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Schweiz
Gesellschaft & Politik

«Safer Phone»: 5G-Kritiker lancieren gemeinsam mit Grünen Initiative

Handy Strahlung Mobile cellphone Masten
Viele Menschen zählen sich zu den «Elektrosensiblen» – wissenschaftlich bewiesen ist das nicht.Bild: shutterstock.com

5G-Kritiker lancieren Initiative – und erhalten Unterstützung von den Grünen

In Gebäuden soll nur noch über WLAN gesurft werden: Der Verein Frequencia lanciert die Safer-Phone-Initiative. Unterstützung erhält der verschwörungstheoretisch angehauchte Verein von den Grünen.
16.09.2022, 06:0217.09.2022, 08:35
Dennis Frasch
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Einen besseren Start hätte sich die Safer-Phone-Initiative nicht wünschen können. Ende August machte der Blick publik, dass Bundesrat Alain Berset sich privat an seinem Wohnort gegen den Bau einer 5G-Antenne wehrte. Mit Erfolg.

Nun ist Berset das unfreiwillige Aushängeschild der Initiative. Diese verlangt, dass das Internet in Innenräumen in Zukunft hauptsächlich über Glasfaser kommt – und nicht übers Handynetz. Am Dienstag startete die Unterschriftensammlung.

Die Initiative gibt zu reden, denn sie stammt von einem Verein, der teilweise absurde Verschwörungstheorien verbreitet. Dennoch wird die Vorlage offiziell von den Grünen unterstützt. Auch einzelne SP-Exponenten sitzen im Initiativkomitee. Was ist hier passiert? Ein Überblick.

Was will die Initiative genau?

Die Vorlage will den Gesundheitsschutz vor nichtionisierender Strahlung in die Bundesverfassung schreiben. Bund und Kantone sollen Massnahmen treffen «zum Schutz der Menschen, Tiere und Pflanzen sowie ihrer Lebensräume» vor technisch erzeugter Strahlung.

Konkret verlangt die Initiative, dass das Internet in Wohnungen, Büros und anderen Innenräumen in Zukunft «grundsätzlich über das Kabelnetz» kommen soll. Dafür soll das Glasfasernetz in der Schweiz ausgebaut werden. Das Initiativkomitee betont dabei immer wieder, dass man den Mobilfunk nicht verbieten wolle, sondern lediglich vorsorgeorientiert handle.

«Wir wollen eine Entflechtung der Versorgung von Innen- und Aussenräumen mit Funk erreichen», sagt Michael Töngi. Der Grünen-Nationalrat sitzt im Initiativkomitee. «Dann müssen die Antennen nicht mehr so stark strahlen».

Michael Toengi, GP-LU, stellt eine Frage, an der Herbstsession der Eidgenoessischen Raete, am Montag, 10. September 2018 im Nationalrat in Bern. (KEYSTONE/Alessandro della Valle)
Grünen-Nationalrat Michael Töngi.Bild: KEYSTONE

Gegenüber dem SRF wurde SP-Nationalrätin und Mitinitiantin Martina Munz noch deutlicher: «Mindestens zehn Prozent der Bevölkerung fühlen sich vom Elektrosmog belästigt. Diese Leute wollen wir nicht noch höheren Strahlen aussetzen.»

Wer steckt hinter der Initiative?

Lanciert wurde die Initiative vom Verein Frequencia. Dieser wurde 2019 gegründet, um in Bern gegen die Einführung von 5G zu demonstrieren.

Unterstützung erhalten sie von Politikerinnen und Politikern verschiedenster Couleur, unter anderem sieben Nationalräten. Die Grünen haben sich zudem offiziell dazu entschieden, die Initiative als gesamte Partei zu unterstützen.

Warum ist die Initiative so kontrovers?

Die Initiative wurde bereits von verschiedenster Seite angegriffen, weil sie jeglicher wissenschaftlicher Grundlage entbehre. So konnte bis heute keine gesundheitliche Beeinträchtigung durch Mobilfunkstrahlung nachgewiesen werden. Auch für die Elektrosensibilität gibt es keine Beweise.

