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Francesco Maisano spricht erstmals über Herzchirurgie-Affäre am USZ

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Francesco Maisano leitete die Klinik von 2014 bis 2020.Bild: sda

Herzchirurgie-Affäre in Zürich: Jetzt äussert sich Maisano erstmals

15.05.2026, 15:1815.05.2026, 16:26

Anfang Mai hat eine Administrativuntersuchung des Universitätsspitals Zürich (USZ) schwerwiegende Mängel und eine Übermortalität nachgewiesen. Im Zentrum der Vorwürfe: Francesco Maisano, ehemaliger Klinikdirektor des USZ. Dieser schwieg zunächst zum Bericht – am Donnerstag äusserte er sich gegenüber der italienischen Zeitung «Il Fatto Quotidiano» nun in einer schriftlichen Stellungnahme erstmals. Die wichtigsten Punkte.

Schwieriges Umfeld als Italiener

Maisano betont in seinem Statement, dass er von Anfang an mit einer schwierigen Situation konfrontiert gewesen sei. 2014 habe er die Führung einer Abteilung übernommen, die ein internationales wissenschaftliches Profil erfordert habe. Als Italiener habe er es aber dennoch schwer gehabt. «Ich war ein italienischer Mediziner in einem deutschschweizerischen Umfeld, das es nie akzeptiert hatte, dass ein Italiener eine so wichtige Rolle übernimmt», so Maisano.

Weiter berichtet er von kulturellen und institutionellen Widerständen, bei welchen es sich nicht um simple Missverständnisse gehandelt habe. Das habe es schwierig gemacht, ein funktionierendes Team mit einer gemeinsamen Vision für klinische Innovation auszubauen.

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Anfang Mai bestätigte ein Bericht die Übersterblichkeit in der Herzchirurgie.Bild: keystone

Kritik an der Untersuchung

Maisano berichtet aber nicht nur von schwierigen Umständen zu Beginn seiner Zeit in Zürich. Auch mit den konkreten Vorwürfen aus dem Bericht ist er nicht einverstanden. In diesem wird von neuartigen Medizinprodukten berichtet, die unangemessen gewesen seien – unter anderem das sogenannte «Cardioband», das von Maisano mitentwickelt wurde.

Der Arzt bestreitet, dass diese Methode das Problem gewesen sei. «Die Übersterblichkeit ist auf konventionelle chirurgische Eingriffe zurückzuführen», schreibt er, «nicht auf innovative Methoden». Auch das Cardioband sei also nicht das Problem gewesen. Dieses sei bei 44 von etwa 4500 Eingriffen zum Zug gekommen, wobei es bei rund 12 Prozent der Fälle Komplikationen gegeben habe, so Maisano. Dabei handle es sich um einen regulären Wert beim Einsatz von neuen Methoden.

Dass es bei neuen Arten von Eingriffen eine Lernkurve brauchte, sei zudem normal, argumentiert Maisano. Dabei nimmt er die Operationen mit Aortenklappenerkrankungen ohne Öffnung des Brustkorbs als Beispiel. Bei diesen habe es zur Zeit der Einführung zwischen 2002 und 2005 eine prozedurale Mortalität von 50 Prozent gegeben. Heute liege diese bei unter 1 Prozent. «Solche Kurven zu ignorieren bedeutet, dass man nicht versteht, wie sich die Medizin entwickelt, um Leben retten zu können», schreibt Maisano.

Interessenkonflikt wird bestritten

In einem weiteren Punkt bestreitet Maisano einen Interessenskonflikt, der ihm vorgeworfen wird. Maisano unterhielt enge Beziehungen zu Unternehmen, von denen er teils finanziell profitierte. Diese Verflechtungen waren dem Spitalrat und der Spitaldirektion bei seiner Ernennung im Jahr 2014 bekannt. Dennoch wurden sie weder kritisch hinterfragt noch reguliert. Die Kommission stellte fest, dass Maisano in einem «Schnellverfahren» berufen wurde, obwohl er kaum Erfahrung in der Führung einer Klinik besass.

