«Die Bankiers der Nazis»: Der Streit um die Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg
Der Vorwurf hat es in sich: Die Schweizer Grossbank UBS will die weitere Erforschung des Holocaust stoppen. So sollen jüdische Organisationen nicht mehr über die Rolle der Schweizer Banken beim Massenmord an den Juden sprechen dürfen. Dies behauptete Anfang Februar der Senator Ted Cruz während einer Anhörung in Washington. In seiner Hand hielt der Republikaner dabei ein Papier, das aus der Distanz aussah wie ein Gerichtsdokument.
Die Vertreter der Schweizer Grossbank wiesen diese Aussagen von Senator Cruz entschieden zurück. Die UBS habe kein Interesse daran, jüdische Organisationen zum Schweigen zu bringen, sagte Chefjuristin Barbara Levi. Doch die Worte der Italienerin verhallten ungehört im grossen Sitzungsraum des Justizausschusses, in dem amerikanische Volksvertreter – einmal mehr – über den Finanzplatz Schweiz zu Gericht sassen.
Die Sympathien der Senatoren flogen stattdessen Rabbi Abraham Cooper zu, dem hochrangigen Vertreter des Simon Wiesenthal Center (SWC). Cooper sagte, die UBS wolle verhindern, dass die Wahrheit ans Licht komme. Damit bedrohe die Schweizer Bank auch die Existenz seines Forschungsinstituts. Dabei sei das SWC doch gerade jetzt wichtig, in Zeiten des wachsenden Antisemitismus.
Angesichts dieser massiven Anwürfe stellt sich die Frage: Wie konnte es nur so weit kommen? Warum steckt mit der UBS wieder eine Schweizer Bank im Morast der Nazi-Zeit fest, ein Vierteljahrhundert nach dem mühevoll ausgehandelten Grossbankenvergleich – der eigentlich einen Schlussstrich unter dieses schwarze Kapitel der Geschichte hätte ziehen sollen?
Um diese Fragen zu beantworten, lohnt sich ein Blick auf die juristischen, politischen und historischen Hintergründe der neuen Kontroverse. Und auf die führenden Personen.
Wie das SWC den Vergleich torpedierte
Um Marvin Hier ist es still geworden. Ende 2023 trat der Gründer des Holocaust-Forschungsinstituts Simon Wiesenthal Center in den Ruhestand; seither lässt sich der gut vernetzte Rabbi nur noch selten in der Öffentlichkeit blicken.
Sein Einfluss in der Debatte um die Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg aber bleibt, auch weil Hier 1999 dem Grossbankenvergleich mit seiner schwungvollen Unterschrift zugestimmt hatte. Ganz freiwillig geschah dies nicht. Vielmehr bestanden «die Banken darauf, dass alle relevanten Gruppierungen der Gegenseite (...) die Einigung mittrugen», wie es der Historiker Thomas Maissen in seinem Standardwerk «Verweigerte Erinnerung» (2005) formulierte.
Also unterschrieb Hier. Der Rabbi sicherte damit zu, die gefundene Lösung nicht mehr öffentlich zu hinterfragen – dazu gehörte explizit auch der Verzicht auf neue Klagedrohungen gegen Schweizer Banken. So ist es im «Exhibit 1» zum «Class Action Settlement Agreement» nachzulesen, das vom New Yorker Bundesrichter Edward Korman genehmigt wurde.
Lange Jahre hielten Hier und seine Nummer zwei Abraham Cooper sich an diese Abmachung. Im Frühjahr 2020 veröffentlichte das SWC aber eine Pressemitteilung mit Sprengpotenzial. Titel der mittlerweile gelöschten Stellungnahme: «Das Simon Wiesenthal Center enthüllt 12'000 Namen von Nazis, von denen viele angeblich Bankkonten hatten, die zur Credit Suisse transferiert wurden.»
Wie die UBS einen Bundesrichter einschaltete
Die Anwälte der CS reagierten alarmiert. Vertreter der noblen Kanzlei Gibson Dunn, die seit dem Zusammenbruch der Credit Suisse von der UBS entlöhnt werden, benachrichtigten Richter Korman über diesen angeblichen Verstoss gegen den Grossbankenvergleich. Rasch schaukelte sich die Angelegenheit hoch; sowohl Gibson Dunn als auch das SWC drohten mit Rechtsmitteln.
Zwei Mediationsversuche, eingefädelt von Richter Korman, schlugen fehl. Ende Januar platzte der Schweizer Grossbank deshalb den Kragen und sie rief den Bundesrichter dazu auf, ein Machtwort zu sprechen. «Die UBS beantragt höflichst, dass das Gericht eine Anordnung erlässt, die den Umfang des Vergleichs und die Verpflichtungen der Parteien klärt», ist in einem Schreiben mit Datum 28. Januar 2026 nachzulesen.
