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Verletzter Vater: «Meine Tochter hat mich zwei Jahre lang gemobbt»

Väter reagieren eher beleidigt, Mütter verletzt: Es ist hart, wenn das Kind einen ablehnt.
Väter reagieren eher beleidigt, Mütter verletzt: Es ist hart, wenn das Kind einen ablehnt.

«Meine Tochter hat mich zwei Jahre lang gemobbt»

Kinder sind ehrlich. Mögen sie einen Elternteil besser, lassen sie ihn das spüren. Das trifft Mütter wie Väter empfindlich. Wir haben mit dem Buchautor Tillmann Prüfer darüber gesprochen: Er ist ein ­gebranntes Kind, wenn es um die Ablehnung durch den eigenen Nachwuchs geht.
09.03.2024, 17:1609.03.2024, 17:19
deborah stoffel / schweiz am wochenende
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Eine Familie betritt ein Tram, die beiden Kinder setzen sich schnell in ein freies Abteil und jedes klopft auf den freien Sitz neben sich und ruft: «Papapapapa!» Der Vater setzt sich dazu, die Mutter auch, aber zuerst sagt sie: «Ich suche mir jetzt dann eine neue Familie.»

Anderes Beispiel, gleiches Phänomen: «Nein, nicht Mama! Ich will Papa», kreischt der Vierjährige. Er stösst seine Mutter, die sich neben ihn ins Bett gelegt hat, weg, springt auf und rennt aus dem Zimmer. «Papa, Papa!», schreit er und rennt durch die Wohnung. Erst als ihn sein Vater in die Armee genommen hat, beruhigt er sich. Der Bub lässt sich nur von seinem Vater zu Bett bringen.

«Dazu das Gefühl zu haben, dem Kind sei die eigene Anwesenheit nicht angenehm, das zehrt an den Nerven.»

Wenn seine Eltern fragen, warum nicht Mama, sagt er: «Weil Mama nicht meine Freundin ist.» Oder: «Mama ist nicht in meinem Team.» Das schmerzt die Mutter: «Es fühlt sich an, als ob mein Kind mich nicht mag. Ich frage mich, was ich falsch gemacht habe.» Manchmal macht es sie auch wütend. Als er wieder einmal nur Papa wollte, hat sie geschrien: «Du bist nicht mehr mein Kind. Ich gehe jetzt.» Natürlich hat ihr das danach leidgetan. «Es macht mich so traurig», erzählt die Mutter. Sie habe im Beruf zurückgesteckt für ihr Kind, sei die Mehrheit der Tage zuhause. Doch sobald ihr Mann nach Hause komme, sei sie nichts mehr wert. «Wie Luft», sagt sie.

Das ist kein Einzelfall. Es trifft Väter wie Mütter. Und selten lässt sich ein Grund dafür finden. Wie bei jenem Jungen, der als Kleinkind nicht neben seiner Mutter im Tram sitzen wollte und sie als hässlich bezeichnete. Die Mutter vermutete, er schäme sich, dass sie als Asiatin anders aussehe.

Oft dauert eine solche Ablehnungsphase unerträglich lang. Tillmann Prüfer erzählt, wie er sie überlebt hat.

Ihre jüngste Tochter hat Sie zwei Jahre lang «gemobbt», wollte immer nur Mama. Das klingt nach einer langen Zeit.
Tillmann Prüfer: Ja, das war lang. Die Phase dauerte etwa von vier bis sechs Jahren. Als sie vier, fünf Jahre alt war, war die Ablehnung am grössten.

Haben Sie alles genau gleich ­gemacht, wie bei Ihren drei älteren Töchtern?
Ich habe bei Juli eigentlich vieles besser gemacht. Bei den anderen war ich weniger anwesend, bei den mittleren, Lotta und Greta, hatte ich jeweils eine neue Position angefangen. Ich war viel unterwegs, viel weniger zuhause, als ich das gerne gehabt hätte. Bei Juli habe ich Elternzeit genommen, die Arbeitszeit reduziert, auf ein gutes Bonding geachtet. Ich war viel präsenter. Aber die Ablehnung war wirklich sehr stark.

Bild
Bild: Max Zerrahn
Der 49-jährige Tillmann Prüfer ist Journalist Vater von vier Töchtern und lebt in Berlin. Er schreibt über seine Kinder im Magazin die «Zeit» in der Kolumne «Prüfers Töchter», wo er seit 2007 Redaktor ist und stellvertretender Chefredaktor des «ZEITmagazin». Davor arbeitet er bei der «Financial Times». Er hat drei Bücher übers Elternsein geschrieben. (kus)

Können Sie sich das heute erklären?
Es gibt verschiedene Erklärungsansätze. Aber letztlich weiss man es nicht. Ich glaube man muss aufpassen, dass man da nicht zu fest seine eigene Sichtweise reininterpretiert. Ich kann mir vorstellen, dass Kinder in verschiedenen Phasen des Aufwachsens vom einen oder anderen Elternteil mehr lernen können. In der Zeit fand Juli Mama die Grösste, Papa kam überhaupt nicht hinterher, nicht nur was die Anwesenheit betraf. Mama hat besser gekocht, war stärker, schöner, grösser. Ich war als Vater in jeder Hinsicht unterlegen.

