Schweiz
Gesellschaft & Politik

Grüne fordern Solarpanels auf allen Dächern

Grüne fordern Solarpanels auf allen Dächern – was die Initiative für die Schweiz bedeutet

Die Grünen feiern heute ihren 40. Geburtstag mit einem grossen Fest. Passend dazu will Präsident Balthasar Glättli eine Initiative für eine Solaroffensive lancieren. Grund dafür ist das Parlament.
13.05.2023, 06:43
Othmar von Matt / ch media
Mehr «Schweiz»
Balthasar Glättli, Fraktionschef der Grünen, sieht die Grundrechte in Krisenzeiten nicht genügend geschützt. (Archivbild)
Präsident der GRÜNEN: Balthasar Glättli.Bild: KEYSTONE

Die Grünen feiern heute ihr 40-Jahr-Jubiläum. Was war für Sie die bisher schönste Überraschung in der Partei?
Balthasar Glättli: Definitiv der Wahlsonntag 2019, als wir einen gewaltigen Sprung schafften von 7.1 auf 13.2 Wählerprozent. Der Tag begann mit einem Ereignis, das niemand auf dem Radar hatte. Als allererste Meldung hiess es, der grüne Mathias Zopfi habe in Glarus einen Ständeratssitz gewonnen. Von da an wussten wir: Alles ist möglich.

Gegründet worden sind die Grünen am 28. Mai 1983, als Sie 11 Jahre alt waren. Erinnern Sie sich daran?
Das war noch ausserhalb meiner politischen Wahrnehmung.

Wann traten Sie den Grünen bei?
Politisiert haben mich das Waldsterben 1983 und die Atom- und Chemieunglücke von Tschernobyl und Schweizerhalle 1986. Als Jugendlicher schrieb ich Tagebuch: Ich konnte nachlesen, wie ich mich damals freute, dass den Grünen 1987 in Zürich ein Erdrutschsieg gelang. Zunächst engagierte ich mich aber in einer von mir mitgegründeten lokalen Umwelt- und Drittweltgruppe. Weil ich viele Leserbriefe im Zürcher Oberländer schrieb, kamen die Grünen auf mich zu. Dass ich bei den Grünen landete, hat damit zu tun, dass für mich immer klar war: Umwelt ist die grosse Zukunftsfrage.

Umwelt war vor 40 Jahren das Alleinstellungsmerkmal der Grünen. Heute ist es Mainstream. Alle Parteien, mit Ausnahme der SVP, sind grün. Werden die Grünen damit überflüssig?
Viele Grünen sagten genau das damals: Wir gehen in die Politik, um uns überflüssig zu machen. Und zum Glück ist vieles, für das man uns belächelte, Mainstream geworden! Früher wurden wir als Öko-Fundis verschrien, wenn wir über Kehrichtsackgebühren sprachen, über Plastik sammeln und Abfall trennen. Heute sind alle stolz darauf, von links bis rechts. Viele grüne Ideen sind effektiv in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

Wollten auch Sie sich überflüssig machen?
Nie. Für mich war immer klar: Diese Aufgabe hinterfragt unsere Wertvorstellungen derart tief, dass man das Ziel nicht in 20, 30 oder 40 Jahren erreicht. Die Grünen warnten schon bei der Gründung vor einer einseitigen Fixierung auf das Wirtschaftswachstum. Wohlstand bedeutet nicht einfach, möglichst viel Geld umzusetzen. Diese Grundsatzfrage ist heute aktuell: Wie kann man die Wirtschaft umgestalten, damit sie nicht ihre eigenen Lebens- und Wirtschaftsgrundlagen untergräbt?

Nur: Auch die Wirtschaft ist grüner geworden. Ist das die Tragik der Grünen?
Es ist nie tragisch, Erfolg zu haben! Aber wir brauchen noch mehr grüne Erfolge. Es gibt noch viel zu tun. Seit wir zur viertgrössten Partei gewählt wurden, kommen viel mehr grosse Firmen, Konzerne und die Spitzen der Wirtschaftsverbände auf uns zu. Bei den Unternehmen spüre ich, dass sie die Themen Kreislaufwirtschaft – sorgfältig mit Rohstoffen umzugehen – und Klima oft ernster nehmen als die bürgerlichen sogenannten Wirtschaftsvertreter in der Politik und die Wirtschaftsverbände.

Als die Grünen gegründet wurden, war die Schweiz Vorreiterin in Sachen Umwelt. Heute ist sie nur noch Mittelmass. Woran liegt das?
Das stimmt. Das hat damit zu tun, dass Umweltthemen nach den 1980er Jahren sowohl beim Freisinn wie bei der SVP völlig versunken sind. Erst mit der Gründung der Grünliberalen lebte dieses Erbe wieder auf, das die FDP verloren hatte.