So ist auch auf der Website der Initiative keine einzige wissenschaftliche Quelle aufgelistet. Grünen-Nationalrat Michael Töngi sagt dazu: «Wir handeln nach dem Vorsorgeprinzip. Denkbare Schäden sollen im Voraus vermieden werden. Die Safer-Phone-Seite ist eine Kampagnenseite für die Unterschriftensammlung. Sie wird weiter ergänzt. In der Medienmappe zur Lancierung haben wir Nachweise aufgeführt.»

Fakt ist: Unter dem von der Weltgesundheitsorganisation WHO definierten Grenzwert für nichtionisierende Strahlung sind bisher keine gesundheitlichen Auswirkungen nachgewiesen worden. Und die gesetzliche Höchststrahlung von Antennen in der Schweiz liegt weit unter diesem Grenzwert. Das bestätigt auch der Umweltepidemiologe Martin Röösli. Er leitet die Einheit Umwelt und Gesundheit am Schweizerischen Tropen- und Public-Health-Institut und untersucht seit rund 20 Jahren die Auswirkungen von Mobilfunkstrahlung auf den menschlichen Körper.

Röösli steht der Initiative deswegen skeptisch gegenüber. Er könne es zwar unterstützen, dass Menschen generell nur so wenig Strahlung wie nötig ausgesetzt werden sollen, «aber die Vorlage ist einfach nicht wissenschaftsbasiert». Der Umweltepidemiologe spricht deswegen von einem «Marketing-Instrument der Baubiologen-Lobby».

Des Weiteren sei die Terminologie des Initiativtextes verwirrend. «Nichtionisierende Strahlung geht ja weit über Handystrahlen heraus. Elektrische Beleuchtung oder Wärmestrahlung von Radiatoren gehören da auch dazu. Soll in der Bundesverfassung also auch geregelt werden, wie mit Heizungen oder Lampen umgegangen wird?»

Als letzten Punkt bemängelt Röösli, dass die Initiative den Fortschritt verhindere. So wolle man für Funkverbindungen eine möglichst geringe Exposition Dritter erreichen. «Bald wird sich jedoch zeigen, dass das am besten mit 5G oder 6G realisiert werden kann. Nicht unbedingt im Sinne des Zielpublikums der Initiative.»

Gibt es noch mehr Gründe für Kritik?

Ja. Auslöser dafür ist der Verein Frequencia. Auf deren Website wurden bis in jüngster Vergangenheit noch Verschwörungstheorien verbreitet. So war dort zu lesen, dass 5G mitverantwortlich sei für die Coronapandemie. Oder dass Industrie und Staat «die Wahrheit über die zerstörerischen Auswirkungen von 5G» verbergen würden. Mittlerweile ist die Website nicht mehr aufrufbar. Man arbeite mit Hochdruck an einem neuen Webauftritt, heisst es stattdessen.

Konfrontiert mit der Aussage sagt Marcel Hofmann: «Ja, wir hatten einen Artikel verfasst, der der Frage nachging, ob ein Zusammenhang besteht zwischen eingeführtem Mobilfunkstandard 5G und den Sterblichkeitsfällen bei Corona», sagt das Frequencia-Vorstandsmitglied. «Die Fragen können jedoch abschliessend nicht beurteilt werden, auch wenn erste Zahlen einen Zusammenhang zugelassen haben.»

Richtig distanzieren von den Aussagen will sich Hofmann also nicht. «Es gibt Sachverhalte, die man kritisch hinterfragen muss.» Manchmal seien diese suboptimal formuliert. Doch das bedeute nicht, dass sie nicht richtig seien. «Wir sind eine Non-Profit-Organisation, haben begrenzte Möglichkeiten, keine Festangestellten und fühlen uns manchmal ohnmächtig im Kampf gegen die Positionen von Konzernen mit Millionenbudgets.»

Mittlerweile sei der Verein aber moderater geworden. «Wir haben einen Wandel durchgemacht. Um etwas zu erreichen, muss man in einer Zusammenarbeit mit der Politik nach Lösungen suchen. So wie wir es bei der Safer-Phone-Initiative gemacht haben.»