Wie sind Sie damit klargekommen?
Das war nicht lustig. Man steckt viel Energie ins Kind, ist anwesend, hat vielleicht Probleme, sich von der Arbeit loszureissen, damit man das Kind früher von der Kita abholen kann. Mit einem schimpfenden Kind durch eine Stadt zu laufen, ist schon so nicht angenehm, das wirkt, als hätte man es gerade entführt. Dazu das Gefühl zu haben, dem Kind sei die eigene Anwesenheit nicht angenehm, das zehrt an den Nerven.

Was würden Sie Vätern oder Müttern raten, denen es heute gleich ergeht?
Das Wichtigste ist, es mit Humor zu nehmen. Man weiss, dass man sehr wichtig ist für das Kind, und sollte sich nie weismachen, dass man etwas falsch macht. Man hat einen Menschen vor sich, der sein eigenes Innenleben hat. Ich denke aber, dass viele Männer nicht damit umgehen können, dass sie nicht beklatscht werden. Väter neigen dann dazu, beleidigt zu reagieren. Mütter denken eher, sie hätten etwas falsch gemacht. Mir hat diese Erfahrung mit Juli gezeigt, dass das ein kompletter Mensch ist, den man vor sich hat, mit dem man erst mal warm werden muss. Und ich habe nie Väter kennengelernt, die es dann nicht geschafft haben, den Kontakt zu den Kindern zu finden. Das kriegt man aber nicht geschenkt, man muss sich um das Kind bemühen.

Ihre jüngste Tochter ist unterdessen zehn Jahre alt. Wie ist die ­Beziehung heute?
Das ist mittlerweile kein Thema mehr, wir kommen heute sehr gut miteinander klar. Übrigens geht es nicht darum, sich selbst zu bemitleiden. Der grösste Fehler, den Väter machen könnten, wäre sich zurückzuziehen und sich nicht mehr um den Kontakt zu bemühen, wenn sie nicht gleich belohnt werden. Das wiederum kriegen Kinder sehr genau mit, wenn sich jemand nicht bemüht oder indifferent bleibt. Aber in der Gesellschaft, die wir heute haben, sind nun mal oftmals Kinder viel vertrauter mit ihren Müttern als mit den Vätern. Väter sind immer noch seltener anwesend. Vätern wird das etwa bei einer Trennung schmerzhaft bewusst, wenn das Kind lieber bei Mama bleibt als bei Papa. Dabei hat das nicht damit zu tun, wen es lieber mag, sondern wen es mehr gewohnt ist.

Da wäre einzuwenden, dass es durchaus auch Mütter trifft, die Vollzeit zuhause sind. Aber die Gewöhnung kann wohl eine Rolle spielen. In Deutschland wäre dank der Elternzeit die Voraussetzung gut, dass der Vater schon früh eine enge Bindung zum Kind aufbaut. Warum funktioniert es trotzdem nicht besser?
Das liegt daran, dass die Väter gern die Elternzeit nehmen und nach ein paar Monaten reicht es ihnen. Dann gehen sie in das Leben zurück, das sie gesellschaftlich erlernt haben: Vollzeit arbeiten, Geld nach Hause bringen. Männer mit Kindern arbeiten sogar mehr als Männer ohne Kinder. Das liegt nicht daran, dass sie faul sind oder keine Lust haben, sondern ist stark geprägt durch eine gesellschaftliche Erwartungshaltung. Wenn du dich als junger Vater anstrengst, zwei Schritte auf der Karriereleiter machst und einen höheren Lohn kriegst, dann reagiert die Gesellschaft immer noch anders darauf, als wenn das die Mutter tun würde. Sie lässt dann die Kinder zuhause im Stich.

Stattdessen sind eigentlich beide in derselben Doppelrolle?
Ja, wenn man aber davon ausgeht, dass Mutter und Vater gleich wichtig sind, dann müsste das auch gesellschaftlich gleich wahrgenommen werden. Viele Väter, die sich in der Familie bemühen, machen das noch obendrauf. Was dazu führt,dass sie gestresst sind, noch einen Job dazu machen, und nicht dazu kommen, die Zeit mit der Familie zu geniessen.

Was läuft im Moment schief bei der Aufteilung?
Im Moment arbeiten 93 Prozent der Väter kleiner Kinder Vollzeit und rund 60 Prozent der Mütter Teilzeit. Der Mann ist also in der Position, die ihn von den Kindern wegzieht, dann fehlt ihm der Kontakt zu den Kindern in jungen Jahren. Und die Frau ist in der Position, die sie von ihrer persönlichen Entwicklung wegzieht. Das führt schnell zu einem Ungleichgewicht in der Familie, es entsteht ein finanzielles Machtgefälle, jemand hat die Kohle und jemand die Zeit mit den Kindern. Dadurch können schreckliche Konflikte entstehen und eine schlimme Entfremdung. Meiner Meinung nach ist es viel gesünder für die familiäre Entwicklung, wenn beide ungefähr gleich viel Zeit bei der Arbeit verbringen und gleich viel mit der Familie.