Am Freitag entschied die Umweltkommission des Ständerats beim Mantelerlass zur sicheren Stromversorgung, den Solarausbau zu schwächen und im Gegenzug die Bestimmung zum Restwasser zu entschärfen. Man will damit Referenden verhindern. Was sagen Sie dazu?
Damit verpasst man eine riesige Chance. Solar ist die akzeptierteste und eine der günstigsten Formen erneuerbarer Energien.

Lehnen die Grünen den Mantelerlass nun ab?
Wir stimmen dem Gesetz wohl trotzdem zu. Im Mantelerlass wurde auch viel erreicht, erstmals auch im Bereich der Energieeffizienz.

Sie schauen tatenlos zu, wie die Solarpflicht Makulatur wird?
Nein. Wir lancieren eine Volksinitiative für eine Solaroffensive, falls das Parlament nicht vorwärtsmacht.

Sie haben konkrete Pläne?
Ja. Bei Neubauten, Umbauten und Renovationen von Wohn- und Geschäftshäusern sollen alle geeigneten Flächen mit Solarpanels ausgerüstet werden. Das betrifft Hausdächer und Fassaden. Fassaden sind zentral für die Winterstromversorgung. Je steiler die Panels aufgestellt sind, desto mehr Energie produzieren sie auch im Winter, wenn die Sonne flach scheint.

Was geschieht mit bestehenden Bauten?
Wir planen eine Übergangsfrist bis 2040. Dann müssten auch bestehende Bauten umgerüstet sein. Es soll aber auch Ausnahmen geben bei der Solarpflicht.

Welche?
Etwa beim Ortsbildschutz im Dorfkern. Auch bei der Biodiversität. Werden Fassaden begrünt, um Hitzeinseln zu bekämpfen, kann man nicht gleichzeitig Solarzellen montieren. Zudem braucht es eine Härtefallklausel für Eigentümer, die das Geld nicht haben für die Montage von Solarpanels.

Denken Sie an staatliche Hilfen?
Nicht an neue Subventionen. Aber wir könnten uns einen staatlichen Fonds de Roulement vorstellen, also günstige Darlehen, die später wieder zurückfliessen.

Das sind weitgehende Ideen. Glauben Sie, die Bevölkerung macht mit?
Umfragen zeigen: 75 Prozent der Bevölkerung wollen, dass bei jeder Sanierung von Häusern Solaranlagen installiert werden. Die breite Bevölkerung trägt diese Ideen also tatsächlich mit.

Haben Sie ausgerechnet, wie viel Solarstrom auf wie vielen Gebäuden damit langfristig generiert werden könnte?
Schon 2019 rechnete eine Studie des Bundesamts für Energie mit 67 Terawattstunden (TWh) pro Jahr allein im Gebäudebereich, unterdessen sind die Module effizienter. Swisssolar nennt heute ein ausschöpfbares Potenzial auf Gebäuden und Fassaden von 86 TWh. Da sind die schützenswerten Ortsbilder bereits berücksichtigt.

Die Grünen arbeiten noch an anderen Initiativen. Wie weit ist die Klimafonds-Initiative mit der SP?
Sie ist im Endspurt. Ziel ist es, die Initiative im Laufe des Sommers einzureichen.

Wo steht die Europainitiative mit Operation Libero?
Der Initiativtext ist zur Vorprüfung bei der Bundeskanzlei eingereicht. Den Lead hat hier Operation Libero. Ich befürchte, dass der Bundesrat die echten Verhandlungen mit der EU wieder nicht startet. Umso notwendiger ist diese Initiative.

Die Grünen sind auch an der Initiative für einen zukunftsfähigen Finanzplatz beteiligt.
Diese Initiative wollen SP und Grüne im Rahmen der Klima-Allianz lancieren.

Es ist offenbar sehr schwierig, den Initiativtext zu formulieren?
Tatsächlich ist das nicht so einfach. Wir müssen uns überlegen, für welchen Bereich wir die Initiative lancieren. Wir können über die Anlagepolitik von Nationalbank und Pensionskassen direkt auf die Investitionen einwirken. Oder wir nehmen den Finanzplatz als Ganzes in die Pflicht. Das muss man aber geschickt tun, damit die Vermögen weiterhin in der Schweiz verwaltet werden und nicht nach Singapur abwandern.

Vieles deutet darauf hin, dass die Grünen die Wahlen 2023 verlieren. Wie gehen Sie damit um?
2019 legten wir über sechs Prozent zu. Seit Einführung der Proporzwahlen von 1919 hat nie eine Partei so viele Sitze gewonnen. Heute sind die Verschiebungen im Vergleich zu 2023 laut den Umfragen nur sehr minim. Aber sie gehen in die falsche Richtung. Das will ich nicht wegreden. Es braucht nicht weniger, sondern mehr Grüne! Wir kommen in die entscheidende Phase, haben in der Klimapolitik noch die letzte Möglichkeit, entschieden umzusteuern. Jetzt, nicht in 10 Jahren. Das ist die grosse Herausforderung.