Der Einfachheit halber legten die Gibson-Dunn-Anwälte dem Brief eine vorformulierte Anordnung bei. Das ist im amerikanischen Justizwesen nicht ungewöhnlich, und dem Bundesrichter steht es frei, diesen Vorschlag zu ignorieren. Das war wohl das Dokument, auf das Senator Cruz während der Anhörung in der ersten Februar-Woche verwies. Darin ist auch der Passus zu lesen, das Simon Wiesenthal Center dürfe künftig keine «öffentliche Kontroverse» über den Grossbankenvergleich mehr entfachen.
Sonst aber bestätigt das Dokument in Grundzügen den Status Quo: Der Grossbankenvergleich ist bindend für alle Parteien. Auch deckt die Zahlung von 1,25 Milliarden Dollar sämtliche Ansprüche gegen UBS und Credit Suisse ab, selbst wenn Historiker in Archiven auf neue Informationen stiessen.
Für den 10. März hat Korman nun eine Gerichtssitzung in New York einberufen. Der Ausgang dieser Anhörung ist offen. Juristisch aber scheint die UBS am längeren Hebel zu sitzen. So deutete der Richter bereits an, dass er die Positionsbezüge des SWC nicht immer nachvollziehen könne. Auch wird der 83 Jahre alte Korman nicht vergessen haben, dass die Organisation in den Vergleichsverhandlungen vor mehr als einem Vierteljahrhundert nicht immer eine konstruktive Rolle gespielt hatte.
Welche Rolle Neil Barofsky in dem Streit spielt
Aber das SWC besitzt einflussreiche Fürsprecher, und zwar nicht nur in Washington, sondern auch in der Schweiz – mit der Person von Neil Barofsky. Der amerikanische Jurist durchsucht seit Juni 2021, mit einigen Unterbrüchen und vielen Helfern, das Archiv der Credit Suisse nach Nazi-Konten. Den Ausschlag für diese Suche hatte die SWC-Mitteilung über die 12'000 Nazi-Kriegsverbrecher in Argentinien gegeben.
Diese Zahl war höchstwahrscheinlich falsch. In einem Zwischenbericht, den Barofsky Anfang Februar dem Senat vorlegte, ist noch die Rede von 71 Nazis in Argentinien, deren Hausbank die CS gewesen sei.
Dennoch lobte Barofsky Anfang Februar die Zusammenarbeit mit dem SWC in seinen Ausführungen im Senat ausdrücklich. Er bezeichnete das Institut «als Einfallstor», das ihm den Zugang zu den Archiven in Argentinien erleichtere. Über den juristischen Vorstoss der UBS zeigte sich Barofsky im Senat deshalb «besorgt».
Barofsky soll die Dokumente später bekommen
Interessanterweise ist es Barofsky, der bisher am stärksten unter der Schlammschlacht zwischen UBS und SWC leidet. Denn die Bank hält ihm ungefähr 290 Aktensammlungen vor, in die er gerne Einsicht nehmen würde – weil diese Dokumente angeblich Auskunft über Konten von hochrangigen Nazis bei Vorgängerinstituten der Credit Suisse geben könnten.
Die Aktenstücke aber sind blockiert. Die UBS behauptet, sie stünden im Zusammenhang mit dem SWC-Rechtsstreit. Anscheinend bestätigen sie den Verdacht von jüdischen Organisationen, dass die Credit Suisse in den Neunzigerjahren heikle Aktenfunde nicht publik machte – aus Angst, noch mehr Geld bezahlen zu müssen.
Barofsky kann das eigentlich egal sein. Der Grossbankenvergleich ist eines der wenigen Themen, mit denen er sich nicht beschäftigt. Auch scheint die UBS ihm zugesichert zu haben, dass er nach dem Ende des SWC-Rechtsstreits Einblick in die meisten blockierten Akten bekommen werde.
Für das SWC wiederum steht viel auf dem Spiel. Sollte Korman den Vergleich bestätigen, droht das Forschungsinstitut den vielleicht beliebtesten Prügelknaben zu verlieren, den das über Spenden finanzierte Institut je hatte: die Schweizer Grossbanken.
Deshalb heizt Rabbi Cooper nun die Stimmung noch einmal an. In den Unterlagen, die er Anfang Februar dem Senat vorlegte, ist der Satz zu lesen: Bei der Credit Suisse hätten «die Bankiers der Nazis» gearbeitet. Mit solchen Worten hält das SWC die Kontroverse in Amerika am Köcheln. (aargauerzeitung.ch)