Ist das nicht eine breit geteilte neue Realität?
Die Zahlen suggerieren, dass sich in den letzten Jahren einiges getan hat. Aber tatsächlich hat sich fast nichts getan, was die Zeit angeht, welche Väter mit den Kindern verbringen. Es wird sich auch nichts ändern, wenn die Männer nicht ihre Prioritäten anders setzen und das Risiko in Kauf nehmen, dass sie halt nicht die Karriere machen, die ihr Chef von ihnen verlangt. Das ist ein Risiko, aber es gibt auch viel zu gewinnen.

Sind Sie optimistisch, was die Zukunft angeht?
Ich bin vorsichtig optimistisch, weil ich das Gefühl habe, dass immer mehr Väter keine Lust mehr haben, dass die Familie an zweiter Stelle kommt. Wenn ich auf Lesungen mit Vätern rede, merke ich, dass sich hier was ändert. Bis vor ein paar Jahren sind zu meinen Lesungen vor allem Frauen gekommen, die ihre Männer mitbrachten. Jetzt kommen immer mehr Männer alleine, die ganz praktische Fragen haben wie: Wie mache ich das mit meinem Arbeitgeber, wie organisiere ich ein Väternetzwerk. Ich habe als Vater auch Elternzeit genommen, kam aber nie auf den ­Gedanken, dass ich die Zeit nutzen könnte, um mit Männern in Kontakt zu kommen. Das ändert jetzt, auch weil die Männer merken, dass die Strukturen gar nicht unbedingt zu unserem Vorteil sind.

Wie meinen Sie das?
Letztlich ist man als Mann auch ein Opfer der patriarchalen Strukturen und am Ende ein blöder Arbeitstrottel, der Nummern hinterherrennt. Wenn das Arbeitsleben vorbei ist, merkt man, dass die Kinder nicht so viel mit einem zu tun haben und nicht viel über einen wissen. Auf fette Karrieren folgt dann nicht selten eine Altersdepression. Es ist kein Zufall, dass bei Männern die Wahrscheinlichkeit, sich selbst zu verletzen, sich zu töten oder depressiv zu werden, mit dem Alter zunimmt, anders als bei Frauen.

Zurück zum Lieblingselternteil: Haben Sie sich damals beraten lassen?
Ich habe mich mit meiner Frau beraten. Es ist wichtig, dass man an einem Strang zieht und nicht gegeneinander arbeitet. Etwa sagt, die andere Person hätte das Kind verhätschelt. Das Schlimmste ist immer, wenn das Kind zur Munition oder als Kronzeuge herangezogen wird. Es ist wichtig, dass man sich gegenseitig unterstützt und ermutigt. Ich finde es auch naheliegend, dass man Hilfe von aussen holt. Keiner hat ein Problem damit, wenn es ums Smartphone geht. Bei Kindern hingegen ist Hilfeholen sehr schambehaftet, das ist natürlich Quatsch. Ich halte das «Lieblingseltern»-Thema auch für etwas, das sich selbst reguliert, wenn man zugewandt bleibt, sich nicht entmutigen lässt. Es gab ja auch sehr viele schöne Momente mit Juli in diesen Jahren der Abweisung.

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95 Kommentare
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Ursus30
09.03.2024 17:38registriert September 2021
Ich finde, das Wort Mobbing wird viel zu leichtfertig verwendet und verniedlicht so die Bedeutung. Das Interview ist zwar gut, der Titel und das Intro aber viel zu reisserisch. Alle Eltern kennen solche Situationen, wenn man dann als erwachsene Person beleidigt reagiert, finde ich das schon ein bisschen kindisch. Das sind Phasen und diese ändern sich immer mal wieder. Das Kind möchte im Tram lieber neben Papi sitzen? Schön für Papi…man kann sich ja auch mal für den anderen freuen…
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Tunnelrind
09.03.2024 18:16registriert August 2021
Mein grosser dreijähriger ist auch eher Mama affin (papi gang wäg). Dann aber von Mobbing zu sprechen finde ich bekloppt. Sind halt Kinder. Gebt ihnen Zeit und nehmt Ablehnung um Himmels Willen nicht persönlich.
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⚡ ⚡ ⚡☢❗andre ☢ ⚡⚡
09.03.2024 18:36registriert Januar 2014
Meine Frau und ich nehmen es locker, wenn ein Kind den einen oder anderen ablehnt (wir haben 3 Kinder).
Hauptsache meine Frau und ich halten zusammen und wenn einem Kind nicht passt, ist das sein Problem. Wenn ich es ins Bett tun soll (und meine Frau zB arbeitet) und es nicht mich will, muss es alleine ins Bett oder seine Einstellung überdenken….
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