

Das Wohnen im Hüsli aber bleibt ein Idealzustand. Dies zeigt eine weitere Erhebung der Credit Suisse, das Jugendbarometer. Mehr als 80 Prozent der Jungen träumen vom eigenen Haus. Je mehr Ausländer jedoch ins Land kommen, nicht zuletzt die hoch gelobten, gut verdienenden Fachkräfte, umso unerreichbarer wird es. Im Tiefsteuerkanton Zug ist dies schon heute der Fall, dort sind Einfamilienhäuser für Normalverdiener zum Luxusobjekt geworden. 

Auch daraus entstehen Ressentiments. Das Wohnen im genossenschaftlichen Blockrandbau, das Bundesrätin Simonetta Sommaruga propagiert, finden eben längst nicht alle cool.

Einfamilienhäuser für alle sind keine Option, das Mittelland müsste zubetoniert werden. Der berufliche Frust dagegen kann angegangen werden. 

Die Erwartung, es möge jeder Generation besser gehen als der vorherigen, steckt tief im Bewusstsein vieler Menschen. Wird sie nicht eingelöst oder hat man gar den Eindruck, Abstriche hinnehmen zu müssen, entsteht ein Verzichtssyndrom. Wer jedoch das Gefühl hat, zu kurz zu kommen, ist empfänglich für irrationales Verhalten. Bei der Ecopop-Initiative hat die Vernunft gesiegt, doch das muss für künftige Abstimmungen nichts bedeuten.

Was wäre zu tun? 

Einfamilienhäuser für alle sind keine Option, das Mittelland müsste zubetoniert werden. Der berufliche Frust dagegen kann angegangen werden. Die Wirtschaft muss ihre Lippenbekenntnisse in die Tat umsetzen und das einheimische Potenzial vermehrt fördern, vor allem Frauen und ältere Leute. Die Unternehmen müssten die Karrierepläne der Belegschaft unterstützen und nicht nur individuelle, sondern wieder einmal generelle Lohnerhöhungen vornehmen. Damit das im Vorfeld der Ecopop-Abstimmung oft beschworene Wachstum auch bei den Leuten ankommt.

Wahrscheinlich ist das nicht. Die globalisierte Denkweise hat längst auch in den KMU Einzug gehalten. Höhere Löhne gelten als Kostentreiber, das Personal muss gut ausgebildet und gleichzeitig günstig sein. 

Von einer «Repolitisierung» der Wirtschaft war im Vorfeld der Ecopop-Abstimmung die Rede. Ohne Rücksicht auf die Befindlichkeiten im Mittelstand wird daraus nichts werden. Dann wird sich der Ecoflop als Episode herausstellen und der nächste 9. Februar nur eine Frage der Zeit sein.

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