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Joëlle (ganz rechts) im Teenageralter zusammen mit ihrer Mutter (mitte) und deren Partnerin. bild: zvg

Wenn die Mutter lesbisch ist – ein Regenbogenkind erzählt

Joëlle Stocker ist 28 und hat zwei Mütter. Emotional gesehen jedenfalls. Mit vier Jahren trennten sich ihre biologischen Eltern. Seither lebt sie in einer Regenbogenfamilie. Ein Porträt.



«Bei der Erziehung braucht es einen Mann und eine Frau.» «Ein gleichgeschlechtliches Ehepaar ist unnatürlich.» «Das bringt Defizite in der Kindererziehung mit sich.»

Diese Sätze fallen dann, wenn es um Kinder in Regenbogenfamilien geht. Auch Joëlle Stocker, 28 Jahre alt, grüne Augen, die hellen Haare zu einem Dutt gebunden, hat sie schon des Öfteren gehört. Joëlle ist ein Regenbogenkind. «Rechtlich gesehen habe ich eine Mutter und einen Vater. Emotional gesehen zwei Mütter und einen Vater», sagt die Zürcherin.

Als Joëlle vier Jahre alt war, trennte sich ihre Mutter von ihrem Vater. Sie hatte sich neu verliebt – in eine Frau. Fortan lebt Joëlle die Hälfte der Zeit mit ihrer Mutter und deren Partnerin, die andere Hälfte bei ihrem Vater. «Die Partnerin meiner Mutter war da, seit ich denken kann. Ich kenne nichts anderes», erinnert sich Joëlle heute, 24 Jahre später.

Anders aufgewachsen ist sie deshalb nicht. Nach dem Gymnasium studierte sie Deutsch und Kunstgeschichte. Heute arbeitet sie in einem IT-Startup. «Ich bin überhaupt kein Spezialfall, sondern eher ziemlich langweilig», schmunzelt Joëlle. Und dennoch hat sich die 28-Jährige zu einem Gespräch bereit erklärt. Weil sie weiss, dass sie ihre Geschichte erzählen muss. Immer und immer wieder. Bis es irgendwann nicht mehr nötig ist.

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Joëlle zusammen mit ihrer Mutter. Mit vier Jahren trennten sich ihre biologischen Eltern. bild: zvg

Auf dem Weg ans Interview erzählt sie flüchtigen Bekannten von ihrem Vorhaben. Mit einer Journalistin werde sie sprechen, weil sie ein Regenbogenkind sei. Darauf folgt prompt die Frage, ob es denn Narben hinterlassen hätte, mit zwei Müttern aufzuwachsen. «Ich verstehe diese Frage nicht. Wichtig ist, dass man einem Kind das wichtigste fürs Leben mitgibt. Da spielt doch das Geschlecht überhaupt keine Rolle.»

«Wichtig ist, dass man einem Kind das wichtigste fürs Leben mitgibt. Da spielt doch das Geschlecht überhaupt keine Rolle.»

Joëlle Stocker

Sie träume von dem Moment, in dem man nicht mehr über Mutter- und Vaterrolle spricht. «Ich warte auf den Zeitpunkt, an dem es überhaupt keine Rolle spielt, ob man Hetero-Eltern, drei Mütter oder zwei Väter hat.»

In ihrer Kindheit fehlte ihr nichts. Joëlle hatte alles was sie brauchte, sagt sie heute. Zu ihrer Mutter als auch zu ihrem Vater hat sie eine gute Beziehung. Und auch mit der Dritten im Bunde, der Partnerin ihrer Mutter, hat Joëlle einen sehr engen Kontakt. «Sie ist aber nicht wie meine zweite Mutter, mehr wie eine Gotte, ihr erzähle ich auch Dinge, die ich meiner Mutter nicht erzählen würde», sagt Joëlle und lacht.

Ob es je schwierig war mit einer lesbischen Mutter aufzuwachsen? «Klar, war es mit 13 Jahren nicht immer einfach. Aber da nerven die Eltern doch generell – unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung», so Joëlle. Wenn sie neue Leute kennen lernte, hatte sie anfangs das Gefühl, sie müsse sich erklären. «Doch irgendwann dachte ich mir, andere Menschen erzählen mir auch nicht, dass ihre Väter heterosexuell sind.»

«Doch irgendwann dachte ich mir, andere Menschen erzählen mir auch nicht, dass ihre Väter heterosexuell sind.»

Joëlle Stocker

Homophobie triggert Joëlle, mehr als alles andere. Eine lesbische Mutter zu haben, hat sie sensibilisiert. Und die 28-Jährige geht hart mit der Schweiz ins Gericht. «Sogar Taiwan hat die Ehe für alle. Nur hierzulande bringt man es nicht hin.» Wird die Ehe für alle in der Schweiz abgelehnt, wäre das für Joëlle ein Grund auszuwandern. Wohin, das weiss sie noch nicht. «Aber sicher in ein Land, wo meine Mutter und ihre Partnerin ihre Liebe offen zeigen können, wenn sie mich besuchen.»

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Joëlle ist stolz auf ihre Eltern, das merkt man. Und sie ist stolz darauf ein Regenbogenkind zu sein. bild: zvg

Joëlle ist stolz auf ihre Eltern, das merkt man. Und sie ist stolz darauf ein Regenbogenkind zu sein. «Ist man nicht schon fast im Nachteil, wenn man mit hetereosexuellen Eltern aufwächst? Da sieht man ja gar nie über den Tellerrand hinaus», scherzt sie.

Bei der Verabschiedung kommt Joëlle auf ihren Freund zu sprechen. «Ja, ich lebe in einer heterosexuellen Beziehung», schmunzelt sie unaufgefordert. Ans Kinderkriegen denkt sie nicht. Aber hätte sie je welche, wäre Eines klar: «Es wäre für mich eine grosse persönliche Niederlage, wenn mein Kind das Gefühl hätte, es müsste sich bei mir outen. Es sollte einfach eines Abends nach Hause kommen und sagen ‹guck Mami, das ist die Person, in die ich mich verliebt habe›.»

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quelle: anonym
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