Setzen die Grünen voll auf das Klima?
Die Klimatransformation steht für uns im Zentrum. Wir thematisieren aber auch die gesellschaftlichen Freiheiten. Wir haben den Eindruck, dass hier ein Backlash von rechts stattfindet, den die SVP aus den USA importiert. Leute, die anders leben wollen, sind angeblich plötzlich eine Bedrohung der Identität. Das macht mir Sorgen. In unserer Gesellschaft hat es genug Freiheit für alle. Dazu haben wir noch ein drittes Standbein.

Welches?
Gut zu leben, nach dem Motto grün statt grau. Hier geht es um Biodiversität, um lebendige Quartiere, um Natur in der Stadt, um die Hitzeinseln zu bekämpfen.

Was muss am 22. Oktober 2023 passieren, damit Sie wieder strahlen?
Ich bin schon jetzt optimistischer als gewisse Politologinnen und Politologen, die uns fast ganz abschreiben. Unsere Mitgliederzahl stieg seit 2019 von 10'000 auf 14'000. Wir setzen in der Mobilisierung auf diese Menschen. Ich strahle am 22. Oktober, wenn selbst meine optimistischen Erwartungen übertroffen werden – wie 2019.

Das sind?
Dass Unrecht hat, wer uns abschreibt. Wir wollen drittstärkste Partei werden. Ist der Glättli hyperoptimistisch? Man darf eines nicht vergessen: Unsere aktuellen Umfragen sind besser, also noch vor vier Jahren zum selben Zeitpunkt. (bzbasel.ch)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Das könnte dich auch noch interessieren:
138 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Barth Simpson
13.05.2023 12:49registriert August 2020
Der Plan von Glättli kann funktionieren, falls er nicht als Zwang empfunden wird. Im Prinzip haben Alle (zum Teil bis tief in die SVP hienein) vertanden, dass PV-Strom eine Riesenchanche ist, uns aus der Energiezwangsjacke (vor Allem der fossilen Energielobby) zu lösen.

Doch der beste Zubau von PV reicht nicht, wenn man deren Speicherung vernachlässigt! Im dezentralen Speicher-Bereich sehe ich eine riesige Chance für die neuen NACL-Batterien, welche praktisch frei von seltenen Rohstoffen sind. Sie sind auch extrem langlebig, viel günstiger, sicherer & viel kälteunempfindicher.
287
Melden
Zum Kommentar
avatar
Pat da Rat
13.05.2023 09:14registriert Mai 2022
Solardachpflicht, aber dann doch die Klausel re "Ortsbild"; nach jahrelangem erfolglosem Kampf eine Bewilligung für eine Solaranlage auf dem bestens dafür geeigneten und ausgerichteten Dach zu erhalten (abgelehnt weil: Ortsbild, da Dorfkern), glaube ich nicht mehr daran, dass die Gemeinde plötzlich von der "Ortsbild"- Klausel abweichen wird, mit welcher sie sich so verbissen und "erfolgreich" gegen Solardächer gewehrt hat. "Solardächer störten das Ortsbild des Dorfkerns". Nachbarhaus, 25m nördlich, hat Solardach und ich find das top. Aber jede freie Fläche zubetonieren ist gem. Gemeinde ok.
223
Melden
Zum Kommentar
avatar
FrancoL
13.05.2023 13:27registriert November 2015
Das Problem der Energie, im speziellen der Solarstromlösungen hat 2 Bremsklötze:
1
Es wird zu viel die Links/Rechts Zugehörigkeit gewertet, sieht man sehr gut bei den teilweise herbeigezauberten Argumenten.
2
Die grossen Energieplayer befürchten dass sie grosse Anteile verlieren und versuchen wo immer es geht die Zentralität als oberstes Glück zu bewerben und das Dezentralität zu verteufeln, denn sie wissen, dass es sie bei der Dezentralität nicht mehr so ausgeprägt braucht und die Gewinne schmelzen.
2711
Melden
Zum Kommentar
138
Schweizer Familiennamen: Sag uns, wie du heisst und wir sagen dir, woher du kommst
Weisst du eigentlich, wo deine Familie schon vor dem Jahr 1800 heimatberechtigt war? Falls dein Familienname schon vor 1962 in einer Schweizer Gemeinde ihren Bürgerort hatte, findest du dies hier heraus.

Sag mir deinen Namen und ich sage dir, woher du kommst. Früher galt dies noch häufiger als heute. Aber noch immer stehen einige Nachnamen typisch für eine Region. Gwerders kommen aus Muotathal, Kälins aus Einsiedeln, Mansers aus Appenzell. Es gibt unzählige solche Familiennamen, die wir noch heute direkt mit einem Ort oder einer Region verbinden.

Zur Story