100-Franken-Gebühr: So sollen die Megastaus an Gotthard und Co. bekämpft werden
Sie gehören zum Frühling wie das «Stille Nacht» zu Weihnachten: Die Staumeldungen vom Gotthard. Kaum werden die Tage wieder länger, kommen sie wieder regelmässig. Auf 2, 5, 8, 12, 15 Kilometer wächst die Blechschlange an. «Die Einfahrten Wassen und Göschenen sind gesperrt», klingt es aus dem Radio.
Negative Höhepunkte sind Ostern, Auffahrt, Pfingsten. Am Karfreitag war der Stau in Richtung Süden 21 Kilometer lang. Das entspricht einem Halbmarathon: Ambitionierte Hobbysportler schaffen das locker unter 2 Stunden. Am Gotthard waren dafür über 3,5 Stunden nötig. Für die beiden kommenden Feiertagswochenenden werden wieder Staus von über 10 Kilometern erwartet.
«Es hat massiv zugenommen in den letzten Jahren», klagt Simon Stadler, Mitte-Nationalrat und staugeplagter Urner.
Sobald sich der Verkehr staut, hat das direkte Auswirkungen auf die Urner Dörfer. Teils angeleitet von Navigationsgeräten, verlassen die Autofahrer die Autobahn und erhoffen sich so einen Zeitgewinn. Das führt zu verstopften Kantonsstrassen und für Urnerinnen und Urner werden selbst Fahrten von Dorf zu Dorf zur Qual.
Dynamische Preise – als Abschreckung
Stadler will das nicht länger einfach hinnehmen. Diese Blechlawine sei keine Naturgewalt, sondern lenkbar, ist er überzeugt. Er ist eine der treibenden Kräfte für eine Durchfahrtspauschale für Fahrten durch die Schweiz. Sowohl National- wie Ständerat haben einer entsprechenden Forderung sehr deutlich zugestimmt. Jetzt muss der Bundesrat eine solche Gebühr aufgleisen. Gegen seinen Willen: Es sei zu aufwendig und es gebe viele administrative Hürden.
Für Stadler steht ein «Lenkungseffekt» im Vordergrund. Das ist Beamtendeutsch für: Abschreckung. Die Preise werden dabei dynamisch sein.
Zu den Stosszeiten solle es aber «ein substanzieller Betrag» sein, führt Stadler aus. «Das könnten durchaus 80 oder 100 Franken sein», so der Nationalrat.
Betroffen sind nur ausländische Autofahrer. Es sei denn, sie haben einen «wesentlichen Aufenthalt» in der Schweiz. Und die Gebühr gilt bei jeder Strecke, die quer durch die Schweiz führt. Also unabhängig davon, ob Passstrasse, San Bernardino oder Gotthard. Wie das System genau funktionieren soll, ist ebenfalls noch offen. Denkbar ist eine Erfassung per Kamera an den Grenzen. Die Durchfahrtspauschale wird dann fällig, wenn beispielsweise innert 24 Stunden zwei Grenzpunkte passiert werden.
Vignettenpreis soll nicht erhöht werden
Das zusätzlich zur Vignette. Die kostet weiterhin 40 Franken. Und daran soll sich auch nichts ändern: «Ich finde die auch eher zu günstig, aber das Volk hat erst kürzlich eine Erhöhung abgelehnt», sagt Stadler. Und grundsätzlich:
Im Idealfall biete das System Anreize, entweder zu anderen Zeiten durch die Schweiz zu fahren, im öffentlichen Verkehr durch die Schweiz zu reisen oder an der Schweiz vorbei zu reisen. Stadler stellt sich vor, dass die Tarife im Vorfeld transparent kommuniziert und auch die Unterschiede aufgezeigt werden. «Gerade viele Durchreisende aus den Niederlanden oder Deutschland sind sehr preissensibel», sagt Stadler. Darum ist er zuversichtlich, dass es tatsächlich eine Verlagerung gibt.
Aus dem Ausland gibt es bereits Widerstand: Unfair sei das, beklagen Regierungen und Parlamentarier aus den Nachbarländern. Ihre Bürgerinnen und Bürger würden durch eine solche Abgabe diskriminiert. «Heute wird die Bergbevölkerung benachteiligt, indem sie sich durch das hohe Verkehrsaufkommen nicht mehr frei bewegen kann», sagt Stadler. In anderen Ländern kenne man bereits eine Streckenmaut – teilweise auch mit attraktiveren Tarifen für Inländer.
«Ins Tessin gehe ich mit dem Zug»
«Es geht auch darum, den Verkehr besser zu verteilen», sagt Stadler. Derzeit trage die Schweiz einen Grossteil der Last des Nord-Süd-Ferienverkehrs. «Die Zahlen des Bundesamts für Strassen zeigen, dass rund 80 Prozent aller Autos an Ostern aus dem Ausland kommen – und viele davon nicht ins Tessin fahren», sagt Stadler. In diesem Sommer soll das Bundesamt erstmals genaue Zahlen veröffentlichen.
Stadler selbst kann sich gar nicht erinnern, wann er zuletzt mit dem Auto durch den Gotthard-Tunnel gefahren ist: «Wenn ich ins Tessin will, dann gehe ich selbstverständlich mit dem Zug. Alles andere macht schlicht keinen Sinn.» Und am Ende wäre er sonst nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems.
(aargauerzeitung.ch)