Im Gespräch wird jedoch klar, dass man der Wissenschaft nach wie vor nicht traut. «Als Fachleute mit einem baubiologischen Hintergrund haben wir generell einen praktischen Ansatz und beziehen uns auf die Wissenschaft. Aber es gibt einfach Dinge, die man nur in der Praxis erkennen kann», sagt Hofmann. Für Strahlungsgrenzwerte in Schlafzimmern halte man sich deswegen zum Beispiel an «Erfahrungswerte aus der Baubiologie in Deutschland». Nicht an die Vorgaben der Anlagegrenzwerte aus dem Umweltschutzgesetz.

Warum machen die Grünen da mit?

Stellt sich die Frage, wieso die sonst so wissenschaftstreue Grüne Partei mit Frequencia gemeinsame Sache macht. «Es war eine knappe Entscheidung der Delegierten», sagt Nationalrat Michael Töngi.

Augenscheinlich wird diese knappe Entscheidung mit der deutlichen Kritik aus den eigenen Reihen. So veröffentlichte das Grüne Bündnis Bern am Dienstag eine Stellungnahme, in der es schreibt:

«Wir distanzieren uns deutlich von der Safer-Phone-Initiative und den antidemokratischen und wissenschaftsfeindlichen Kreisen dahinter.»

Michelle Huber, Vorstandsmitglied der Jungen Grünen in Zürich, schrieb auf Twitter: «Für Pseudowissenschaft haben wir keinen Platz.»

Michael Töngi sieht das weniger eng. «Was die Grünen und Frequencia verbindet, ist der Initiativtext, an dem wir lange gearbeitet haben». Er sei zwar auch der Ansicht, dass auf der Website von Frequencia «viel wirre und absurde Dinge» publiziert wurden. Dafür seien die Grünen aber nicht verantwortlich. Was jetzt zähle, sei die Initiative. «Und da hatten wir eine gute Zusammenarbeit.»

Der Initiativtext im Wortlaut:
1. Bund und Kantone treffen Massnahmen zum Schutz der Menschen, Tiere und Pflanzen sowie ihrer Lebensräume vor technisch erzeugter nichtionisierender Strahlung.
2. Sie sorgen für den Einsatz emissionsarmer Techniken in allen Anwendungsbereichen. Anlagen und Geräte halten den Grundsatz der tiefstmöglich erreichbaren Exposition ein. Die Grenzwerte werden entsprechend diesem Grundsatz geregelt.
3. Für Funkverbindungen sind kurze Übertragungsstrecken und eine geringe Exposition Dritter massgebend.
4. Die Versorgung der Wohn- und Geschäftseinheiten mit Fernmeldediensten erfolgt grundsätzlich über das Kabelnetz.
5. Bund und Kantone bevorzugen und fördern den Einsatz von funkfreien Techniken.
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Diese Verschwörungstheorien sind wirklich wahr. So wirklich wirklich. Wirklich.

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433 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Unicron
16.09.2022 06:33registriert November 2016
Ach bitte, schon wieder so eine Knalltüteninitiative.

"Mindestens zehn Prozent der Bevölkerung fühlen sich vom Elektrosmog belästigt."

Das würde eher darauf hindeuten dass es in der Schweiz schlicht zu wenig Psychotherapeuten gibt.
Gibt es eigentlich keine Globuli für Leute mit Angst vor Elekrosmog?
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Frankygoes
16.09.2022 06:33registriert März 2019
Kann mir einer erklären, wie die Umsetzung funktionieren soll: Zwischen den Häusern 5G, aber in den Häusern nicht? Kriegt jeder Beleuchtungskandelaber seine eigene 5G Antenne? Verkleiden wir unsere Häuser mit Bleiplatten? ..und wie funktioniert das, wenn ich zu Hause nur noch über's Handy ins Internet gehe? ..muss ich mir jetzt einen Glasfaseranschluss nebst WLAN-Router bestellen?
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ChlyklassSFI // FCK NZS
16.09.2022 06:25registriert Juli 2017
Sie belügen sich ja selbst. Ich bin auch auf die Nachweise gespannt, die sie eigentlich ja haben... 🙈 Ich kriege die Krise, wenn ich deren Behauptungen und Erklärungsversuche für ihr "kritisches Nachfragen" lese.
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