DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Natalia «Koza» Sokol und ihr Ehemann Oleg «Wor» Worotnikow.
Natalia «Koza» Sokol und ihr Ehemann Oleg «Wor» Worotnikow.
Bild: watson/Petar Marjanovic

«Die Schweiz war das einzige Land, das mir helfen wollte»

Der russischen Künstlerin Natalia Sokol droht eine Gefängnisstrafe, wenn sie in das Land zurückkehrt, für dessen Freiheit sie mit Kunst und Aktionen kämpft. Im Interview erklärt sie, was Russland für sie ist und was sie den Schweizer Frauen rät. 
29.04.2015, 10:20

Natalia, du widmest deinen Kampf der «Freiheit Russlands». Wie beschreibst du dein Land?
In Russland haben wir viele innenpolitische Probleme. Sie werden entweder gar nicht oder nur sehr langsam gelöst. Die Polizei überschreitet etwa ihre Rechte gegenüber dem Volk. Grundlegende politische Rechte wie die Rede- und Versammlungsfreiheit werden stark beschränkt. Die Rechtspflege ist nicht unabhängig.

Führst du deinen Kampf deshalb auf kulturellem und nicht auf parlamentarischem Weg?
Unsere Aufgabe ist es, die Bevölkerung zu wecken, die bis jetzt wegen der Innenpolitik unzufrieden war, jedoch nichts dagegen unternahm. Mit unseren Aktionen zeigten wir, dass das System veränderbar ist. Wir veränderten mit unserem Engagement die politische Sprache und schafften in der Bevölkerung ein Bewusstsein dafür, dass man etwas sagen und auf die Strasse gehen kann. Mit Erfolg.

Du willst Russland jetzt verlassen. Gibt es noch etwas, dass du an Russland liebst? War Russland für dich einmal in Ordnung?
Ich war immer glücklich, wenn ich in Russland war. Ich vermisse die kulturelle Seite von Russland. Nach der Verfolgung und der Repression meines Landes sehne ich mich jedoch nicht. 

Koza bei einer Verhaftung in St.Petersburg.
Koza bei einer Verhaftung in St.Petersburg.
Bild: natalia Koza/zvg
Auf der Flucht gebar sie ohne ärztliche Hilfe ein Kind.
Auf der Flucht gebar sie ohne ärztliche Hilfe ein Kind.
bild: koza/zvg

Die Reaktion Russlands auf deinen Aktivismus im Zusammenhang mit Voina war Repression. Du wirst in Russland von der Polizei gesucht und dir drohen Gefängnisstrafen. Nun suchst du Asyl in der Schweiz. Wie bist du hierher gekommen?
Wir haben viele Freunde in ganz Europa angeschrieben. Die Schweiz war das einzige Land, das uns helfen wollte. Unsere Freunde vom Dada-Haus Cabaret Voltaire antworteten auf unsere Anfrage mit «Komm her, wir werden dir helfen». Sie luden mich als Künstlerin ein und ermöglichten mir so einen vorläufig legalen Aufenthalt und den Schutz vor der Strafverfolgung. 

bild: natalia koza/zvg

Du wirst dein drittes Kind wahrscheinlich in der Schweiz zur Welt bringen, in einem Spital, nicht als Hausgeburt. Freust du dich darüber?
Ja sicher. Und ich hoffe sehr, dass ich dann mit meiner ganzen Familie zusammen sein kann. Es ist jedoch zu früh, um zu entscheiden, ob ich mir längerfristig hier ein neues Leben aufbauen möchte. So was muss man Schritt für Schritt klären.

Du willst hier das politische Asyl beantragen. Wie sind die Chancen?
Ich will in erster Linie meine Freiheit und die Zukunft meiner Kinder sichern. Weil der Asylstatus mich in meinen politischen Aktivitäten einschränken würde, möchte ich in erster Linie in der Schweiz eine Aufenthaltsbewilligung beantragen. Ob mir dies gelingt, weiss ich nicht. Ich werde dies mit einem Anwalt klären müssen. Dass ich politisch verfolgt werde, liegt jedoch auf der Hand. Deswegen hoffe ich, dass die Schweiz mein Gesuch individuell prüft.

Das Leben der Natalia Sokol in Bildern

1 / 12
Natalia Koza
quelle: zvg
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

Einige politische Kreise würden sagen, dass ein positiver Entscheid auf ein Asylgesuch einer Kreml-kritischen Künstlerin nicht mit der Neutralität vereinbar wäre. 
Ich würde ihnen sagen: Ich werde politisch verfolgt. Seid auch in meinem Fall neutral und stellt euch zumindest auf die Seite derjenigen Menschen, die verfolgt werden.

Wenn man sich politischen Protest von Künstlern aus Russland oder der Ukraine anschaut, da sind die Frauen sehr stark. Wir haben dich, wir haben Pussy Riot und Femen. Wie kommt es, dass vor allem Frauen Anführerinnen des Protests sind?
Die Frauen sind mutiger. Um ihre Kinder zu schützen, können sie persönlich auch mehr opfern. Ich empfehle auch den Frauen in der Schweiz, dass sie für ihre Rechte kämpfen. Wenn nicht sie selbst für ihre Anliegen einstehen, wer wird es sonst tun?

Korrigendum: In einer ursprünglichen Version des Textes stand, dass Natalia Sokol international gesucht wird. Das stimmt nicht. Die russische Polizei sucht lediglich in Russland nach ihr. (pma)

Mehr zu Russland

    Russland
    AbonnierenAbonnieren

Kennst du schon die watson-App?

Über 130'000 Menschen nutzen bereits watson für die Hosentasche. Unsere App hat den «Best of Swiss Apps»-Award gewonnen und wurde unter «Beste Apps 2014» gelistet. Willst auch du mit watson auf frische Weise informiert sein? Hol dir jetzt die kostenlose App für iPhone/iPad und Android.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Basel schickt Bettler per One-Way-Ticket fort – das Ausland staunt

Englischsprachige Medien berichten darüber, dass Basel-Stadt Obdachlosen das Zugticket in andere Länder finanziert. Es ist nicht das erste Mal, dass die Schweiz wegen ihres Umgangs mit Bettelnden kritisiert wird.

«Schweizer Stadt bietet Obdachlosen One-Way-Tickets in andere Länder an, solange sie sich verpflichten, nicht zurückzukehren.» So titelte die britische Zeitung «Daily Mail» und kritisierte in ihrem Artikel, der anfangs Woche erschien, die Praxis in der Stadt Basel. Auch andere Medien wie «Newsweek» oder der neuseeländische Nachrichtendienst «Newshub» griffen das Thema auf.

Beim Basler Justizdepartement bestätigt Martin Schütz die Praxis. «EU-Staatsangehörige, die eine Ausreise aus der Schweiz …

Artikel lesen
Link zum Artikel