A general view shows the University Hospital Zurich (USZ) on Wednesday, January 7, 2026 in Zurich, Switzerland. Several patients injured in the fire disaster at the ÒLe ConstellationÓ bar and lounge i ...
Der Fall am USZ hat ein juristisches Nachspiel.Bild: KEYSTONE

Grundsätzlich sei es wichtig, mögliche Interessenkonflikte anzusprechen, schreibt Maisano. Er betont aber, dass es einen Austausch zwischen der klinischen Forschung und der Industrie brauche. So sei sein Beitrag zur Entwicklung lebensrettender Technologien «dokumentiert, offengelegt und wissenschaftlich anerkannt». Insgesamt habe er bei mehr als 20 Forschungsprojekten mitgearbeitet und sei nur bei einem davon entlöhnt worden.

So will Maisano weiter praktizieren

Zum Schluss schreibt der Italiener, er wolle an seiner Arbeitsweise festhalten. «Einen Chirurgen misst man daran, wie viele Leben er rettet. Nicht daran, wie wenig Risiko zum Einsatz kommt», so Maisano. Er wolle weiterhin auf diese Weise operieren, weil er nur so seine Arbeit mit Integrität durchführen könne. «Gewisse Prozeduren, die als unangemessen galten, gehören heute zur Routine», schliesst Maisano sein Schreiben. Der Arzt praktiziert mittlerweile in Mailand im Privatkrankenhaus San Raffaele.

Das war zuvor passiert

Die Fehler in der Herzchirurgie kamen Anfang Mai ans Licht. Im Zentrum der Ergebnisse steht eine statistisch erhärtete Übersterblichkeit. Drei unabhängige Berechnungsmethoden ergaben, dass es im untersuchten Zeitraum bei rund 4500 Operationen zu 68 bis 74 Todesfällen mehr kam, als statistisch zu erwarten gewesen wäre.

René Prêtre, der medizinische Experte der UK16-20, hielt fest, dass diese Menschen wohl noch am Leben wären, wenn sie in einem anderen Schweizer Universitätsspital oder zu einem anderen Zeitpunkt am Universitätsspital Zürich (USZ) operiert worden wären. Von 307 untersuchten Todesfällen wurden elf nach individueller Prüfung als medizinisch «nicht erwartbar» eingestuft.

Die heutige Spitaldirektion und der Spitalrat baten die Betroffenen und Angehörigen um Entschuldigung. USZ-CEO Monika Jänicke bezeichnete die Aufdeckungen als Schock, der fassungslos mache. Man könne das erfahrene Leid nicht rückgängig machen, wolle aber auf die Menschen zugehen. Das USZ hat eine spezielle Informations- und Beratungsstelle für Betroffene eingerichtet.

Die Verfehlungen haben auch ein juristisches Nachspiel. Der Spitalrat hat entschieden, die elf nicht erwartbaren Todesfälle sowie die 13 Fälle von unangemessenem Einsatz von Medizinprodukten der Staatsanwaltschaft des Kantons Zürich zu melden. Es soll geklärt werden, ob strafrechtlich relevante Tatbestände vorliegen. (dab, mit Material von Keystone-SDA)

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28 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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goodbunny
15.05.2026 15:26registriert Februar 2026
Armselig. Als erfahrene Führungspersönlichkeit muss er über solchen Dingen stehen. Diese weissen Götterpersönlichkeiten sind manchmal wirklich kreativ beim Finden von Ausreden.
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KasparSch
15.05.2026 15:39registriert April 2019
Selbstkritik sieht anders aus. Cardioband hin oder her, an seiner Klinik hatte es eine heftige Übersterblichkeit, für die er als Klinikchef verantwortlich ist. Die notabene verschwand nachdem er wieder weg war.
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Hey Ya!
15.05.2026 15:45registriert März 2020
Wenn er so operiert wie rechnet, denn guete Abig. Weil 12% von 4500 Fällen gibt nämlich 540. Wenn es 44 Komplikationen bei 4500 Fällen gab, wäre die Quote stattdessen 0.97%
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