Schweiz
International

Macron reisst das Ruder an sich – und lässt die Schweiz links liegen

Gibt sich kämpferisch: Frankreichs Präsident Emmanuel Macron.
Gibt sich kämpferisch: Frankreichs Präsident Emmanuel Macron.bild: epa

Macron reisst das Ruder an sich – und lässt die Schweiz links liegen

Im nächsten Halbjahr leitet Frankreich die Geschicke der EU. Für die Schweiz sind das «Bad News». Denn Paris hat ganz andere Prioritäten.
09.12.2021, 20:2609.12.2021, 20:26
Remo Hess, Brüssel, und Stefan Brändle, Paris / ch media

Wie weiter in der zunehmend schwierigen Beziehung zwischen der Schweiz und der EU? Eine Antwort auf diese Frage hätte man sich eigentlich von der französischen EU-Ratspräsidentschaft erhofft, welche am 1. Januar startet. Während sechs Monaten bestimmt Frankreich die Agenda der EU und entscheidet, welche Themen oben auf der Prioritätenliste landen und welche links liegen gelassen werden. Der grosse Nachbar, so die allgemeine Hoffnung in Bern, wird die Gelegenheit nicht ungenutzt lassen und eine Klärung im Verhältnis zur Schweiz forcieren. In die eine oder andere Richtung.

Dem ist offenbar aber nicht so: In Paris hat man wenig Lust, während des französischen Ratsvorsitzes politisches Kapital in die bilateralen Beziehungen zu investieren. Frankreich werde sich in Brüssel nicht dafür stark machen, im bilateralen Verhältnis vorwärtszukommen, heisst es in regierungsnahen Kreisen. Nach dem Abbruch der Verhandlungen zum Rahmenabkommen und dem Entscheid, den amerikanischen F-35-Kampfjet statt den französischen Rafale zu kaufen, ist die Stimmung im Keller.

Das realistische Szenario lautet also: Es wird schlicht nichts passieren. Für die Schweiz sind das schlechte Neuigkeiten. Ein Stillstand würde zu ihren Ungunsten ausfallen. Das zeigt ein Blick auf die blockierte Forschungszusammenarbeit, wo die Projektierung für die EU-Fördermillionen der Jahre 2023 und 2024 bereits Anfang Jahr beginnt. Gelingt es der Schweiz bis März nicht, die Verhandlungen über die Aufnahme in den Club der vollassoziierten Länder in Gang zu bringen und damit on den Förderprogrammen profitieren zu dürfen, ist der Zug vorerst abgefahren.

Keine Spur mehr von der «hirntot»-Diagnose

Kein Stress hat Frankreich auch, den alle zwei Jahre erscheinenden Länderbericht der 27 EU-Staaten zur Schweiz voranzutreiben. Diese sogenannten «Schlussfolgerungen», welche als Leitlinien für die EU-Kommission im Umgang mit der Schweiz gelten, sind bereits überfällig. Das Problem: Gibt es keine neuen Schlussfolgerungen, gelten einfach die bisherigen von Anfang 2019, wo die EU-Staaten die Forderung eines Rahmenabkommens ins Zentrum der Beziehungen gestellt haben. Das Ergebnis wäre: Gefährlicher Stillstand.

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat grosses vor mit der Europäischen Union.
Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat grosses vor mit der Europäischen Union.bild: keystone

Anstatt sich mit der Schweiz abzumühen, will sich Emmanuel Macron lieber auf seine eigene Prioritäten konzentrieren. Vor allen Dingen. Zuoberst auf der Liste steht für den französischen Präsidenten angesichts der angespannten Lage im Osten Europas und der zunehmenden Bedrohung durch russische Machtspiele die Sicherheit Europas. In der gestrigen Pressekonferenz inszenierte sich der französische Staatschef als europäischer Lenker, der die europäischen Bürger «schützen» wolle, wie er mehrfach betonte. Im März werde die EU deshalb bei einem Gipfel ein Weissbuch zur europäischen Verteidigungsstrategie verabschieden. Auf dieser Grundlage sollen sodann militärische Kooperationen und gemeinsame Rüstungsprojekte entstehen.

Viel weiter gediehen ist das französische Fernziel einer europäischen Armee damit nicht. Die Bildung eines «europäischen Verteidigungspfeilers», von der Macron seit Jahren spricht, scheint namentlich in Deutschland und seiner Ampel-Koalition auf wenig Echo zu stossen. Macron wird das Thema heute Freitag zweifellos gegenüber dem neuen deutschen Kanzler Olaf Scholz anschneiden.

Ein europaweiter Zivildienst?

Zum russischen Truppenaufmarsch östlich der Ukraine befragt, konnte Macron nur zur «Deeskalation» aufrufen. Vor zwei Jahren noch sorgte Macron international für Aufsehen, als er die Nato öffentlich für «hirntot» deklarierte. Bei seinem gestrigen Auftritt ruderte er mächtige zurück und bezeichnete das Verteidigungsbündnis als «nützlich und wirkungsvoll».

Macrons einziger konkreter Neuvorschlag im Sicherheitsbereich ist die Bildung eines freiwilligen Zivildienstes für Europäer unter 25 Jahren – nicht gerade das, was die russische Armee vor einer Invasion der Ostukraine abhalten würde.

Dafür kündigte Macron an, er wolle den EU-Partnern eine Reform des Schengen-Raums unterbreiten. Ziel sei es, die Aussengrenzen besser zu schützen und ein politisches Koordinationsorgan zu schaffen. Ein souveränes Europa, sagte der französische Präsident, sei ein Europa, das «seine Grenzen im Griff hat». (aargauerzeitung.ch)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Trump und Macron zelebrieren ihre neue Freundschaft
1 / 28
Trump und Macron zelebrieren ihre neue Freundschaft
Macron ist der erste ausländische Gast, für den Trump seit Beginn seiner Amtszeit einen offiziellen Staatsbesuch abhält.
quelle: epa/epa / jim lo scalzo
Auf Facebook teilenAuf X teilen
Macrons ungewöhnliche Liebesgeschichte
Video: srf
Das könnte dich auch noch interessieren:
Martullo-Blocher will nicht Bundesrätin werden
SVP-Nationalrätin Magdalena Martullo-Blocher wird sich nicht als mögliche Nachfolgerin des abtretenden Bundesrats Guy Parmelin zur Verfügung stellen.
«Ich bin Unternehmerin und das lässt sich nicht vereinbaren», sagte sie zum Schweizer Radio und Fernsehen (SRF).
Zur Story